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Nicole Ansari in “Franta”, einem Film mit
ausgeprägter Farb- und Geräuschdramaturgie |
Im Laufe der Filmgeschichte haben sich, in klarer Abhängigkeit von den
technischen Möglichkeiten, unterschiedliche Theorien für den Einsatz des
Tons im Film entwickelt.
Gerade weil in der Anfangszeit
des Tonfilms dieser vor allem aus Stimme und Musik
bestand und eine überdeutliche Aussprache die Verständlichkeit sichern
sollte, bildeten sich rasch die Gegenpole Parallelismus (Ton folgt
sklavisch dem Bild) und Kontrapunktik (Ton hat ein Eigenleben). Doch
davon wird im Movie-College an anderer Stelle berichtet.
Geräusche haben Qualitäten, die ihren subtilen Einsatz geradezu
aufdrängen. Die Medizin hat die Wirkung von Geräuschen bisher nur in
geringem Umfang untersucht, ist aber zu der Erkenntnis gekommen, dass sie den
sinnesphysiologischen Bereich des Menschen
stark beeinflussen.
Die Wirkung auf das vegetative Nervensystem ist abhängig von der
Lautstärke und der klanglichen Zusammensetzung der Geräusche. Die
Stressforschung untersucht seit Jahrzehnten diese Zusammenhänge.
So wie man das einzelne Geräusch im Tonfilm immer in Verbindung mit den
betreffenden Bildern beurteilen muss, so ist auch seine Wirkung im
Zusammenklang mit anderen Tonelementen (andere
Geräusche, Atmos, Musik) von Bedeutung. Dennoch wollen wir das Geräusch
einmal allein betrachten und seine Wirkung untersuchen.
Der Wahrnehmungsapparat des Menschen kann gleichzeitig eingehende
Sinneseindrücke hierarchisch ordnen.
Bei der bewussten Wahrnehmung eines Filmes stehen die Bilder an erster,
Dialoge oder Texte an zweiter, Geräusche und Musik an dritter Stelle. Die
Dominanz des Bildes wird immer dann deutlich, wenn man sich an Filme zurück
erinnert. Was geschah auf der Tonebene in dem Film, den Sie zuletzt im Kino
(oder Fernsehen) gesehen haben? An die akustische Erzählebene des gesehenen
Filmes erinnert man sich am wenigsten.
Die größere Macht hat das Geräusch eindeutig bei der gleichzeitig
stattfindenden unbewussten Wahrnehmung. Ohne dass wir eine Möglichkeit
hätten, uns dagegen zu wehren, steuern Geräusche unser vegetatives
Nervensystem und nehmen so Einfluss
auf Atmung, Blutdruck und Blutzuckerspiegel. Außerdem können Geräusche
Emotionen verstärken. Wir kennen das von dem tiefen Donnergrollen der
Subwoofer, wenn Erdbeben, Vulkanausbrüche oder simple Lkw in Dolby-Surround
durchs Kino brummen. Aber auch subtilere, feinsinnigere Geräusche wie
Möwenkreischen, Bienensummen, leise Meeresbrandung können dramaturgisch den
Gehalt einer Szene mitgestalten.
Geräusche sind stets ambivalent. Das bedeutet, sie können im jeweiligen
spezifischen Kontext zu anderer Bedeutung gelangen. Das Geräusch spielender
Kinder kann in einem Liebesfilm eine duftige, heitere Stimmung verbreiten. In
einem Thriller über einen Kindesentführer kann das gleiche Geräusch das
Gefühl von Bedrohung und Gefahr erzeugen.
Geräusche,
deren Quelle wir aufgrund von Erfahrung kennen, weisen bei der Wahrnehmung
auf ihren Ursprung hin. Wenn wir entferntes Hundegebell hören, wird eine
ländliche Umgebung oder eine Nachtstimmung in der Großstadt assoziiert,
ohne dass diese im Bild gezeigt würde. Dabei hängt es von dem Zusammenhang
ab, in dem sich das betreffende Geräusch befindet, welche im Bild nicht
vorhandene Realität es herstellt.
Jedes vertraute Geräusch steht stellvertretend für seine Quelle. Mit
Geräuschen kann man Dinge herbeizitieren, die im Bild nicht zu sehen sind,
und trotzdem eine ähnliche Realität setzen wie die im Bild vorhandenen
Phänomene. Man muss die Bomber im Kriegsfilm
gar nicht zeigen, es genügt das Motorengeräusch und das Heulen der Sirenen,
um zu erklären, warum die Filmfiguren flüchten.
In zahlreichen Filmen spiegelt der Zustand der Natur die seelische
Verfassung der Filmfiguren wieder. Auch ohne die Natur im Bild zu zeigen kann
das Geräusch z. B. eines tobenden Sturmes als symbolischer
Parallelismus die Korrespondenz von Natur und dem Schicksal der Menschen
ausdrücken.
Grundsätzlich besteht leicht die Gefahr, dass Fantasie und Erlebnisse der
Zuschauer aufgrund der Ambivalenz von Geräuschen zu Fehlinterpretationen des
Symbolgehalts von Geräuschen führen können. Jemand, der in der Nähe von
Bahngleisen aufgewachsen ist, wird das Quietschen der Güterwagen anders
empfinden, als jemand, dem diese Geräusche fremd sind. Daher sollte man sich
beim Einsatz der symbolischen Bedeutungen der Geräusche möglichst eindeutig
verhalten und nicht allzu weit vom Bild entfernen.
Geräusche können, etwa bei Szenen aus der Arbeitswelt, der Industrie
oder aber auch der Natur eine innige Verbindung mit der im Bild gezeigten
Bewegung eingehen. Dabei kommt es gar nicht auf die Synchronität
der Geräusche mit dem Bild an; es genügt, wenn die innere Bewegung im
Geräusch mit der Bewegung im Bild ungefähr übereinstimmt. Die exakte
Koordination von Bild und Geräusch übernimmt unser Gehirn.
Die Geräuschgags in Slapstick- oder Animations-Filmen
(z. B. Bugs Bunny) zeigen, wie man bei entsprechender Verfremdung unter
Beibehaltung der Übereinstimmung von Bewegungsmustern auf der Bild- und
Geräuschebene humoristische Effekte erzielen kann. Das Bremsenquietschen
eines Wagens, die Geräusche beim Zersägen von Holz, grollender Donner
sind Geräusche, die ihre Entsprechung im Verhalten, dem Seelenzustand oder
der Bewegung von Darstellern haben können.
Wegen der vielfältigen Möglichkeiten, einen Film durch Geräusche
aufzuwerten, gehört neben den technischen Einrichtungen und dem Know-how der
Tonmeister vor allem ein vielseitiges
Tonarchiv zu den wirklichen Schätzen eines Tonstudios.
(Die Tonbeispiele auf dieser Seite wurden
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