Kamerafahrt

  • Fahrtaufnahmen

    Autos auf der Leinwand...

    Spezialfahrzeuge erlauben es, komfortabel vor dem Spielfahrzeug herzufahren und zu drehen.

    Kaum ein Film, in dem keine Fahrtaufnahmen vorkommen. So häufig, wie Autos in unserem Leben vorkommen, tauchen sie auch auf Leinwand und Bildschirm auf. Was ist zu bedenken, damit Fahrtaufnahmen auch wirklich realistisch aussehen? Welche Varianten gibt es und wie unterscheiden sie sich in Aufwand und Wirkung? Welche Probleme tauchen auf, wie kann man sie lösen?

     

    Selbstbespiegelung

    Scheiben gehören zwar zum Auto, haben aber den unangenehmen Nachteil, dass sie reflektieren. Die Frontscheibe tendiert wegen ihrer Neigung dazu, den hellen Himmel zu reflektieren und damit die Schauspieler im Innern des Fahrzeugs zu überlagern. Die Seitenfenster hingegen bilden gerne die Kamera samt Operator ab. Hier ist dunkle Kleidung angesagt, Molton kann ebenfalls Wunder wirken, um unerwünschte Spiegelungen loszuwerden.

     

    Lösungswege:

    Wenn sich der Himmel in der Windschutzscheibe spiegelt, kann man die Schauspieler im Auto kaum mehr erkennen.

    Ist der Ausschnitt auf die Gesichter der Schauspieler beschränkt, kann man auf dem Spielauto einen Gepäckträger und daran ein paar lange Holzlatten befestigen, die über die Frontscheibe ragen. Hängt man darüber schwarzen Molton, so ist die Sicht auf die Darsteller frei. Allerdings reduziert man damit natürlich auch das Licht, welches vom Himmel die Schauspieler beleuchtet. Hier muss dann unbedingt von Vorne außen oder innen mit künstlichem Licht aufgehellt werden.

     

    Bei seitlichen Aufnahmen kann man die Seitenscheiben einfach herunterkurbeln – bei Ein- und Ausstiegsszenen kein Problem, beim Fahren selbst ist der Erfolg abhängig vom Wind.

     

    Man kann aber auch mit einem Polfilter arbeiten, um die Reflektionen herauszufiltern. Von Autos mit getönten Scheiben ist abzuraten. Der Kontrast von Außenlicht zur Helligkeit im Auto ist ohnehin schon sehr hoch.

     

    Variationsmöglichkeiten beim Aufbau

    Von der Ladefläche eines Kleinbusses aus kann man gut nach hinten herausfilmen.

    Das Fahrzeug, das im Bild selbst vorkommt, und welches von den Schauspielern gefahren wird, nennt man übrigens „Spielauto“.

      • Variante 1: Die Kamera wird starr an dem Fahrzeug befestigt. Das kann über Saugbefestigung (Klemm- oder Saugstativ) oder eine seitlich eingehängte Kamera geschehen. Der Kameramann ist nicht an der Kamera, die Schauspieler sind allein mit der Kamera, das Auto fährt selbst. Vorteil: relativ preiswerte Lösung. Nachteil: Es können keine Zusatzscheinwerfer außen installiert werden, sondern nur innen im Wagen. Dort werden kleine Leuchten (Miniflos, LEDs oder Sofittenlicht) an der Sonnenblende oder am Armaturenbrett befestigt.

     

    Fahraufnahmen mit Kranaufbau

    Kamerafahrzeug mit Kranaufbau für Remote-Head
      • Variante 2: Die Kamera befindet sich im Spielauto. Man dreht den Fahrer vom Beifahrersitz aus. Die Aufnahme des Schauspielers wird zwangsläufig recht profilig. Muss in einem zweiten Arbeitsgang auch ein Beifahrer gedreht werden, wird es eng. Wird auf Video produziert, können kleine Drei-Chip-Kameras recht gut am Armaturenbrett befestigt werden. Da sie im Gegensatz zu Filmkameras keine Kassette obenauf oder hinten besitzen, erlauben Sie einen deutlich größeren Abstand von den Schauspielern.

