Eins für
alles – Zukunftsfernsehen
Das Fernsehen der Zukunft soll den
Industrieplanern zufolge anders werden als alles bisher gekannte. Die
fortschreitende Digitalisierung soll mehr Kanäle und zusätzliche Funktionen
ermöglichen. Es soll die Fähigkeiten bisher unterschiedlicher Geräte in
sich vereinen. Schon sitzen die Politiker über ihren Taschenrechnern und
ermitteln die Erträge aus den freiwerdenden Fernsehlizenzen – UMTS lässt
grüßen...
Fernsehen, die heilige Kuh westlicher Kultur, zieht den Menschen in Europa
durchschnittlich drei Stunden täglich in seinen Bann, in den USA sind es
sogar vier Stunden pro Tag. Welcher Lebenspartner kann das schon von sich
behaupten? Doch inzwischen schneiden Internet und Spielkonsolen ein
kräftiges Stück von diesem Zeitkuchen ab, auch wenn sich dies, wegen der
nur teilweisen Durchdringung des Computers in alle Altersschichten, noch
nicht so deutlich in Statistiken niederschlägt. Nicht zuletzt aus dieser
Erkenntnis heraus sollen die Wohnzimmeraltäre der Zukunft den Zuschauer mit
neuen Features aktiver in das Programmgeschehen einbinden.
Interaktivität ist das Stichwort, mit welchem die Inhalte der
Fernsehgeräte ähnlich auf den Benutzer zugeschnitten werden sollen wie das
Internet. In Deutschland, Frankreich und Großbritannien soll es 2010
flächendeckend soweit sein, Italien will bereits drei Jahre früher voll
digital fernsehen.
Das Zauberwort heißt Rückkanal: In einem rückkanalfähigen Netz können
die Zuschauer Daten an die Anbieter zurücksenden. Im Internet ruft man
dadurch andere Seiten auf, im Fernsehen werden z. B. per Fernbedienung
(Auswahl-) Entscheidungen an den Sender übermittelt.
Alte Innovationen
Der Fernseher soll zur allumfassenden Unterhaltungs- und
Informationsplattform für längst bekannte Konzepte werden: Spiele,
Internet, E-Mail und SMS, aber auch interaktive Filme. Dröge
Home-Shopping-Angebote sollen komfortabler und die Aus- und Weiterbildung
revolutioniert werden. Erfahrungen, die man diesbezüglich im Internet und
mit Tele- und Funkkolleg gesammelt hat, ignoriert man bei Bedarf.
Die Vielfalt an Kanälen soll es ermöglichen, Filme auf Abruf (Video on
Demand) zu bestellen und Sonderprogramme für jede Interessengruppe von den
Anglern bis zu den Schneckensammlern bereitzustellen.
Tiefergehende Gedanken darüber, wer denn die Angler- und
Schneckensammlerprogramme finanzieren soll und wie viele individuelle
Programmstarts wie viele Kanäle blockieren sollen, scheinen sich die Planer
noch nicht gemacht zu haben. Noch entscheidender ist ohnehin die Frage, wer
diese Möglichkeiten überhaupt nutzen will. Den Investoren gegenüber wird
gerne der Eindruck erweckt, dass „alle“ entsprechende Angebote annehmen
und damit einhergehende Mehrkosten in Kauf nehmen würden.
Die Depression aus Pay-TV-Erfahrungen speziell in Europa sitzt nach wie
vor tief. Vor allem der Ankauf überteuerter Sport-Übertragungsrechte, durch
die man den Zuschauer mit sanfter Gewalt zu seinem Pay-TV-Glück bewegen
wollte, lies die Mehrzahl der Programmveranstalter in die Krise schlingern.
Die stille Hoffnung besteht darin, dass der bröckelnde Werbemarkt endlich
via Pay-TV durch den zahlenden Zuschauern ergänzt wird – ein Bereich, dem
durch die digitale Übertragung plötzlich völlig neue Wege offen stehen, z.
B. sichere Programmverschlüsselung, direkte Nutzungskontrolle und
Entgelterhebung.
