Kyrill Ahlvers

Kyrill Ahlvers erläutert, weshalb Silbersalz Film ein neues Kopierwerk aufbaut. Daneben links, Kamerafrau Leena Koppe und Kameramann und Professor Tom Fährmann, rechts von ihm Michel Morales, Produzent und Marc Rothemund, Regisseur

 

Im Rahmen der Tage der Regie 2017, diskutierten Kameraleute, Regisseure/innen und Produzenten über die Magie von analogem Film und die heutigen Möglichkeiten, damit zu produzieren. Im Kinosaal 1 der HFF München fand ein von Kodak und dem Bundesverband Regie (BVR) organisiertes Diskussionspanel statt, welches unter dem Motto "Real Film makes a difference" stand.

 

Auf dem Panel: Christian Wagner, BVR (Moderation) Gäste: Leena Koppe, DoP Marc Rothemund, BVR Peter Zeitlinger, ASC, BVK Tom Fährmann BVK, Prof.HFF Michel Morales, Produzent, Aviv Pictures Kyrill Ahlvers, DoP u. Colorist, Silbersalz Film Michael Boxrucker, BVK, KODAK motion picture film.

 

Bestandsaufnahme

 

Zur Begrüßung erläutert Michael Boxrucker, Kameramann und Repräsentant von Kodak anschaulich, wie es aktuell um den analogen Film steht. Er beobachte in diversen Bereichen eine Sehnsucht der Menschen nach haltbaren, nachhaltigen Dingen, so sei der Verkauf von Venylschallplatten derzeit auf einem 25 Jahres Höchststand. Kodak werde 2018 eine neue Super 8 Kamera auf den Markt bringen.

 

Am Gesamtvolumen gedrehter Filme weltweit, habe der analoge Filmverkauf (Negativ Farbe) sich von den Verkäufen von 2015 auf 2016 verdoppelt, insgesamt habe er noch einen Marktanteil weltweit von unter einem Prozent. Und darunter seien nicht wenige hochkarätige Filme. Wenn man dann die Zahlen in der Festivalauswertung und Preisen betrachte, so sähe das ganz anders aus. Von den Oscar Nominierungen 2017 waren ein Drittel Produktionen auf analogem Film, in Cannes waren 25 % der Wettbewerbsfilme analog gedreht. Und nach wie vor böte analoger Film den größten Dynamikumfang im Vergleich mit digitalen Kameras.

 

Ganz besonders liege ihm auch eine Kontinuität in der Ausbildung mit anlogem Film an Filmschulen am Herzen und Kodak würde versuchen, interessante Hochschulprojekte nach Möglichkeit zu unterstützen.

 

Christian Wagner (Regisseur) berichtet, wie viele unterschiedlichste Videoformate er von seinen Filmen lagere, manche die man gar nicht mehr abspielen könne, während eine Filmkopie nach wie vor abgespielt, abgetastet und in bester Qualität digitalisiert werden könne. Er habe seine älteren Filme alle neu abgetastet und restauriert. Und er erinnert sich, wie bei seinem ersten Film eine Paketlieferung mit analogem Filmmaterial, die er beim Paketboten bar bezahlen musste, angeliefert wurde.

 

Anfang vom Untergang?

Praktisch alle auf dem Panel hatten schon mit analogem Film gearbeitet, als Regisseure, Kameraleute oder Produzenten, doch ihre Haltung zum digitalen Drehen fiel recht unterschiedlich aus.