     

     

      • Variante 3: Das Auto steht auf einem Tiefausleger (sehr tief liegender Anhänger, der von einem Wagen gezogen wird). Außen ist genug Platz, um Kamera auf Stativ und Zusatzscheinwerfer anzubringen, Schutzgitter sichern das Team während der Fahrt. Der Kameramann ist an der Kamera und kann auch Schwenken oder korrigieren.

     

      • Variante 4: Das Spielauto fährt selbst. Die Kamera befindet sich auf einem zweiten Fahrzeug, welches vorausfährt. Das kann ein Kleinbus sein, aus dem hinten rausgefilmt wird, oder ein PKW mit Schiebedach, in dem das Stativ mit der Kamera durch das Schiebedach ragt. Ist das Aufnahmefahrzeug sehr weich gefedert, ist das eine gute Alternative. Es gibt auch Spezialfahrzeuge, die richtige Sitze und Befestigungsbügel (Scheinwerfer) für Kamera und Assistent auf der Ladefläche bieten. Einige sind auch mit einem kleinen Kran bzw. Ausleger ausgestattet und erlauben es, während der Fahrt seitlich oder von vorne in einer Einstellung in das Spielauto hinein zu filmen.

     

      • Variante 5: Um optimale Kontrolle über Licht und Tonverhältnisse zu haben, arbeiteten die amerikanischen Studios lange mit Rückprojektion. Ein Auto wurde im Studio optimal ausgeleuchtet und passende Fahrtaufnahmen, die vorgedreht waren, wurden auf eine dahinter befindliche Leinwand projiziert. Kräftige Helfer wackelten am Auto herum, um Fahrbewegungen zu simulieren. Doch irgendwie sah das nie wirklich echt aus. Auch heute, wo man mithilfe von digitalen Stanzverfahren bewegte Hintergründe sauberer integrieren könnte, ist das Risiko eines künstlichen Eindrucks sehr hoch. Abzuraten ist von Varianten, bei denen sich Kameraleute am Autodach anseilen und hängend mit der Handkamera von außen drehen. Das ist nicht nur lebensgefährlich, sondern auch optisch unbefriedigend!

     

    Der Fahreindruck

    Der Kran auf dem Pickup erlaubt ungewöhnliche Perspektivwechsel während der Fahrt.

    Bei den Varianten 1 bis 3 befindet sich die Kamera auf der gleichen mechanischen Ebene wie das Fahrzeug, das fährt. In Bezug auf den Bewegungseindruck hat dies zur Folge, dass das Auto selbst (Rahmen, Armaturenbrett etc.) scheinbar völlig unbewegt ist, während die Schauspieler durch die Bodenunebenheiten der Straße hin- und herschaukeln. Zudem liegt das Spielfahrzeug bei Variante 3 durch den Tiefausleger, auf dem es gefahren wird, ein gutes Stück höher als die übrigen Fahrzeuge im Straßenverkehr. Speziell bei Szenen an Ampeln wirkt es sehr irritierend, auf die übrigen PKW herabzublicken.

     

    Bei Variante 4 ist die Kamera selbst mechanisch vom Rahmen des Spielfahrzeugs gelöst, wodurch sich nicht nur die Schauspieler bewegen, sondern auch das Fahrzeug. Nachteil: Um keinen Unfall zu riskieren, muss der Mindestabstand zum Spielfahrzeug relativ groß gehalten werden! Auch die Kamera bekommt die Boden-Unebenheiten zu spüren.

    Der 2CV, liebevoll auch Ente genannt, als Kamerawagen

     

    Fährt die Kamera vor einem Wagen her, der durch ein Schlagloch fährt,ergibt sich folgender Eindruck:

     

    Man sieht das Spielauto und die Schauspieler fahren. Plötzlich macht die Kamera einen kleinen Knick nach unten, um sofort wieder aufzutauchen; unmittelbar danach vollführt das Spielfahrzeug dieselbe Bewegung, da es in das gleiche Schlagloch fährt, welches zuvor die Kamera einsacken ließ.

     

    Eine ideale Lösung für holprige Wege und Straßen ergibt sich aus der Kombination der Variante 4 mit einer Steadicam. Diese kann man auch in eine Aufhängung einhängen, die man am Fahrzeugholm anflanscht. Dann fängt die Steadicam alle Boden-Unebenheiten des Aufnahmefahrzeugs auf, sodass das Bild völlig ruhig bleibt, während das Spielauto über die wildesten Schlaglöcher brettern kann. Und plötzlich sieht es ganz realistisch aus...