Soziologen und Psychologen gestehen dem Fernsehen in erster Linie den
passiv unterhaltenden Charakter zu. Die nach Schule, Haushalt und Arbeit
erschöpften Familienmitglieder oder Singles, deren Interaktivitätswünsche
mit dem Zappen durch das Senderangebot weitgehend erschöpft sind, bilden
demnach die Mehrheit. Doch jenseits aller Wissenschaft gibt es bereits seit
mehren Jahren praktische Erfahrungen mit interaktivem Fernsehen: BskyB und
BBC in Großbritannien, Canal Satellite in Frankreich und (in sehr engen
Grenzen) der Kirch-Konzern ursprünglich mit DF1, später Premiere World
sowie ARD und ZDF.
Interaktive Erfahrungen
All die
Investitionen haben bislang vor allem gezeigt, dass viele der angebotenen
Anwendungen gar nicht genutzt werden. Tatsächlich nutzen die wenigsten
Zuschauer die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Perspektiven zu wechseln,
sondern verlassen sich vielmehr auf die klassische, von erfahrenen
Bildregisseuren aufbereitete Auswahl. Abgesehen davon verpasst der die Kameraeinstellung
auswählende Zuschauer mit der Fernbedienung garantiert den entscheidenden
Moment. Wer schon einmal ein Fußballspiel mit der Aufnahme nur eines
Spielers, ein Autorennen nur aus einem Fahrzeug heraus anschauen durfte, wie
es etwa im englischen Digital-TV vorkommt, sehnt sich nach den
Bildentscheidungen der Profis.
Zwischen teuer und desaströs schwanken die Erfahrungen mit dem digitalen
Einkauf. Während der Internet-Buchversand Amazon pro Buch nur geringe
Verluste schreibt, wollen Fernsehzuschauer mit dem beschränktem Komfort
ihrer Fernbedienung gar nicht erst kaufen. Bestenfalls für Spaß
versprechende Spiele – insbesondere Glücksspiele – wird auf den Tasten
herumgedrückt. Die Wettbüros über den TV-Sender generieren Einnahmen und
auch die bereits früher schon bekannte Anwendung, Spiele auf dem Bildschirm
ablaufen zu lassen, ist nun ohne Datenträgerkauf als „Pay per Play“
möglich und akzeptiert. Doch die Spielkonsolen-Hersteller stehen mit den
Internetfähigkeiten ihrer „Cubes und Stations“ längst in den
Startlöchern, diesen akzeptierten Mehrwert den digitalen Fernsehmachern
wieder abzujagen.
Die magersten Ergebnisse allerdings lieferten Versuche, den Zuschauer etwa
bei szenischen Inhalten (Fernsehspiele, Spielfilme) die Handlung beeinflussen
zu lassen. Die Erfahrung eines Drehbuchautors
für die bestmögliche Dramaturgie wohnt nun einmal nicht jedem Zuschauer
inne. Auch hier zeigte sich, dass den Zuschauern mehrheitlich an passiver
Unterhaltung statt wiederholtem Entscheiden gelegen ist. Zurücklehnen und
entspannen lautet die Devise der Mehrheit der TV-Zuschauer.
Mehrwert kostet mehr
Leider enthebt Interaktivität die Programmgestalter nicht der
Kausalität, dass nur gute Programme gerne gesehen werden. In der Entwicklung
eines Computerspiels können viele Jahre Arbeit für wenige Stunden Spaß
stecken – das Verhältnis im Fernsehen ist nicht anders. Selbst simple
interaktive Programme sind teurer als konventionelle: Eine Menüführung will
programmiert sein und erweiterte Inhalte müssen bereitgestellt werden.
Werden bei Sportübertragungen alle Kameraperspektiven gezeigt, müssen
weitaus mehr Satelliten-Kanäle für die
Live-Übertragung bezahlt werden. Wenn die Sender schon heute Schwierigkeiten
haben, attraktive Sendungen zu finanzieren, wie sollen dann zusätzliche
Übertragungskanäle bezahlt werden?