Peter Zeitlinger Kameramann, der u.a. mit Werner Herzog gedreht hat, sagt, "Film ist Massage für die Retina". Für ihn war Video der Anfang vom Untergang. Für ihn sind es verschiedene Aspekte, die den Unterschied zwischen digitalem und analogem Filmdreh ausmachen:

1. Die Ästhetik, das ist für ihn eher eine Geschmacksfrage, darüber könne man streiten, Hauttöne wären digtal beispielsweise viel schwieriger
2. Die Gruppendynamik. Film ist Kunstform aber wenn alle in die Kontrollmonitore glotzen dann sei das zutiefst unkünstlerisch.
3. Der Aspekt der Konzentration. Zeitlinger hat einen Film gedreht, der sowohl auf Video als auch Film entstand. Interessanterweise herrschte bei den Teilen, die auf Film gedreht wurden, stets eine riesige Konzentration. Jeder konzentrierte sich und auch die Schauspieler waren besser.

4. Beim analogen Film sind hochspezialisierte technische Teammitglieder notwendig. An digitalen Sets sei es nicht mehr zwingend, dass die Mitarbeiter auch wirklich Top-Kräfte wären.

Für Zeitlinger ist Digitales Video "Fastfood mit Geschmacksverstärker" und die Geschmacksverstärker seien die Codecs.

 

 

Tom Fährmann, Kameramann u.a. für Sönke Wortmann, Volker Schlöndorf etc. und Leiter der Kameraabteilung der HFF München, hielt Aussagen, wonach man bei Film disziplinierter arbeite, für Unsinn. Wenn man Konzentration am Set wolle, bekäme man die auch, ganz gleich ob analog oder digital gedreht werde. Auch das Argument, dass bei digitalen Sets die Kameras viel länger, oft unnötig liefen, könne er nicht verstehen. Es gäbe klare Kommandos, "Bitte" und "Aus" und danach seien auch digitale Kameras abzuschalten.

 

Er unterstreicht den Gedanken, dass es sich um eine ästhetische Entscheidung handle, wenn man Filmlook haben will müsse man auf Film drehen. Es sei Quatsch digital zu Drehen und dann Korn drauf zu rechnen. Tom Fährmann hat Arri bei der Entwicklung der Alexa beraten und dreht mehrheitlich digital. Die Probleme von Film und Digital seien von der Anzahl gleich, sie hätten nur einen anderen Namen. Auch gibt er zu Bedenken, wie seltsam doch die Wünsche der Kameraleute gewesen seien. Als sie noch auf analogem Film gedreht hätten seien sie den Kodakleuten ständig in den Ohren gelegen, sie wollten weniger Filmkorn. Jetzt hätten sie kein Korn im Digitalen und seien auch unzufrieden.



Er fügt eine Anekdote an,- bei dem analog gedrehten Film "Sandmann" war Hauptdarsteller Götz George krank, er hatte Bronchitis. Eigentlich hätte er gar nicht drehen können, aber sie haben es trotzdem getan und oft nur einen Take gedreht, das sei extrem konzentriert und eine besondere Erfahrung gewesen.

 

Laute Lüfter und weniger Achtsamkeit

Marc Rothemund, Regisseur unter anderem von "Sophie Scholl" und "Heute bin ich blond", berichtet, dass er früher in Verträgen Drehverhältnisse von 1:6 stehen hatte, und sich erst später davon losgelöst hat. Heute habe er bei digitalen Drehs ein hohes Drehverhältnis, die Kameras müssen viel laufen. Man brauche keinen Kassettenwechsel mehr wie in der analogen Welt, so würden die digitalen Kameras dauernd laufen. Er vermisse das Surren der analogen Kamera, die digitalen Kameras surrten anders, deren Lüfter seien lauter als die analogen Kameras damals.


Er habe sich lange gewehrt gegen Led Displays. In der Ästhetik sei damit ein grosser Abstieg passiert, mit den Flatscreens.
Auch bedeute der digitale Dreh einen Mehraufwand in die Schauspieler und das Team in die Konzentration. Am digitalen Set seien mehr Leute, das Bild werde parallel schon gegradet und vor allem hingen überall Kabel an den Kameras herum.

