31. Münchner Filmfestival

Eröffnung

 

Zum 31. Mal eröffnete das Münchner Filmfest, das größte Sommerfilmfestival Deutschlands, seine Pforten. Am Abend trafen sich nationale und internationale Größen der Filmbranche im Mathäser Kino zum Eröffnungsfilm "Exit Marrakech" von Caroline Link. Zu den Premierengästen zählten Mario Adorf, Veronica Ferres, Dominik Graf, Florian David Fitz, Erol Sander, Barbara Meier, Edgar Selge, Michael Ballhaus, Uschi Glas, Dr. Klaus Schäfer, Petra Müller, Kalle Friz (Executive Vice President Theatrical Distribution), Isabel Hund (Executive Vice President German Production & Acquisition) und Alexandra Bauermeister (EVP Business & Legal Affairs) von Studiocanal. 

 

Mit 174 Filmen aus 48 Ländern, die zwischen dem 28. Juni und dem 6. Juli in den Münchner Kinos laufen, beschert das Filmfest seine Gäste. Deutschlands größtes Sommer-Filmfestival präsentiert die besten aktuellen Filme aus der ganzen Welt als Deutschland-Premieren. 32 Filme feiern auf dem Festival Weltpremiere, 13 andere ihre Europa-Premiere. 

 

Dieses Jahr gibt es auch eine Sonderreihe mit Serien, das sogenannte Serien-Special, und eine Sonderreihe "Film & Games". 

Die Hommage-Reihe zeigt Filme des britischen Schauspielers Michael Caine (Gottes Werk & Teufels Beitrag, Inception, The Dark Knight), der in München den CineMerit Award 2013 entgegennehmen wird. Retrospektiven sind dem italienischen Regisseur Paolo Sorrentino und dem chilenischem Filmemacher Alejandro Jodorowsky gewidmet. Beide werden ihre neuesten Filme präsentieren. "La Grande Belleza" von Sorrentino, der schon in Cannes lief und hochgelobt wurde, und "La Danza De La Realidad" von Jodorowsky. 

 

Außerdem sollen vor allem weibliche Filmschaffende dieses Jahr eine große Rolle spielen. Insgesamt sind Filme von 37 Regisseurinnen auf dem Filmfest München zu sehen. "2013 wird ein Festival der starken Frauen", sagt Diana Iljine, Leiterin des Filmfests München.

 

Keine Festival-Meile mehr

 

Maximilianeum
  Filmstudenten der mhmk beim traditionellen Filmfest-Empfang im Maximilianeum

In diesem Jahr müssen die Kinogänger sich mehr über die Stadt verteilen als in den Vorjahren, statt in den Cinemaxx-Sälen muss man dieses Jahr zur Münchner Freiheit fahren, was so mancher Festivalbesucher bedauert. 

 

Es fehlt ein wenig der Treffpunkt, man trifft sich maximal in der U-Bahn oder Tram, so die weit verbreitete Meinung. Sicher hätten die Veranstalter gerne am Cinemaxx unweit des Gasteigs festgehalten, aber die Bedingungen kommerzieller Kinos sind nicht immer mit Budgets und Notwendigkeiten eines Festivals kompatibel. Das ist schade, da sollten die Kinobetreiber vielleicht doch mal über den einen oder anderen Schatten springen... 

Preisträger

 

Förderpreis junges deutsches Kino

In diesem Jahr wurde wieder eine Vielzahl an Preisen vergeben, besonders hoch dotiert ist der Förderpreis Neues Deutsches Kino, insgesamt 70000,- Euro können hier in vier Kategorien vergeben werden.

 

In diesem Jahr hat die Jury ihre Anerkennung für besondere Leistungen nicht etwa auf mehrere Filme verteilt, sondern komplett auf einen Film gebündelt: "Love Steaks". Jakob Lass von der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf in Potsdam führte Regie, der Film wurde ohne Drehbuch gedreht, also vermutlich mit einem Shooting-Treatment als Grundlage.