Die
Testläufe haben zudem gezeigt, dass auch bei hunderten empfangbaren
Programmen weitgehend nur eine Handvoll Lieblingsprogramme tatsächlich
geschaut wird. Die übrigen Kanäle senden ins Nirwana, nicht für die breite
Masse. Und wie soll den Zuschauern vermittelt werden, dass sie für die
erforderlichen Zusatzdienste teure Set-Top-Boxen kaufen sollen?
Der Testfall BskyB zeigte, dass die Zuschauer nicht bereit waren, die
Kästchen zu kaufen, der Programmbetreiber musste die Decoder an sechs
Millionen Abonnenten verschenken. Zudem sind die Decoder technisch alles
andere als zeitgemäß. Man kann nur ein Programm anschauen, das Aufnehmen
eines zweiten Programms auf Video oder das Anschauen des Kinderprogramms
parallel zum Nachrichtenprogramm der Eltern ist nicht möglich. In
Deutschland gab es zunächst nicht einmal einen einheitlichen Standard.
Kirch-Boxen konnten die digitalen Programmversuche von ARD und ZDF schlicht
nicht empfangen. Gerangel um Betriebssystem, Datenformate, ja sogar
Steckernormen verunsicherten die Kunden zusätzlich.
Schließlich haben sich die deutschen TV-Anbieter September 2001 auf den
MHP-Standard geeinigt; allein die sinnvollen Programminhalte und die etwa 500
Euro teuren Set-Top-Boxen fehlen noch. Die Geräteindustrie sieht keinen Weg,
angesichts der kaum vorhandenen Anwendungen ihre Decoder zu verkaufen und die
Fernsehsender erstellen keine interaktiven Programme für verschwindend
geringe Zuschaueranteile. Ein digitaler Teufelskreis.
Es sind die Versandhäuser, die Reiseveranstalter, die auf die schnellere
Konsumbereitschaft per Fernbedienung hoffen. An innovativen Programminhalten
sind hierzulande bisher nur so altbackene Sendungen wie Wetterbericht, „News
on demand“ oder Horoskopsendungen angedacht. Dazu soll es TV-Banking geben,
die Internet-Gemeinde kann da nur müde lächeln.
Etwa 160.000 fortschrittliche Besitzer der sogenannten F.U.N
Open-TV-Decoder können diese, wegen des Wechsels auf MHP getrost
verschrotten, kein guter Start für neue Interaktivitäten. Die Kirch-Set-Top
Boxen (D-Box) sowie die Premiere Decoder lassen sich zumindest per Software
auf MHP umstellen. Komplette Fernseher mit implementiertem MHP-Decoder
brachte Sony auf den Markt, allerdings zu Preisen, die einer weiten
Verbreitung des Standards entgegenstehen.
Schnittstelle Mensch
Noch etwas anderes muss den Menschen für den Erfolg des alles könnenden
Fernsehers beigebracht bzw. abgewöhnt werden: Der Gebrauch der jeweils mit
ihren Händen und Sinnesorganen optimal nutzbaren Geräte. So seltsam es
klingt, die meisten Menschen surfen am liebsten am Computer durchs Internet,
telefonieren lieber mit einem Telefon und senden Faxe mehrheitlich per
Fax-Gerät, obwohl all dies auch anders funktioniert und sogar in einem
Gerät zu verwirklichen wäre.
Die Elektrowerkzeughersteller hatten ihre „Eins für alles“-Träume
bis in die achtziger Jahre. Eine Bohrmaschine mit Zubehör zum Andocken der
Kreis- oder Stichsäge sowie des Schwingschleifers – das Konzept wurde von
den Anwendern nicht wirklich angenommen. Und auch die
Haushaltsgerätehersteller haben sich vom Staubsauger mit Aufsatz für den
Küchenmixer (soll es tatsächlich gegeben haben!) wieder verabschiedet. Man
darf gespannt sein, ob die Menschen bis zur Einführung des ultimativen
Fernsehers kompatibel genug sein werden – oder ob die Hersteller endlich
einmal vor der vierten Gerätegeneration einsehen, dass man sich am
Verbraucher orientieren könnte.
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