     

  • Gimbal

    Sind sie wirklich geeignet, die Meisterin der ruhigen und zugleich bewegten Kamera, die Steadicam abzulösen?

  • Kameradolly

    Fahrtaufnahmen können einen Film erheblich aufwerten, ein Eigenbau-Dolly rückt auch ohne Budget die Kamerafahrt in erreichbare Nähe

  • Kameradolly 2

    Im Zweiten Teil unserer Dolly-Bauanleitung geht es um die Feinheiten und den mechanischen Zusammenbau

  • Perspektive

    Das Auge

    Wenn wir uns Gedanken machen, über die Perspektive eines Bildes, sollten wir zunächst einmal über unser Auge sprechen.

     

    Für die Perspektive sind zwei Bestandteile des Auges besonders wichtig: Die Augenlinse (blau) und die Irisblende (Ovale Öffnung an der rechten Seite der Augenlinse). Alle Strahlen des abgebildeten Lichtes schneiden sich im Mittelpunkt der Irisblende. Dort liegt unser Perspektivzentrum. Unsere daraus resultierende Perspektive hängt ausschließlich davon ab, wo wir uns befinden. Sie ändert sich nicht, wenn wir eine Brille tragen, oder durch ein Fernglas schauen.

     

    Perspektive im Objektiv

    Objektive arbeiten, was die Perspektive angeht, absolut genauso wie unser Auge. Mit einem Unterschied: Die Abbildung setzt einen 3D-Raum in eine 2D-Abbildung um. Ansonsten befindet sich das Perspektivzentrum des Objektivs im Mittelpunkt der Stelle, an der ein Bild von der Irisblende entsteht. Wichtig für den Umgang mit dem Filmmedium ist die Erkenntnis, dass sich das Perspektivzentrum stets genau an der oben benannten Stelle befindet. Das ist wichtig, denn es ist ein weitverbreiteter Irrglaube, die Perspektive ändere sich, wenn man an der Kamera ein anderes Objektiv verwendet.

     

    Aufnahmestandpunkt

     Ganz gleich, ob Sie ein Weitwinkel- oder Teleobjektiv verwenden, solange sich die Position Ihrer Kamera nicht verändert, bleibt die Perspektive gleich! Auch wenn Sie statt Wechselobjektiven ein Zoomobjektiv benutzen, ändert sich die Perspektive beim Verstellen der Brennweite nicht. Ihr Bildausschnitt, Ihr Bildwinkel verändert sich, nicht aber Ihre Perspektive. Das Verhältnis der Elemente von Vorder- und Hintergrund bleibt jeweils absolut gleich.

     

    Entscheidend ist definitiv der Aufnahmestandpunkt. Er bestimmt die perspektivische Darstellung und diese bleibt auch bei den sich durch unterschiedliche Brennweiten (Objektive) verändernden Abbildungsmaßstäben stets gleich. Wenn Sie die Perspektive verändern möchten, müssen Sie den Kamerastandpunkt verändern. Bei einer Kamerafahrt mit dem Dolly oder einer Steadicam etwa, verändert sich die Perspektive.

     

    Wäre obenstehende Situation als echte Kamerafahrt realisiert, würde dies bewirken, dass sich die Kamera der Person nähert, und damit der Abstand etwa von ihrem Kopf zu den Bäumen im Hintergrund oder ihrer Schulter zur Kamera im Bild verändert wird. Beim Betrachten der drei Bilder werden Sie feststellen, die Abstände der Person im Vordergrund zu Bäumen und Kamera im Bild bleiben stets gleich. Daran erkennen Sie sofort: Der Kamerastandpunkt und damit die Perspektive waren bei allen drei Bildern gleich! Dies ist der wesentlichste Unterschied zwischen einer Zoomfahrt (kontinuierliches Verändern der Brennweite an einem Zoomobjektiv, von älteren Kameraleuten auch „Gummilinse“ genannt) und einer echten Kamerafahrt.