 

Der Film wurde für Regie, Produktion, Drehbuch und Schauspiel ausgezeichnet. Ob man daraus entnehmen kann, dass die Jury die Güte der übrigen deutschen Filme nicht hoch genug einschätzte oder aber diesem einen Film eine besonders hohe Förderung zukommen lassen wollte, ist nicht bekannt. Weitere starke Filme wie "Finsterworld", "Ich fühl mich Disco" und "Schwarzer Panther" konkurrierten jedenfalls um diese Auszeichnung.

 

Cine Vision Award

Die slowakische Regisseurin Mira Fornay und der mexikanische Regisseur Sebastián Hofmann wurden mit dem Cine Vision Award für die besten internationalen Nachwuchsfilme ausgezeichnet.

 

Zitat aus der Jurybegründung: "Die Jury hat sich entschieden, zwei Filme zu feiern. Beide Filme nämlich zeichnen sich durch Einfachheit aus. Sie erzählen eine Geschichte, sind Kino und zeigen mutig eine aktuelle sozio-politische Wirklichkeit und leuchten dabei zugleich grundlegende Bedingungen menschlicher Existenz aus. Beide Filme lassen talentierte neue Regisseure erkennen, die starke Hauptdarsteller beschäftigen, die die Geschichten getragen haben."

 

Empfänge

arte
Die Empfänge
Auch in diesem Jahr reihen sich wieder eine Vielzahl von Branchen-Empfängen aneinander. So etwa der NW-Filmstiftung-Empfang am Sonntag, auf dem Petra Müller gleich neun Produktionen aus dem Programm des Filmfests München nennen konnte, die durch die Filmstiftung gefördert wurden.
 

Arte lud dieses Jahr in den Innhof des Institut Francais ein, wo es sich bei strahlendem Sonnenschein vorzüglich diskutieren ließ. Viele Branchenvertreter aber auch viele Arte-Redakteure waren anwesend und wurden in zahlreichen Gesprächen gesichtet.

 

Der traditionelle FFF-Empfang auf der Praterinsel stand unter einem guten Stern, kurz vorher hatte es noch geregnet um dann aber pünktlich zum Beginn der Veranstaltung auf Sonne umzuschwenken. Die am Eingang bereit gestellten Regenschirme wurden nicht benötigt und die zahlreichen weißen Schirme, die man vorsorglich über den Biertischen und Bänken aufgespannt  hatte, konnten so als Sonnenschutz eine ebenso wichtige Funktion übernehmen.

 

Dazu passten auch die Erfolgsmeldungen von Dr. Klaus Schaefer, der FFF war mit diversen FFF-geförderten Produktionen auf dem Filmfest München vertreten, darunter "Finsterworld", "Der blinde Fleck", Freedom Bus" und "Exit Marrakech". 

 

FFF
  FFF-Empfang auf der Praterinsel

Auf dem Empfang wurden auch die Gewinner des Oberauer Drehbuchpreises bekannt gegeben. Vor allem aber ist der FFF-Empfang ein entspannter Branchentreff, auf dem auch erfreulich viele Nachwuchs-Filmemacher anwesend waren - ein Zeichen, dass man die Zukunft des deutschen Films nicht nur den etablierten Branchenvertretern überlassen will.

 

Auch in diesem Jahr ist das Movie-College wieder offizieller Medienpartner des Filmfestes und produziert die Kurz-Statements mit den Gästen des Münchner Filmfests.

 

Movie-College Festival-Videos

Unsere Videos findet man unter "A film by" auf der Seite des Filmfestivals

Das komplette Programm des 31. Internationalen Filmfests München findet ihr unter www.filmfest-muenchen.de.  

