Haben Sie’s gewusst? Der Weihnachtsmann ist neben Dracula die wohl
meistverkörperte Gestalt im Filmbusiness. Von der harmlosen Komödie „Santa
Claus“ über den Thriller „Lieber, böser Weihnachtsmann“ bis hin zu
dem Trash-Auswuchs „Santa Claus mit Muckis“:
Der Rote-Zipfelmützen-Mann überfällt uns auch dieses Jahr in
dutzendfacher Ausgabe, indem er im vorabendlichen Weihnachtsprogramm
herum-ho-ho-hot. Er kommt in Gesellschaft von „Charles Dickens
Weihnachtsgeschichte“ („A Christmas Carol“), die in Amerika ebenso zu
Weihnachten gehört wie der Baum, das Essen, die Familie...
Nicht umsonst wurde der Klassiker über 200 Mal verfilmt. Die erste
Version ist ein Stummfilm von 1910, im Laufe der Jahre adaptierten aber
vornehmlich Comic-Stars (Bugs Bunny, Mickey Mouse, Mr. Magoo, Jetsons,
Feuersteins, Muppets) die bekannte Geschichte und bestimmen seither zu
Weihnachten das Fernsehprogramm für die Kleinen. Für den unwahrscheinlichen
Fall, dass jemand die Geschichte noch nicht kennen sollte, hier eine
Kurzzusammenfassung:
Ein arroganter, kaltherziger Geizkragen wird zu Weihnachten von drei
Geistern heimgesucht: Dem Geist der vergangenen Weihnacht, dem Geist der
gegenwärtigen Weihnacht und dem Geist der zukünftigen Weihnacht. Jeder
Geist nimmt ihn mit auf eine Reise, auf der er ihm jeweils seine
unfreundliche Vergangenheit, seine miese Gegenwart und seine pechschwarze
Zukunft präsentiert. Schockiert von seiner Habgier und Herzlosigkeit wird er
geläutert und hilft den Armen und so weiter und so fort. Sülz! Das dachte
sich scheinbar auch Action-Spezi Richard Donner, als er 1988 den Stoff als
grelles, wenig besinnliches Horrormärchen aufplusterte: „Die Geister, die
ich rief...“ mit Bill Murray ist eigentlich eine ätzende Satire auf den
Weihnachtsschmalz; doch wie so häufig siegt im Finale Kitsch über
Sarkasmus.
Bedrohliches
Fest
Der Schrecken kommt zu Weihnachten: Das haben nicht nur
Action-Spezialisten erkannt, die Bruce Willis nicht umsonst zur
besinnlichsten Zeit des Jahres langsam dahinsterben lassen („Die Hard“)
oder Geena Davis tödliche Weihnachten wünschen („The Long Kiss Goodnight“),
zuletzt durfte Ben Affleck im Nikolaus-Kostüm blutige Weihnachtsgrüße
verteilen („Raindeer Games“). Und auch Einbrecherschreck Kevin (Macaulay
Culkin) wird erst zur Weihnachtszeit so richtig quälgeistig.
Wo Gespenster, Quälgeister und Killer sind, können andere
Monstrositäten nicht weit sein: Die Palette reicht vom Grinch über die
Gremlins bis zum Pinguin-Mann. Weihnachten ist seit jeher immer auch ein Herd
von Übel, Angst und Killerviechern gewesen. In Amerika ist die Geschichte
vom Grinch ähnlich bekannt wie das Märchen von Charles Dickens; im vorletzten
Jahr verfilmte Ron Howard die Vorlage „Dr. Seuss’ How the Grinch Stole
Christmas!“ mit Jim Carrey als grünhaariges Ekelpaket, das Weihnachten
hasst und deshalb allen anderen das Fest gründlich vermiesen will. Da
fackelt der Weihnachtsbaum ab, da werden die Geschenke aufgesaugt, da wird
herumgekaspert bis zum Abwinken... Ein durchschlagender Erfolg gelang diesem
unoriginellen, hysterischen Ausstattungskino allerdings nur in den USA.