     

    Nur die echte Kamerafahrt erlaubt veränderte Perspektiven und kommt damit der natürlichen Bewegung eines Menschen in einen Raum hinein, recht nah. Bezogen auf die Veränderung der Größe eines Objektes oder einer Person kann man eine vergleichbare Wirkung sowohl durch Änderung der Brennweite (bei festem Kamerastandpunkt), als auch durch Veränderung der Kameraposition (also näher an die Person herangehen, bei gleicher Brennweite) erzielen. Wenn übrigens die hier angesprochenen zwei unterschiedlichen Arten von Fahrt gegenläufig miteinander kombiniert werden, das heißt, man fährt auf Schienen mit der Kamera auf eine Person zu und fährt optisch mit dem Zoomobjektiv in gleichem Maße zurück, so verändert sich die Größe der Person trotz Fahrt nicht. Umso ungewöhnlicher und erschreckender ist für den Zuschauer plötzlich die „unerklärliche“ Veränderung der Perspektive! Kenner denken hier natürlich gleich an Hitchcocks "Vertigo". Der Vertigo-Effekt findet bis in unsere Tage immer wieder seine Anwendung, etwa bei „ Die Maske“ u. v. a.

     

  • Räumlichkeit

    Räumlichkeit und Perspektive

    Eckfenster

    Es sind unsere Seherfahrungen mit der Welt und diese wenigen Zentimeter Abstand zwischen unseren Augen, die uns helfen, die Realität räumlich zu sehen. Sobald wir sie abbilden, als Zeichnung, Malerei, Foto oder auf Film, wird sie zweidimensional.

    Dieses Phänomen haben bereits die Menschen in der Frühzeit schmerzlich erfahren und nach Wegen gesucht, das Räumliche in ihre Abbildungen einzubringen. Die Höhlenzeichnungen in den französischen Höhlen belegen dies deutlich. Mit relativ simplen Mitteln waren sie bemüht, zumindest innerhalb ihrer Möglichkeiten ein Raumgefühl zu erzeugen.

    Dargestellte Personen und Tiere verdecken sich teilweise, auch sind ihre Proportionen so dargestellt, daß das was dem Betrachter am Nächsten liegt, proportional größer abgebildet wurde. Auch die Farben halfen mit, das Raumgefühl zu verstärken, indem Licht und Schatten unterschiedlich eingefärbt wurden.

    Damit sind bereits drei wichtige Mittel der räumlichen Darstellung sehr früh genutzt worden:

    = Die Licht-und-Schatten-Plastizität

    = Die Größer/Kleiner-Plastizität (dabei spielt die reale Größe der Objekte natürlich eine bedeutende Rolle)

    = Die Überschneidung

     

    Baustellenschilder

    In der Renaissance kam mit der Linearperspektive, also der Gestaltung von Tiefe durch Linien, die auf einen zentralen Fluchtpunkt zuführen, ein weiteres wichtiges Mittel der Raumdarstellung hinzu. Dabei spielte auch die Camera Obscura eine tragende Rolle, erlaubte sie doch, die Wirklichkeit absolut getreu auf eine Leinwand zu übertragen.

    = Zentralperspektive
    Weitere Seherfahrungen fanden ihren Weg in die Malerei. Etwa der Umstand, dass in der Ferne Objekte weniger klar zu sehen sind und in ihrem Kontrast schwächer werden.

    = Luftperspektive
    Oder die Erkenntnis, dass durch die Atmosphäre bestimmte Farbanteile mehr gefiltert werden als andere. Warme Farben wie rot, orange oder gelb nehmen mit der Entfernung ab. Kalte Farben sind auch noch in der Ferne sichtbar, was bedeutet, dass die Weite bläulicher wirkt.

    = Farbperspektive
    All diese Werkzeuge nutzen die bildenden Künste und natürlich auch die Fotografie.

     

    Der Film erweitert die Möglichkeiten

    Skulptur in rot

    Das Kino nutzt zumindest beim Farbfilm alle vorgenannten Mittel und erweitert sie sogar um mindestens eine weitere: die Bewegung.

     

    Personen in der Tiefe bewegt

    Auch wenn Kameraassistenten das gar nicht so gern haben: Die intensivste Raumerfahrung macht der Zuschauer, wenn die Schauspieler den filmischen Raum in der Tiefe bespielen, also entweder aus der Tiefe näher in Richtung Kamera kommen oder umgekehrt. Wenn sie das Bild quasi seitlich von vorn betreten und in den Raum hineingehen, ist dieser Effekt besonders eindrucksvoll.

