Kameraposition zum Motiv
Die Position der Kamera in Bezug auf das Motiv, den Darsteller, hat
großen Effekt auf die dramatische und psychologische Wertigkeit einer
Einstellung. Hier ein paar Grundlagen über mögliche unterschiedliche
Signale, die unbewusst durch die Kamerahöhe gegeben werden können.
Vogelperspektive
Die Vogelperspektive macht die Personen winzig, stellt sie stark in den
räumlichen Kontext. Zudem können auch Konstellationen von Personen
zueinander, etwa Verfolger und Verfolgte oder Gegner in einem Kampf durch die
Vogelperspektive ähnlich wie in einem Strategiespiel analytisch aufgezeigt
werden.
In Bezug auf eine Szene oder einen ganzen Film kann man eine oder mehrere
Filmfiguren quasi in der Welt finden und sich ihnen dann in den folgenden,
näheren Einstellungen kennen lernen. Umgekehrt kann man sie auch gegen Ende
einer Szene oder eines Filmes auch wieder an die Welt und die Zeit verlieren.
Aufsicht
oder Obersicht
Die Aufsicht lässt die Kamera noch immer von oben, aber viel näher auf
die Filmfigur schauen. Die Kameraposition liegt deutlich über der Filmfigur
und schaut auf sie herab.
Damit wird die Filmfigur kleiner gemacht, gedrückt. Gleichzeitig wird der
Zuschauer oder die Filmfigur deren Subjektive das Bild darstellt, größer,
stärker, mächtiger. Wie ein Riese, der auf einen Zwerg schaut, verringert
die Aufsicht die Bedeutung der Filmfigur. Die Filmfigur muss zum Betrachter
aufschauen.
Augenhöhe
Nun
kommen wir zu der am häufigsten anzutreffenden Höhe: Der Augenhöhe. Man
orientiert sich mit der Kameraposition an der Augenhöhe der Darsteller, ganz
gleich ob diese stehen, sitzen, Erwachsene oder Kinder sind.
Dadurch wird eine neutrale, die Ebene der Filmfigur einnehmende Wertigkeit
erreicht. Es besteht Übereinstimmung mit der uns gewohnten Seherfahrung, die
Darsteller werden psychologisch ausgewogen abgebildet. Auch bei der Montage
von Schuss/Gegenschuss bekommen zwei oder mehrere Partner im Film optisch
eine ähnliche Wertigkeit zugeteilt.
Untersicht
Die Untersicht positioniert die Kamera tiefer als die Filmfiguren. Wir
schauen aus einer niedrigen Position hinauf zu den Figuren. Diese, den
Zuschauer oder die Filmfigur, die subjektiv schaut verkleinernde Perspektive
wird häufig in Thrillern oder Horrorfilmen verwendet, um die Spannung zu
erhöhen. In Gerichtsfilmen schauen Richter gerne auf die Angeklagten herab.
Man kann die Gefährlichkeit und Macht der aufgenommenen Figur
erhöhen. Ganz nebenbei kann diese Position etwa bei Außenaufnahmen den
Hintergrund stark verändern. Statt einer realen Welt sieht man nur den
Himmel, oder nur weiße Zimmerdecke als Hintergrund. Auch dies bedeutet
Stilisierung, kann störende oder irritierende Hintergründe aussparen.
Froschperspektive
Wenn die Kamera direkt vom Boden unmittelbar vor dem Darsteller sehr steil
hinauffilmt, sprechen wir von der Froschperspektive. Diese sehr extreme
perspektivische Verfremdung wird gerne in Märchen oder Trickfilmen
verwendet, wenn z. B. Mäuse oder „geschrumpfte“ Menschen zu „echten“
Menschen, sprich Riesen aufschauen.
In Spionagefilmen wachen die durch Betäubungsmittel paralysierten Helden
gerne am Boden liegend auf und sehen zunächst schemenhaft, wie ein
feindliches Geheimdienstmitglied auf sie herabschaut.
Gestaltung mit der Perspektive
Natürlich kann man gegen alle hier erwähnten Bewertungen auch inhaltlich
gegensteuern also kontrapunktisch arbeiten. Denn natürlich spielen auch
andere gestalterische Elemente in die Bildaussage hinein.
Wenn in einer Szene ein frisch verliebtes Paar gezeigt wird und er liegt
im Gras und sie kommt zu ihm und spricht zu ihm, so wird die Untersicht von
ihr gewiss keine Bedrohlichkeit, sondern eher Nähe und Zärtlichkeit
ausdrücken. |