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Mancher mag denken, wenn die Dreharbeiten abgeschlossen sind, ist auch der
Film so gut wie fertig. Das Gegenteil ist der Fall. Eigentlich entsteht am
Schneidetisch oder dem Schnittplatz noch einmal eine neue Geschichte. Sie
wird erzählt mit dem vorhandenen Material und nicht, wie beim Drehen
mit Absichten.
Es ist eine Chance für den Regisseur, neu an den Film heranzugehen. Oft
ist man während der Drehzeit mit bestimmten Szenen unzufrieden, die sich im
Schnitt aber als durchaus wertvoll erweisen können. Oder ein Regisseur kann
einen Darsteller nicht so gut leiden, eine Haltung, die sich beim Schnitt
relativieren kann.
Auch wenn der Produzent da völlig anders denkt: Eine Vielzahl von Einstellungen
(nicht Takes!) kann die kreative Gestaltung einer Szene im Schnitt
bereichern. Dabei muss man natürlich beim Drehen die ökonomische
Arbeitsweise im Blick haben. Man kann auch ohne großartige Lichtumbauten aus
einer vorgegebenen Situation mehrere unterschiedliche Einstellungen erzielen.
Man sollte, falls es bei einer Szene keine gute Schnittlösung
gibt, keine Scheu haben, auch in bereits ausgemusterten, also als nicht so
geeignet bewerteten Takes, nach wichtigen Teilen zu suchen. Das ist
zeitaufwändig, aber manchmal findet man in der sonst mittelmäßigen
Einstellung einen guten Blick oder einen Moment, der wunderbar ist.
Montage bemerkt man als Zuschauer, Schnitt aber nicht. Oft gibt man sich
eine Riesenmühe, tolle Anschlüsse zu drehen. Wenn der Zuschauer diese
jedoch bemerkt, hat man etwas falsch gemacht.
Die Schnittzeiten sind meistens zu kurz. Ein abendfüllender Spielfilm (ab
85 Minuten) benötigt etwa 2 Monate für den reinen Bildschnitt. Dann kommt
anschließend noch der Tonschnitt dazu.
Doch dies sind nur Richtwerte. Jedes Projekt hat andere Notwendigkeiten. Sind
es viele Einstellungen, viele Schnitte, ist der Film eher episch in längeren
Bild-Zusammenhängen?
Man kann auch deutlich länger für den Schnitt benötigen, das ist nicht
selten. Jedes Kopierwerk, jedes Mischatelier kann unzählige Geschichten von
verschobenen Terminen erzählen, weil der Schnitt mal wieder länger gedauert
hat.
Der Film „All that Jazz“ von Bob Fosse wurde angeblich fast ein Jahr
lang geschnitten. In Amerika sind oft 20-30 Personen mit dem
Schnitt beschäftigt. Es gibt spezielle Dialogcutter, andere für Action,
Toncutter, Musikcutter etc. Sie alle sind damit beschäftigt,
aus allen möglichen die beste Verknüpfung von Bildern und Tonelementen
herauszufinden.
Sind die Anschlüsse beim Drehen nicht optimal gelöst worden, so kann der
Schnitt die unschönen Übergänge nachträglich glätten. Wenn etwa bei
einem Zusammenschnitt mit Schuss/Gegenschuss die Ausschnitte und
Größenverhältnisse nicht optimal zusammenpassen, kann man im Schnitt
dadurch etwas helfen, dass man den Ton der jeweils folgenden Einstellung eine
Sekunde vorher in die laufende Einstellung vorzieht (vorher beginnen lässt),
um den Schnitt schneller zu machen.
Eigentlich kann man es sich denken, der Begriff Schnitt ist
natürlich historisch bedingt, wurden doch die Bilder und auch die Töne
lange Zeit tatsächlich mit Scheren bearbeitet, bis dann an ihre Stelle
Klebeladen mit präzise fixierten Schneidemessern traten. In den digitalen
Schneideräumen von heute werden Scheren bestenfalls noch zum Öffnen von
Pizzakartons benötigt. |