     

    Kamerafahrt

    Sobald sich die Kamera bewegt und viele der vorgenannten Faktoren einer kontinuierlichen Bewegung unterworfen werden, wird unser Raumeindruck noch einmal realistischer. Die Perspektiv-Veränderung, die einsetzt, erlaubt es dem Zuschauer, von dem Gesehenen immer neue veränderte Eindrücke zu errechnen. Gegenstände im Vordergrund bewegen sich schneller, solche im Mittelgrund langsamer. Außerdem können wir verschiedene Seiten der Personen oder Gegenstände betrachten.

     

    Bewegungsperspektive

    Letztlich bleiben aber zweidimensionale Bilder trotz aller Illusion flach im Vergleich zu unserm räumlichen Sehen, verursacht durch die beiden Augen, welche mit einer leichten Paralaxe die korrekte Raum- und Entfernungsschätzung erst möglich machen. Dass diese Anordnung ein entscheidender Vorteil ist im Überleben an sich, zeigt sich daran, dass auch in der Tierwelt dieses Prinzip durchgehend verbreitet ist.

     

    Test: Ein Auge schließen und mit der Hand ein Objekt berühren, was in kleinem Abstand vor einem steht (Flasche, Buch etc.). Instinktiv bewegt man die Hand vorsichtiger. Der Abstand lässt sich nicht mehr so leicht einschätzen.

     

    Räumlichkeit durch Veränderung des Blickwinkels

    Letztlich darf man auch den Schwenk oder die Fahrt durch Räume nicht vergessen, auch sie erzeugen einen hohen Räumlichkeitseindruck, kann man doch als Zuschauer Orte, die man gar nicht physisch betritt, durchschreiten.

     

  • Steadicam

     

    Jörg Widmer

    Kaum eine Erfindung in den letzten 50 Jahren hat das Filmemachen so entscheidend verändert wie STEADICAM (übrigens ein Eigenname und tatsächlich mit „i“ geschrieben!)

     

    Der Erfinder ist der Kameramann Garrett Brown, der damit seinen Wunsch verwirklichte, „Fahrten“ mit Kameras machen zu können, ohne einen Dolly benutzen zu müssen. Der erste Spielfilm, bei dem es zum Einsatz kam, war BOUND FOR GLORY (1976), neben ROCKY und WOLFEN wurde es vor allem durch Stanley Kubricks THE SHINING (1980) nachhaltig bekannt.

     

    Durch STEADICAM wird die Kamera gewissermaßen entfesselt. Einerseits kann man die Mobilität der Handkamera erreichen, weil weder Schienen,noch ein glatter Untergrund benötigt werden, um die Kamera dollygleich ruhig zu bewegen (je nach Fähigkeiten des kameraführenden „Operators“). Im Prinzip kann die Kamera überall da zum Einsatz kommen, wo ein Mensch gehen kann (Treppen, steinige Untergründe, Waldwege mit Hindernissen, enge Räume etc.).

     

    Gimbal

    STEADICAM funktioniert ohne Kreiselstabilisatoren, nur durch Gravität (Erdanziehung). Entscheidend ist, dass die Kamera auf einem Rohr befestigt ist, das durch ein nahezu reibungsfreies kardanisches, also in drei Richtungen bewegliches Gelenk (englisch Gimbal) gehalten wird. Die Idee dabei ist, dass das Auge die Kamera nicht berührt, um keine Erschütterung auf diese Aufhängung zu übertragen. Deshalb wird mit Hilfe einer Videoausspiegelungdas Sucherbild auf einen Monitor übertragen, sodass danach die Kamera geführt werden kann. Dieser und die notwendigen Batterien bilden das Gegengewicht zur Kamera auf der anderen Seite des Gimbals, sodass die Kamera ausbalanciert werden kann und sich selbst immer wieder aufrecht und gerade einrichtet. Dabei kann die Kamera oberhalb des Gelenks befestigt sein (High Mode) oder unterhalb (Low Mode), Stromversorgung und Monitor folgerichtig jeweils entgegengesetzt.

    Gimbal

    Rohr, Gimbal, Kameraplatte

     

    Die Ausspiegelung hat den Vorteil, dass das Auge nicht am Sucher „klebt“, demzufolge der Weg und Hindernisse aus dem Augenwinkel gesehen werden können. Deshalb kann man auch schnell rückwärts gehen, indem man sich immer wieder kurz der zu gehenden Strecke versichert oder sogar vorwärts gehen und die Kamera nach hinten richten.