Weihnachts-Monster
1984 entführte uns Joe Dante in die Welt der „Gremlins“; ebenfalls
grün und mindestens doppelt so ekelhaft, böse und fies wie der
Teletubby-Grinch Jim Carrey, sorgten die Gremlins (kleine grüne Monster, die
sich rasant vermehren) für Angst und Schrecken in einer Kleinstadt. Da wird
ein Hund an der Weihnachtsbeleuchtung aufgehängt, da werden Lieder wie „Stille
Nacht“ ganz erfrischend neu interpretiert, da sticht der Weihnachtsbaum
befallen von Gremlin-artigen Dämonen mit dem Messer auf das
Familienoberhaupt ein – so muss das sein, Herr Grinch! Von grün, klein und
glibberig zu bleich, fett und watschelig: Der Pinguin-Mann (Danny DeVito)
sorgte in Tim Burtons brillant-düsterer Comicmär „Batmans Rückkehr“
(1992) für erhöhten Pulsschlag. Die an Weihnachten geborene Missgeburt wird
von seinen schockierten Eltern – nur geschützt von einem Binsenkörbchen
– in die Kanalisation hinabgeworfen. Dreißig Jahre später kehrt der
Verstoßene zurück und sorgt für blutgetränkte Weihnachten in Gotham City.
Batman, übernehmen Sie! Biblische Motive, wohin das Auge blickt: Der
Pinguin-Mann wird an Jesu Geburtstag geboren, von seinen Eltern ausgesetzt
wie einst Moses, und stirbt im Alter von 30 Jahren. (Na, na, na? Richtig!
Genau wie Jesus...!) Burton schuf die berauschendste Comicverfilmung aller
Zeiten und seinen bis heute besten Film.
Burton mag es eben weihnachtlich und vor allem monströs, man denke nur an
das Grusical „Tim Burton’s Nightmare Before Christmas“ oder auch an den
romantisch-schrägen, herrlich kitschigen „Edward mit den Scherenhänden“
(1990) mit Johnny Depp und Winona Ryder. Unvergessen die Szene, in der Edward
(Depp) mit seinen Scherenhänden eine haushohe Eisskulptur modelliert und
seine junge Liebe Kim (Ryder) in den aufwirbelnden Kristallflocken sinnlich
ihre Kreise dreht. Hach, wie schööööööööön!
Weihnachtszauber
Vergessen wir die Monster, werden wir besinnlich! Es gibt Filme, die so
direkt gar nichts mit Weihnachten zu tun haben, die wir aber gerade zu den
Festtagen immer wieder gerne sehen. So ist das Vormittagsprogramm jedes Jahr
mit wunderbaren, meist tschechischen Märchenfilmen gepflastert. Einer dieser
Märchenfilme hat durch seine jährlichen Wiederholungen letztendlich
richtigen Kultstatus erlangt und kann sich einen Sendeplatz zur Prime Time
erlauben. Die Rede ist von „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ von
Václav Vorlícek (CSSR/DDR 1973, mit dem charmanten Originaltitel „Tri
Orisky Por Popelku“). Ein Film, der in atemberaubenden Winterlandschaften
sanft wie eine Schneeflocke umhertänzelt und mit seiner bildhübschen,
engelsgleichen Hauptdarstellerin Libuse Safránková zur ultimativen
Aschenputtel-Verfilmung avancierte.
Klassiker
Kommen wir zurück zu den Klassikern: 1946 traf Regisseur Frank Capra mit
seiner Schnulze „Das Leben ist schön“ (Originaltitel: „It’s a
Wonderful Life“) den Nerv des amerikanischen Publikums. Zur Weihnachtszeit
ist das Engel-kommt-auf-Erden-Drama mit James Stewart Pflichtprogramm.
Man mag es kaum glauben, aber wo die Amerikaner sich schnell im
zuckersüßen Kitsch-Schnulz-Sülz-Schmalz-Land verlieren, haben die
deutschen Filmemacher bisher Stärke bewiesen. Man denke an Caroline Links
poetisches Wintermärchen „Jenseits der Stille“ (1996), an Tom Tykwers
selbstzerstörerisches Liebesdrama „Winterschläfer“ (1997) oder an Dani
Levys skurriles Beziehungsdrama „Stille Nacht“ (1995). Jeder dieser drei
Filme ist ein hervorragendes Stück Arbeit: Regie, Kamera, Besetzung,
Drehbuch und Musik jeweils zum Niederknien. Aber genug des Selbstlobs,
schließlich haben wir auch „Weihnachten mit Willi Wuff“ verbrochen...