Kameraleute versuchen stets Wege zu finden, den Stil und Look ihres
Filmes möglichst optimal an die Story anzugleichen. Manchmal stoßen sie
dabei an technische Grenzen des Filmmaterials, dann beginnen sie, selbst
zu experimentieren.
Im Gegensatz zu professionellen Videokameras kann man nämlich beim
Film die Gradation (Gamma) nicht an der Kamera einstellen. Die Gradation
bestimmt hier weitgehend der Filmhersteller.
Bei der Gestaltung von Filmen ist aber die Einflussnahme auf die
Gradation von wesentlicher Bedeutung. So haben Kameraleute die
Vorbelichtung des Filmmaterials als einen Weg herausgefunden, die
Gradation des Materials weicher zu machen.
Prinzip
Wenn man Filmmaterial vorbelichtet, wird der Abstand zwischen den
dunkelsten und den hellsten Stellen in der Aufnahme verringert, die
Kameraleute sprechen auch von einer Verflachung der Gradation.
Jedes Filmmaterial benötigt ein gewisses Minimum an Licht, um
überhaupt im Negativ eine Schwärzung hervorzurufen. Wenn nun in dem
Motiv, welches man aufnimmt, stellenweise oder auch im Ganzen so wenig
Licht vorhanden ist, dass keine Schwärzung eintreten würde, kann man
durch Vorbelichtung, also vor der eigentlichen Aufnahme soviel Licht
gleichmäßig aufbelichten, dass es gerade noch keine Schwärzung erzeugt.
Bei der eigentlichen Aufnahme dann benötigt der Film nur noch wenig
zusätzliches Licht, um eine Schwärzung zu erzeugen. Auf diese Weise
werden dunkle Bereiche, etwa die Schatten heller und differenzierter. In
den hellen Bereichen hat das praktisch keine Auswirkung, weil hier das
auftreffende Licht viel stärker ist, als das schwache Licht bei der
Vorbelichtung. Grundsätzlich hat die Vorbelichtung deshalb hauptsächlich
Einfluss auf die Schattenbereiche.
Wirkungsweisen
Man kann durch Vorbelichtung (engl.: Flashing) etwa dunkle Schatten
aufhellen oder Nachtaufnahmen etwas besser aussehen lassen, ohne alles
ausleuchten zu müssen. Auch kann man die Buntheit eines Materials
reduzieren oder sogar bewusst einen Schleier über das Bild legen.
Wenn Filmmaterial forciert wird, also belichtet wird, als hätte es
eine höhere Empfindlichkeit und dann entsprechend länger oder
wärmer entwickelt wird, so wird die Gradation dadurch steiler. Durch
Vorbelichtung kann man diese härtere Abbildung wieder etwas weicher
machen.
Besonders knallige, kräftige Farben können durch die Vorbelichtung
etwas zurückgenommen werden. Das kann besonders bei historischen
Themen realistischer wirken.
Je nach Intensität der Vorbelichtung kann es auch zu Schleier/Nebel
auf dem Bild kommen.
Kopierwerk oder Kamera
Bei dunklen, forcierten Aufnahmen, wird
der härtere Kontrast links im Bild, durch Vorbelichten im rechten
Teil, weicher.
Früher wurde dieses Verfahren fast ausschließlich im Kopierwerk
angewendet. In der Kamera geht es auch, ist aber riskanter: Wenn man den
Film einmal zum Vorbelichten durch die Kamera laufen lässt, ist nicht
sicher, ob die Stege zwischen den Bildern beim Belichten der eigentlichen
Aufnahmen dann an der gleichen Stelle sind.
Dennoch kam es vor, dass Kameraleute sich mit einem Stift die Position
des Bildfensters markierten und dann eine Graukarte mit definierter
Helligkeit oder auch eine gleichmäßige milchige Plexiglasscheibe, ja
sogar einen Frostrahmen mit Diffusorfolie bespannt möglichst unscharf
abfilmten.