     

    Federarm

    Befestigt ist die ganze Apparatur an einem Federarm, der die Stöße, die durch das Gehen übertragen werden, komplett aufnimmt und unschädlich macht. Die Einstellung dieses Armes ist dabei je nach Kameragewicht unterschiedlich. Durch die richtige Vorspannung der Federn wird erreicht, dass mit geringstem Kraftaufwand die Kamera angehoben oder abgesenkt werden kann.

     

    Die Weste

    Das Gewicht lastet dafür an der Weste, die der Operator anhat: je nach Kamera 25 bis zu 50 Kilogramm. Deshalb sollte die Kamera je nach Zweck behutsam ausgewählt werden, um die körperlichen Strapazen zum Wohle des guten Ergebnisses in Grenzen zu halten.

    Federarm

    Federarm

     

    Auf dem System können im Prinzip alle Arten von Kameras benutzt werden: Film 16 und 35 mm, Video digital und analog, sogar High Definition Video und IMAX Filmkameras kommen unter bestimmten Bedingungen in Frage. Die Kamera wird unter Gebrauch beider Hände so „geschwenkt“ (geführt), dass keine Stöße auf die Kamera übertragen werden.

     

    Fernbedienung

    Auch der Schärfenassistent darf während der Aufnahme das sensible System nicht berühren, da dies sofort als Wackeln sichtbar wäre. Daher wird mit einer Funkschärfe der Focuseingestellt. Auf dieselbe Weise kann auch die Blende oder sogar ein Zoom gesteuert werden. Auch Kamera AN und AUS werden ferngeschaltet.

    Weste

    Weste

     

    Der Arm kann auch unter Verzicht auf die Weste an einem so genannten Hard Mount befestigt werden, um das System auf einem Fahrzeug oder Westerndolly fest zu installieren. Damit werden stabilisierte Fahrten auch auf unebenen Wegen in höherem Tempo möglich. Bei großen Spielfilmen geht der Trend dazu, immer eine STEADICAM zur Verfügung zu haben. Kaum ein Fernsehspiel, bei dem nicht mehrere Tage STEADICAM mit kalkuliert werden.

     

    Das System hat seinen stolzen Preis: Mit Schärfe müssen für eine filmtaugliche Ausrüstung insgesamt ab 50.000,- € kalkuliert werden. Seit Auslaufen der Patente gibt es einige Geräte, die einem ähnlichen Prinzip folgen und mehr oder weniger gut funktionieren. In der oberen Klasse sind dies die Systeme RIG von Chrosziel oder Artemis (ehemals Sachtler, jetzt Arri) in München oder PRO von George Paddock in Los Angeles.

     

     

    Federarm

    Alternativen

    Für kleine, z. B. DV- oder Hi8-Videokameras, gibt es kleinere Geräte, die ähnlich funktionieren, aber auf den aufwändigen Federarm verzichten und dies gewissermaßen durch den menschlichen Arm kompensieren. Dass das niemals die Beruhigung herstellen kann, die durch den Federarm erzielt wird, kann man sich leicht ausmalen. Zudem kann kaum jemand das Gewicht am ausgestreckten Arm über längere Zeit halten. Stellvertretend sei hier STEADICAM JR genannt. Es gibt dabei keine Focuskontrolle außer den eingebauten Autofocus der Kamera.

     

    Den kleinen wie den großen Geräten ist eine Eigenschaft gemein: extreme Windanfälligkeit. Dagegen kann man sich aber Drehen im Windschatten (z. B. von Lkw, einer Hauswand oder extra aufgestellter großer Flächen) schützen.

     

    Auch wenn manche Kameraleute das glauben: Die motorischen Stabilisatoren, die lustigerweise auch Gimbal genannt werden, können nicht die gleiche visuelle Anmutung erzeugen, wie eine Steadicam. Sie haben stets eine gewisse Trägkeit, insbesondere schnelle Richtungsänderungen kann die Steadicam deutlich besser bewältigen. Und auch die vieldiskutierten Flugdrohnen wird man in geschlossenen Räumen oder bei O-Ton Dialogen wohl eher selten anwenden.

     

     

     

     

     

     

     

     

     

  • Thema: Kamerafahrten

    Wenn sich die Kamera bewegt, so treffen wir Aussagen und berühren vielleicht sogar die Emotionen der Zuschauer. Ein bewegter Überblick...

