Geschichte
der Filmmusik
32 Jahre lang war der Film stumm, bevor er sich Tonfilm nennen durfte,
Musik jedoch war immer zu hören. Hier ein kurzer historischer Abriss von den
Anfängen:
Bereits die erste Vorstellung der Gebrüder Lumiére im Grand Café am
28.12.1895 mit kurzen dokumentarischen Filmenreview. Ankunft eines Zuges,
Babys Frühstück u. a. wurde von einem Pianisten musikalisch begleitet.
Historischer Zusammenhang zwischen Technik und Nutzung von
Filmmusik
Ohne Ton wirkten die schwarzweißen Filme leer, fast ein wenig
gespenstisch, daher war es üblich, dem Stummfilm Ton (Musik) hinzuzufügen.
Klavier, Kinoorgel, ja oft sogar riesige Orchester lieferten die
Hintergrundmusik und passten sich dabei geschickt an die unterschiedlichen
Aufführungsorte an.
Bei einer Kinematographen-Vorstellung am 23.11.1897 im Schloss Windsor vor
Königin Victoria spielte das Empire Orchestra. Dies nahm eine Entwicklung
voraus, die in den 20er Jahren, vor allem in Amerika, ihren Höhepunkt hatte.
Während der Film auf Jahrmärkten, in Penny Arcades und Nickelodeons zu
einem Massenvergnügen, vor allem für die Armen, wurde, gab es unter der
Paramount-Devise „Erlesene Filme für ein erlesenes Publikum“ eine
konträre Entwicklung. – Filmpaläste entstehen, in denen Orchester mit
sechzig Musikern zum üblichen Komfort gehören.
Zu den Filmen lieferten die Produktionsgesellschaften so genannte „Cue
Sheets“ (Stichwortlisten), an denen sich die Pianisten bzw. Dirigenten
orientieren sollten.
Sie
enthielten ein Sortiment musikalischer „Grundstimmungen“ wie Freude,
Heiterkeit, Angst, Trauer, Spannung und wurden zu den entsprechenden
affektiven Situationen der Filme gespielt.
Mit der rasch expandierenden Filmindustrie wuchs das Angebot an
differenzierteren, aber immer noch stark typisierenden „Cue Sheets“.
Diese bedienten sich auch bei der sinfonischen Musik und bei der Opernmusik.
Man kompilierte Beethoven, Grieg, Liszt, Rossini, Verdi und Wagner,
aber auch Dixie, Ragtime, Märsche und Hymnen.
Aber auch unbekannte Komponisten lieferten musikalische Versatzstücke
für die Begleitung von Stummfilmen. Parallel dazu begannen Anfang der 20er
Jahre renommierte Komponisten damit, Stummfilmmusik sorgfältig
auszukomponieren.
1921 Paul Hindemith schrieb die Partitur zu Arnold Fancks: Im
Kampf mit dem Berg
1924 Erik Satie komponierte die Nusik zu René Clairs Entr'acte
1925 Darìus Milhaud schrieb die Musik zu L'Inhumaine
1926 Edmund Meisel die Partitur vom Panzerkreuzer Potemkin
1927 Arthur Honegger – Napoleon Gottfried Huppertz –
Metropolis
Solche Stummfilpartituren steigerten das Ansehen der Stummfilmmusik, waren
aber aus technischen Gründen nicht beliebig reproduzierbar. Besondere
Probleme bereitete der notwendige Gleichlauf von Bild und Musik – die
Lösungsversuche (z. B. ein unter das Filmbild einkopiertes Notenband)
waren unvollkommen und beeinträchtigten die Bildwirkung.
Der Tonfilm erst schuf die technischen Voraussetzungen für den freien,
kreativen und vor allem reproduzierbaren Musikeinsatz zum Film. Obwohl der Lichtton
bereits 1921 von Hans Vogt, Joseph Masolle und Dr. Engl erfunden wurde,
gelang ihm der Durchbruch erst 1927 mit dem Film Jazz Singer von Alan
Crosland.
Von Filmmusik jedoch konnte in den ersten Jahren des Tonfilms kaum die
Rede sein. Man setzte vielmehr auf Gesangsnummern und beliebte Stars, welche
beim Publikum gut ankamen.
Beispiele: Der Jazz-Sänger, Lichter von New York, der singende
Narr, Broadway-Melodie, der Straßensänger, Ich küsse ihre Hand, Madame,
Die drei von der Tankstelle, Der blaue Engel u. a.
Ansteigende Arbeitslosigkeit, Positionskämpfe zwischen den Parteien und
die zur Macht drängende NSDAP waren Entwicklungen, die in Deutschland Filme
und Filmmusik entstehen ließen, die in krassem Gegensatz zu den üppig
ausgestatteten Revuefilmen standen.
Beispiele: Niemandsland (Victor Trivas), Westfront 1918 (Georg
Wilhelm Pabst), Dreigroschen-Oper Dreyfus (Richard Oswald) M
(Fritz Lang) Kuhle Wampe (Slatan Dudow) u. a.
Die Weltwirtschaftskriese bedingte ähnliche Entwicklungen in den übrigen
Filmnationen. Die Tendenz, nicht mehr musikalische Versatzstücke zu
kompilieren, sondern jeden Film mit einer neuen Musik auszustatten, hatte
sich recht schnell durchgesetzt, und die neue Technik des Lichttons
ermöglichte absolut synchrone Entsprechungen der Affekte von Handlung und
Bild in der Musik. |