Es soll Leute geben, die als ersten Ansatz für ein neues Drehbuch einen
guten Schluss im Kopf haben und dann beginnen, eine Geschichte auf diesen hin
zu schreiben. Beneidenswert, schließlich ist der Schluss eines Drehbuchs
beinahe noch wichtiger als der Anfang.
Der Anfang ist vor allem wichtig für das Anbieten des späteren
Drehbuchs. Die ersten paar Seiten entscheiden darüber, ob das Buch
weitergelesen oder auf den großen Stapel gelegt wird. Der Zuschauer
akzeptiert durchaus auch einen behutsamen Anfang, wenn er durch eine gute
Geschichte belohnt wird.
Wie enden Sie´s denn gerne?
Der Schluss aber ist der Punkt, auf den die ganze Geschichte hin
zusteuert, jener Ausklang mit dem der Zuschauer das Kino verlassen und die
Geschichte im Gedächtnis behalten wird. Hier zeigt sich, ob all das, was man
im Verlauf der Geschichte aufgebaut und angelegt hat, sich auszahlt. Ob es
sich gelohnt hat. Gelohnt zu lesen, gelohnt, so lange im Kino oder vor dem
Fernseher zu verweilen.
Ein guter Schluss lässt sich nicht durch Handwerk, durch Beachten von
Aktstrukturen oder sonstigen Lehrbuchweisheiten erzielen, er verlangt
Eingabe, Fantasie, Mystik. Was man aber, ganz gleich, mit welcher guten Idee
sich der Schluss ausgestaltet, vorab entscheiden kann und sollte, ist die
Ausrichtung, die dieser haben sollte. Schließlich möchte man mit seiner
Geschichte ja etwas vermitteln, ein Ergebnis, eine Philosophie, ein Gefühl
oder alles zusammen im Zuschauer hinterlassen.
Welche Qualitäten sollte ein guter Schluss aufweisen?
Moment der Entscheidung
Je einfacher eine Geschichte strukturiert ist, desto leichter fällt
es, ihr ein klares, entschiedenes Ende zu geben. Western, bei denen
Halunken gegen Helden kämpfen, erlauben einfache, klare Schlussszenen.
Klassische Love-Storys steuern zielsicher auf den Moment zu, in dem die
Liebenden sich endlich kriegen. Doch wie das Leben, so sind auch die
Geschichten, von denen heutige Filme erzählen, komplexer geworden. Aber
das ist gut so, unser Alltag und unsere Wahrnehmung sind schließlich auch
differenzierter.
Konsequent
Im Verlauf der Geschichte hat man eine Vielzahl an Gegebenheiten und
Regeln geschaffen. Man hat Filmfiguren eingeführt, deren Verhaltensmuster
und Charaktere der Zuschauer kennt. Soziale und kulturelle Bedingungen
wurden für die Charaktere beschrieben. Von den wichtigsten Filmfiguren
kennt man die Absichten, Hoffnungen und Wünsche. In diesen Vorgaben sind
eigentlich schon verschiedene Varianten eines Filmendes angelegt. Der
Schluss des Filmes sollte also logisch und folgerichtig aus diesen
Vorgaben hervorgehen. Es wäre absurd, am Ende des Films all das über den
Haufen zu werfen und ein künstliches Ende zu erfinden. Zugleich erwartet
der Zuschauer auch eine Veränderung, eine Auflösung. Ein Film der zum
Ende im gleichen Zustand verharrt, wie der Beginn, sollte in der
dazwischenliegenden Zeit unbedingt eine Menge wichtiger Ereignisse und
Veränderungen erzählt haben. Nur so kann man den Rückfall in den
Anfangszustand als dramaturgisches Mittel akzeptieren.
Sinnvoll
Für den Zuschauer ist ein Schluss wünschenswert, bei dem er insgeheim
sagen kann: Gut oder richtig so. Wenn sich das Gefühl einstellt, dass es
gar nicht anders hätte kommen können, selbst wenn der Zuschauer das Ende
so gar nicht vorhergesehen hat, dann ist es stimmig. In diesem
Zusammenhang spielt auch die moralische Erzählhaltung eine wichtige
Rolle. Der Schluss sollte innerhalb dieser Moralität angesiedelt sein.
Offen
Das, was wir häufig als offenes Ende bezeichnen, ist eigentlich selten
wirklich offen. Wenn Filmfiguren gegen Ende in einem ambivalenten
Verhältnis zueinander verbleiben, so war dies vermutlich auch schon
vorher so angelegt. Wenn jemand gegen Ende mit einem großen „Ich weiß
es nicht“ in seiner Welt zurückbleibt, so hat derjenige vermutlich auch
vorher nicht allzu entschlossen sein Schicksal gelenkt. Im günstigsten
Fall legt man als Autor verschiedene Varianten an, wie eine Situation oder
Konstellation enden könnte, erzählt diese aber nicht zu Ende und
überlässt es der Fantasie der Zuschauer, sich die Geschichte zu Ende zu
erzählen.
Überraschend
So, wie man eigentlich über das ganze Drehbuch hinweg mit
unerwarteten, aber nicht unlogischen Entwicklungen arbeiten sollte, so ist
es natürlich die hohe Kunst, auch für den Schluss mit einer unerwarteten
Auflösung aufzutrumpfen. Ein unerwartetes, zugleich logisches Ende ist
die große Herausforderung, die Belohnung des Zuschauers für sein Warten.
Ohne ein „Daran habe ich gar nicht gedacht...“, also das Gefühl,
ein paar Aspekte, die in der Geschichte angesprochen wurden, übersehen
oder für unwichtig erachtet zu haben, gibt es auch keine Überraschung.
Doch Vorsicht, nur der Zuschauer, nicht aber der Autor selbst, sollte von
seinem Ende überrascht werden.
Strebt man ein überraschendes Ende an, so muss sich beim Schreiben
fragen, welcher Aspekt, welche Fragestellung es sein könnte, die den
Zuschauern unbekannt sein könnte. In einer Kriminalgeschichte kann das
die Frage nach dem Täter oder danach, wie oder wann derjenige seine Tat
vollbringen konnte, sein.
Wie auch immer, das Ende ist nicht losgelöst von der vorherigen
Geschichte und jedes, aber ganz besonders ein unerwartetes Ende, will
gründlich vorbereitet sein. Wer ein Drehbuch schreibt, und erst am Ende
entscheidet, ob das Ende heiter oder tragisch sein wird, hat möglicherweise
während des ganzen vorherigen Schreibprozesses einen Teil seiner Aufgaben
vernachlässigt. Wer einem Buch ein Ende aufsetzt, welches gar nicht
vorbereitet wurde, der lässt einen unzufriedenen Zuschauer zurück.
Es reicht nicht, zu meinen, die Zuschauer würden den Film mögen, nur
weil sie ein Happy End bekommen. Wenn Ihr Happy End nicht logisch ist und
innerhalb der Absichten und Möglichkeiten Ihrer angelegten Filmfiguren
liegt, so akzeptiert der Zuschauer es nicht wirklich, auch wenn es noch so
„happy“ ist.
Welches Ende auch immer Sie gestalten werden, denken Sie bereits ab der
ersten Seite Ihres Drehbuchs darüber nach und bereiten es vor.