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  • Vertigo-Effekt

    Trügerische Sicherheit

    Während die Kamera zurückfährt, 'fährt' die Zoom-Optik scheinbar vor. Die Gegenläufigkeit sprengt optische Gesetze

    Während die Kamera zurückfährt, 'fährt' die Zoom-Optik scheinbar vor. Die Gegenläufigkeit sprengt optische Gesetze.

    Unser Umgang mit der wirklichen Welt, unsere Sicherheit bei unseren Bewegungen, beim Einschätzen von Situationen, wird geprägt durch jahrelange Erfahrungen, durch das intuitive Erlernen physikalischer Gegebenheiten. Wie einst die Jahrmarktsbuden mit ihren Zerrspiegeln, versucht auch das Kino ab und an, uns dieser Erfahrungswerte für kurze Zeit zu berauben.

     

    Viele Blockbuster-Filme wie "Matrix", "Terminator", "Harry Potter", "Der Herr der Ringe" etc. überbieten sich gegenseitig mit aufwändigen Trickeffekten, die ohne High-Tech-Workstations niemals realisierbar wären. Manche Tricks aber entstehen tatsächlich noch immer am Drehortselbst und erfordern hohe Präzision. Zu diesen gehört die gleichzeitige Kamerafahrtverbunden mit gegenläufiger Zoomfahrt, nach einem ihrer ersten Kinoeinsätze auch "Vertigo-Effekt" genannt. Die Reihe der verschiedenen Benennungen des gleichen Effekts ist lang: "Travelling back-zooming in", "Contra zoom", "Schärfentiefefahrt" oder "Gegenläufige Zoom-/Kamerafahrt" lauten weitere Varianten.

     

    Vertigo

    In diesem Hitchcock-Klassiker vermittelt der Kameratrick ein schwindelerregenden Eindruck, lässt den Zuschauer förmlich den Boden unter den Füßen verlieren. In der Rolle als ehemaliger Polizist mit Höhenangst verliebt sich James Stewart (als John Ferguson) in Kim Novak (Madeleine), die sich, getrieben von Suizidgedanken, von einem Kirchturm stürzt. Seine Höhenangst verhindert, dass er sie retten kann, was dem Zuschauer visuell spektakulär vermittelt wird.

     

    Um eine entsprechende Schienenfahrt verwirklichen zu können, wurde das Treppenhaus in "Vertigo" übrigens liegend aufgebaut. Brian de Palma hat in seiner Hommage an Hitchcock, dem Film "Obsession" (ein Remake), ebenfalls mit diesem Kameratrick gearbeitet. Um den Eindruck zu intensivieren, beschäftigte de Palma übrigens auch den gleichen Komponisten, Bernard Hermann.

     

    Widerspruch

    Die Größe der Person bleibt gleich, obwohl die Kamera sich immer weiter entfernt. Das Zoomobjektiv gleicht die Größenveränderung aus

    Die Größe der Person in der nebenstehenden Abbildung bleibt gleich, obwohl die Kamera sich immer weiter entfernt. Das Zoomobjektiv gleicht die Größenveränderung aus. Für den Zuschauer wird ein optischer Widerspruch aufgebaut, der einerseits aus einem "sich nähern, zufahren, auf etwas zufallen oder stürzen" (Zoom fährt voraus) und andererseits aus einem "zurückweichen, nach hinten gehen oder fahren" (Kamera fährt auf Schienen zurück) besteht. Damit trifft der Effekt genau die Situation der Hauptfigur mit ihrer unüberwindlichen Höhenangst. Die Sehnsucht, sich in die Tiefe zu stürzen, trifft auf die Angst vor dem Fall.

     

    Umsetzung

    Technisch gesehen, wird die Zoom-Optik verwendet, um den Bildwinkel in dem Maße entgegengesetzt zu verändern, wie er sich durch die Kamerafahrt ändert. Fahre ich mit der Kamera von einer Person zurück (Perspektive ändert sich), so müsste diese eigentlich immer kleiner werden. Wenn ich aber gleichzeitig im selben Maße die Person mit dem Zoomobjektiv näher heranhole, sodass sich deren Größe im Bild nicht ändert, entsteht ein perspektivische Störung.