 
Es stünden inzwischen Kameras am Set herum, die seien ohne Okular, man sitzte nur noch vor Monitoren. Wenn er durch das Okular schaue, sei es wie Kino er sehe kein Drumherum mehr, also maximale Konzentration auf das Bild. Er versuche auch, beim Dreh so nah wie möglich an der Kamera und den Schauspieler-innen zu stehen.


Er habe auch bei analogen Drehs nie so oft Unschärfen erlebt, wie bei digitalen Drehs. Die Schärfeassis hockten oft irgendwo neben einem Monitor und würden an ihrer Funkschärfe den Fokus mitziehen. Auch die Maske dauere länger, man müsse anders schminken. Sponatanität, Schnellschüsse, wo man mal eben mit der Kamera auf der Schulter noch etwas Ungeplantes drehe, gäbe es kaum noch.


Tom Fährmann widerspricht, der Aufwand für die Maske sei gleich.

 

Bei Low Budget ist analoger Film teuer

 

Michel Morales, Produzent u.a. von "Euphoria", meint, der digitale Dreh mache bei kleinen Budgets durchaus Sinn, weil man Geld sparen könne. Bei höheren Budgets aber, sei es egal.



Nach seiner Erfahrung würde bei Digitaldrehs die Kamera permanent laufen. Man müsse dann in der Folge Daten vorhalten, Sichten und Speichern. Was man beim Dreh vielleicht einspare, zahle man in der Postproduktion wieder drauf. Allein all das Material zu Sichten, sei für die Cutter-innen ein Riesenaufwand.

 

Auch er beobachte eine andere Konzentration bei analogen Filmdrehs. So ein Team sei ein Sack voller Flöhe. Wenn eine Filmkamera am Set stünde, sei da eine ganz andere Konzentration. Wenn auf analogem Film gedreht wurde war das Drehverhältnis niedriger, es gab weniger Unschärfen etc. Es entstehe eine Magie bei analogen Filmdrehs, die digital nicht gehe. Er höre lieber das Geräusch einer Filmkamera als eines Lüfters.

 

Neues Filmlabor

Kyrill Ahlvers, DoP u. Colorist, Silbersalz Film berichtet, dass sie gerade dabei seien, in Stuttgart ein neues Kopierwerk/Filmlabor aufzubauen. Den Filmlook könne nur Film wirklich erzeugen. Das Silbersalz Team ist begeistert vom Filmlook. Das sähe geil aus, mache total Spass und Analog sei ein Weg, um aufzufallen.
Sie hätten sich umgeschaut, wie sie weiter analogen Film nutzen könnten, die meisten Labore seien geschlossen worden oder seien so weit weg da machten sie es eben selber.

 

Wenn sinnvoll, dann analoger Film

Leena Koppe, Kamerafrau, meint, die Wahl, worauf man drehe sei eine Entscheidung, die sie mit Regie und Produktion treffe. Sie habe es mehrfach nicht geschafft auf Film zu drehen, weil die Produktion meinte, das sei zu teuer. Sie denke oft, das stimmt nicht. Wenn man wisse was man wolle könne man auch analog sparsam drehen.



Die natürliche Schönheit des Menschen sei von der digitalen Industrie zerstört worden. In Österreich haben alle Labore zugemacht. Es sei digital nicht alles besser und billiger. Es werde nur mehr an Aufwand und Kosten auf die Postproduktion geschoben. Sie sei nach wie vor Verfechterin von analogem Film.

 

Gestalterische Freiheit

Tom Fährmann erinnert daran, dass es im Film letztlich darum gehe, Geschichten und Emotionen zu erzählen und dann suche sich jeder das aus, womit er/sie das am besten tun könne.

Kein schlechtes Schlusswort für einen spannenden Ausflug und Bestandsaufnahme zur Arbeit mit analogem Film, denn es geht eben nicht um einen besseren oder schlechteren Weg, sondern um die Freiheit der Auswahl, mit welchen gestalterischen Mitteln Geschichten in Zukunft erzählt werden können.

 

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