Farben als Leitmotive in „Franta“
Sabine Gutberlet und Jan Kurbjuweit
Nein, es soll im Folgenden nicht um das Vereinsmotto des örtlichen
Pfadfinderclubs gehen, sondern um ein gestalterisches Element, welches im
deutschen Sprachraum geprägt wurde und deshalb selbst im amerikanischen und
französischen Kino ohne Übersetzung als „Leitmotiv“ bezeichnet wird.
Film hat – wie auch Literatur und Musik – sehr viel Verwandtschaft mit
der Mathematik. Im Verlauf einer Geschichte oder eines Filmes wiederkehrende
Elemente sind in beinahe allen Filmwerken zu finden. Dies transportiert nicht
nur Inhalte, sondern es verbindet, vereint die Struktur einer literarischen,
filmischen oder musikalischen Komposition.
In der Musik wird häufig Richard Wagner als Namensgeber der Leitmotive
benannt, musikalische Erinnerungsmotive, die bereits Geschehenes beim
Zuhörer erneut ins Bewusstsein rufen. Aber auch in Kompositionen von
Hector Berlioz, Carl Maria von Weber oder Franz Liszt finden sich
Leitmotive.
In der Literatur hat das Leitmotiv eine vergleichbare Funktion, es ruft
dem Leser – durchaus auch in Variationen – bestimmte Ereignisse,
Situationen oder Personen wieder ins Gedächtnis.
Unter Leitmotiv versteht man beim Film ein Thema, ein Motiv, welches mit
einer bestimmten Filmfigur, einer Örtlichkeit oder einer Idee verbunden ist
und unter dramaturgischen Aspekten innerhalb eines Filmwerks wiederholt wird.
Dabei erfährt es eine Verstärkung, wird eindringlicher für den Zuschauer.
Dabei kann sich dieses Leitmotiv auf vielfältige Weise ausprägen.
Als Einstellung: Etwa wenn durch verkantete Kamera
klaustrophobische Gefühle oder durch wankende Handkamera der Einfluss von
Alkohol, Halluzinationen etc. herbeizitiert werden. Wenn in „Vertigo“
der Detektiv John „Scottie“ Ferguson (James Stewart) Höhenangst
bekommt.
Als Tonelement: Eine Filmfigur ist in der Nähe eines Bahngleises
aufgewachsen, sodass das wiederkehrende Geräusch eines vorbeipolternden
Güterzuges an die Kindheit der Figur erinnert. Gleichermaßen kann der
vorbeifahrende Krankenwagen an den Verlust eines guten Freundes erinnern
etc.
Als Dialogteil: Eine Filmfigur wurde durch bestimmte Sätze
moralisch erniedrigt. Diese Formulierungen werden von einer anderen Person
zu einem späteren Zeitpunkt im Film wieder verwendet.
Als Musik: Unser Filmheld war in der Vergangenheit unsterblich
verliebt. Seine Jugendliebe hat er aber aus den Augen verloren. Der
Filmkomponist hat dieser Liebe jedoch ein musikalisches Motiv gewidmet,
welches im Verlauf des Filmes immer wieder auftaucht, wenn der Held sich an
seine alte Liebe erinnert, nach ihr sucht, oder sie sich ihm sogar zeigt,
er die „Unbekannte“ aber zunächst nicht wiedererkennt.
Im Film „Der dritte Mann“ steht die Zither-Musik von Anton Karas
stellvertretend für Harry Lime (Orson Welles) oder bei „Krieg der Sterne“
(Musik: John Williams) Skywalkers „Anakin’s Theme“ – eine
bezaubernde Melodie – für Anakins Abkehr vom Bösen.
Es kann auch durchaus mehrere Leitmotive nebeneinander geben, wie „As
Time Goes by“ (Musik: Max Steiner) und die „La Marseillaise“ in
Casablanca anschaulich machen.
Als thematische Verknüpfung: Innerhalb eines Filmes geschehen
bestimmte Ereignisse stets zu bestimmten Daten (immer an Feiertagen,
Geburtstagen, immer an Weihnachten, an Halloween etc.) oder eine Filmfigur
wird immer wieder von ihrer (unrühmlichen oder tragischen) Vergangenheit
eingeholt.
Als Orte: An bestimmten Orten tritt etwas wiederkehrend ein. In
Historien- und Fantasyfilmen werden gerne bestimmte Orte mit Eigenschaften
belegt, an denen sich irgendein Geschehen wiederholt, so z. B. auf
Schlachtfeldern oder Turnierplätzen.
Ausstattung als Leitmotiv in „Endloser
Abschied“
mit Hilde Ziegler
In der Ausstattung. Bestimmte Requisiten oder stilistische
Elemente können andere Zusammenhänge symbolisieren. In „Endloser
Abschied“ findet sich das fortschreitende Krankheitsbild einer
Alzheimer-Patientin in einer verfremdeten Wohnwelt wieder. Für kurze
Momente scheinen Alltagsgegenstände, ja sogar die ganze Zimmereinrichtung
mit einer Art Rauhputz überzogen. Ein Sinnbild für die Krankheit.
Als Farbe: In dem Film „Wenn die Gondeln Trauer tragen“
(Nicholas Roeg) wird die Farbe rot als Leitmotiv genutzt. In „Franta“
taucht ein bestimmtes Blauviolett als Wagenspuren im Sand, in der Uniform
Frantas und in der Kleidung der Flüchtlingsfamilie wiederkehrend auf.
Als poetisches Motiv: Die Zeit (Lebenszeit, Zeitdruck, Uhren)
oder Gegensätze, Entfernung etc. tauchen in Variationen, die sich
aufeinander beziehen, auf.
Als Montageelement: Ein visuelles Motiv kehrt während des Films
immer wieder, um z. B. die Obsessionen einer Filmfigur zu
symbolisieren.
Dies ist nur eine Auswahl der Möglichkeiten, man kann mit detektivischem
Geschick in Filmen noch zahlreiche andere Varianten entdecken.
Auf Ihrer eigenen Suche nach Leitmotiven in den Filmen, die Sie
betrachten, sollten Sie sehr aufmerksam sein, um die Spur zu verfolgen. So
etwas lässt sich idealer Weise mit Video oder DVD bewerkstelligen. Sie
werden einige Sequenzen mehrfach anschauen, sich Fragen stellen.
Welche Verknüpfungen oder Stimmungen erzeugen die
Leitmotive?
Auf welche Weise geschieht dies: aus sich selbst heraus
oder in Verknüpfung mit den Filmbildern?
Wann tauchen die Leitmotive auf?
In welchem Verhältnis stehen sie in Bezug auf den
gesamten Film?
Bleiben die Leitmotive konstant, oder verändern sie
sich, vielleicht sogar in Verknüpfung mit der dramatischen Entwicklung
der Handlung?
Nicht selten sind Leitmotive in Filmen unter der Oberfläche und nicht so
leicht aufzuspüren. Nicht aufgeben, Sie wissen ja, in einem guten Film kann
man auch beim x-ten Anschauen noch etwas Neues entdecken...