Doch wehe, das Bild war nur ein Perforationsloch versetzt beim
eigentlichen Belichten. Deshalb sollte man am Besten vor Ort, dort wo man
dreht, seine Filmrolle in der Kamera vorbelichten, darauf achten, dass das
Material nicht ganz durch die Kamera läuft, sondern kurz vor Ende der
Rolle stoppen und die Kamera (mit Deckel vor dem Objektiv, geschlossenem
Okular, so heißt der Sucher, und geschlossener Blende) rückwärts laufen
lassen.
Dabei ebenfalls darauf achten, das man nur so weit rückwärts laufen
lässt, dass das Material am Filmanfang nicht rausläuft. Digitale
Zählwerke sind da eine wichtige Hilfe. Dann wird beim eigentlichen Dreh jedes
Bild an der richtigen Stelle der Vorbelichteten Bildfelder aufbelichtet.
Kopierwerke belichten deshalb außerhalb einer Kamera, also ohne
Bildfenster gleichmäßig vor. Oder aber auch erst nach dem Dreh, auch
hier gibt es unterschiedliche Philosophien. Auch kann man das Material, da
ist der Name etwas irreführend, auch nach der eigentlichen Aufnahme
"flashen".
Wegen der mechanischen Belastung des Materials wird dieser Prozess aber
nur sehr ungern von den Kopierwerken gemacht. Niemand will für Kratzer,
Schrammen etc. haften, die dabei entstehen könnten. Alternative Verfahren
etwa um die Farbigkeit zu reduzieren, wie die Bleichbadüberbrückung
haben den Nachteil, dass die Schattenbereiche darunter leiden.
Moderne Varianten
Wenn Sie mit dem Mauszeiger auf das Bild
gehen, lässt sich die Arbeitsweise des Varicons erkennen. Die
dunklen Häuser werden spürbar heller mit der Vorbelichtung
Neben der Vorbelichtung im Kopierwerk gibt es auch Verfahren, bei der
Aufnahme gleichzeitig eine Vorbelichtung vorzunehmen, die Systeme nennen
sich Panaflasher, Varicon oder Lightflex. Hier wird ein Filtervor- oder
Einsatz in das Kompendium, also vor das Objektiv gebaut, der dort wo der
Glasfilter eingesetzt wird, beleuchtbar ist. Also das, was man sonst
versucht, von der Optik fern zu halten, nämlich Streulicht, wird etwa
beim Varicon gezielt erzeugt.
Kommt es zum Einsatz, leuchtet der jeweils eingesetzte Filter. Werte
von 5, 10 oder 15 % Flashing sind durchaus üblich und können sogar
helfen, Licht zu sparen. Es erhöht die Empfindlichkeit um etwa eine
Blende, ohne dass sich am Filmkorn irgend etwas ändert. Es kann aber
sein, dass die Schattenpartien etwas wärmer wirken, wenn man diesen
Effekt nicht wünscht, muss man mit dem verwendeten Glasfilter
entgegenwirken.
Wenn Sie mit dem Mauszeiger auf das rechte Bild gehen, sehen Sie die
Funktion.
Generell kann man sagen, dass es etwa wie eine Aufhellung wirkt, also
wie zusätzliche Scheinwerfer oder Reflektoren in den Schattenbereichen.
In jedem Fall sind Tests notwendig, um dieses ungewöhnliche Verfahren
auch sinnvoll nutzen zu können. Etwas hilfreich ist es auch, wenn man die
Kamera auf dunkle Bereiche des Bildes richtet und dort die Wirkung und die
Einstellungen ausprobiert. Dann kann ein erfahrener Kameramann die Wirkung
auch durch den Sucher einschätzen.
Wenn man sie lange eingeschaltet lässt, erhitzen sie sich unter
Umständen sehr. Man muss sich also daran gewöhnen, es immer nur dann
einzuschalten, wenn die Kamera auch tatsächlich läuft. Der Sinn, dass
das Bild dadurch weicher wird, sollte nur in Kontrastreichen Situationen
angewendet werden. In diffusen, kontrastarmen Situationen sollte man es
nicht verwenden.
Verwendet wurde das Verfahren etwa bei "The Long Goodbye",
(Kamera: Vilmos Zsigmond) "Nickel Ride", (Kamera: Jordon
Cronenweth) oder "Dune" (Kamera: Freddie Francis)