     

    Am Drehort selbst bedeutet die Umsetzung dieses Effektes höchste Genauigkeit in der Koordination von Kameraassistent und Kamera-Bühne. Die Geschwindigkeit, mit welcher der Dolly-Fahrer die Kamera vor- oder zurückfährt, und jene, mit welcher der Kameraassi die Zoomfahrt ausführt, müssen absolut gleichmäßig und präzise sein. Ganz nebenbei will auch die Schärfe während der Distanzveränderung zum Darsteller nachkorrigiert sein. Daran sind schon manche Profis gescheitert, auch wenn die technischen Hilfsmittel wie Motorzoom und Fernschärfe komfortabler sind als zu Hitchcocks Zeiten. Der menschliche Faktor und zahlreiche Unwägbarkeiten machen diesen Trick auch heute noch zu einer großen Herausforderung. Für eine perfekte Koordination sorgt heutzutage (wenn das Budget groß genug ist) die Motion-Control, denn hier können die verschiedenen Parameter vollständig vom Computer koordiniert und gesteuert werden. Filme wie "Road to Perdition", "Bang Boom Bang", "Spy Game", "Heat", "Der Herr der Ringe", "Pollock" sind dafür Beispiele.

     

    Tilt & Shift

    Eine gewisse Verwandtschaft mit diesem Effekt haben sogenannte "Tilt & Shift"-Objektive. Bei diesen ist eine der Linsen (meist die Frontlinse) beweglich angeordnet und kann in einem gewissen Umfang (bis ca. 180 Grad) gedreht werden. Man kann damit z. B. für Architekturaufnahmen stürzende Linien (etwa bei Straßenaufnahmen an hohen Häusern hinauf) korrigieren. Oder es gelingt, Objekte im Vordergrund gleichzeitig mit dem Mittel und Hintergrund scharf abzubilden, ohne dass man eine kleine Blende einstellen muss. Damit werden physikalische Gesetze etwa der Schärfentiefe ad absurdum geführt. Man kann das ganze Bild förmlich drehen. Verstellt man die Linse(n) bei laufender Kamera, so stellt sich ebenfalls ein den Zuschauer verwirrender Effekt ein.

     

    Physiologische Erklärung

    Die menschliche Wahrnehmung arbeitet bei der unbewussten Beurteilung von Größenverhältnissen sowohl mit der Größe (Größe des Darstellers im Bild), als auch mit Verhältniswerten (Abstand des Betrachters vom Vordergrund und Hintergrund). Der Vertigo-Effekt konfrontiert den Zuschauer mit dem in der Wirklichkeit nicht vorkommenden Veränderung der Perspektive ohne Veränderung von Größenverhältnissen. Ein wichtiger Teil unserer Seherfahrung wird plötzlich ad absurdum geführt. Was liegt näher, als wenn man Veränderungen in der Psyche von Filmfiguren oder in deren Wahrnehmung anderer Filmfiguren oder der Sicht des Zuschauers mit diesem Effekt zu verstärken? In "GoodFellas" von Martin Scorsese etwa taucht der Effekt am Höhepunkt des Films auf: Henry Hill (Ray Liotta) und Jimmy Conway (Robert de Niro), die alten Freunde, sitzen sich im Restaurant gegenüber. Als Henry erkennt, dass Jimmy ihre Freundschaft verraten hat, ändert sich die Perspektive ganz langsam, doch die Größe der Personen bleibt konstant.

     

    Schärfenveränderung

    Die Person im Vordergrund bleibt durchgehend scharf, während der Hintergrund zunehmend Unschärfe annimmt

    Die Person im Vordergrund bleibt durchgehend scharf, während der Hintergrund zunehmend Unschärfe annimmt.

     

    Je nach Arbeitsblende und Brennweite geht dieser Kameratrick einher mit einer Veränderung der Schärfentiefe. Damit kann eine Filmfigur aus einer Menschenmenge, in der man gerade noch viele andere Personen gesehen hat, so weit optisch isoliert werden, dass die Menschenmenge nur noch in absoluter Unschärfe liegt. Nur unsere Filmfigur wird dann noch wahrgenommen. Leider wird der Effekt auch oft unnötig eingesetzt und sollte eigentlich nur extrem selten und nur für wirklich sinnvolle, der Filmstory angemessene Momente eingesetzt werden.