 

Gesehen:

 

Le temps de l´aventure

Devos und Byrne
 Emmanuelle Devos und Gabriel Byrne 

Eine Schauspielerin mittleren Alters, die auf einer kleinen Bühnen irgendwo in der Provinz spielt, fährt, weil das Theater noch immer nicht die Gagen bezahlt hat, mit ihrem letzten Geld nach Paris, wo sie eigentlich lebt, um an einem Casting teilzunehmen. Im Zug tauscht sie Blicke mit einem älteren Fremden, der sie bei der Ankunft nach dem Weg zu einer Kirche fragt, dann trennen sich ihre Wege.

 

Beim Casting, in dem sie alles gibt, ist sie nur eine von vielen Bewerberinnen, ihren Freund kann sie wegen des leeren Handyakkus nicht erreichen, die Kreditkarte ist gesperrt. Der Tag und wahrscheinlich ihr momentanes Leben fühlt sich sehr nach Scheitern an. Irgendetwas in ihr bewegt sie dazu, zu der Kirche zu fahren, nach der sie der Fremde im Zug gefragt hat.

 

Als sie dort eintrifft, ist sie Teil einer Beerdigung, wird einbezogen in die Trauergemeinde, was sie als Schauspielerin tadellos bewältigt, und trifft den Mann wieder. Linkisch unbeholfen aber mit schlafwandlerischer Gewissheit nähern sich die beiden. Blicke und Herzklopfen. Sie verbringen einen halben, leidenschaftlichen Tag miteinander.

Bonnell
  Regisseur Jérome Bonnell in Publikumsdiskussion, hier zusammen mit Julie Kreuzer, die die französischen Filme auf dem Festival vorstellt

Der dafür, dass es sein fünfter Langfilm ist, erstaunlich junge französische Regisseur Jérôme Bonnell hat mit Emmanuelle Devos und Gabriel Byrne zwei Schauspieler besetzt, denen man gerne und in reichlich Nah-, ja, sogar macroperspektivischen Großaufnahmen dabei zusieht, wie sie sich anschauen, Bruchstücke ihres Lebens erzählen und lieben. Wie sie sich bei einem kurzen Spaziergang durch ein lebendig buntes Paris im Musikfestivalrausch treiben lassen, wie Schiffbrüchige ihrer eigenen Lebensentwürfe. Menschen in die Augen zu schauen und mitzuverfolgen, wie ihre Gedanken entstehen, kann einmal mehr, sehr spannend sein.

 

Die Leichtigkeit, mit der Bonnell seine Geschichte erzählt, ermöglicht zugleich eine große Nähe und Tiefe mit der man die Figuren erspüren kann. Ein leiser und zugleich überzeugender Film, eine klare Empfehlung. In der anschließenden Diskussion erklärte Bonnell, dass Emmanuelle Devos dem prominenten Gabriel Byrne gegenüber bei den Dreharbeiten sehr befangen war und ihre Unsicherheit nicht weggedrängt, sondern in die Rolle der Alex mit eingebracht hat. In Frankreich ist der Film übrigens seit April erfolgreich in den Kinos zu sehen.

 

Es versteht sich von selbst, dass das Drehbuch eines solchen Films, bei dem die Blicke und Emotionen der Hauptcharaktere das Wichtigste sind, von deutschen Redakteuren und Gremien gnadenlos abgeschmettert worden wäre. Das für besondere Formen blinde Dramaturgie- und Lektoratsdiktat verhindert ja hierzulande bis auf wenige Ausnahmen mit großer Effizienz ungewöhnliche und berührende Filme. Man darf froh sein, dass das französische Kino da viel offener ist, vielleicht haben Regisseure wie Francois Truffaut oder Eric Rohmer, an die Bonnell stilsicher anknüpft, da einfach die bessere Vorarbeit geleistet. 

 

So aber konnte ein schöner und überzeugender Film entstehen, in dem man Menschen eine kleine Weile bei ihren Gedanken, Gefühlen und Seelenverwirrungen zuschauen kann, übrigens ganz ohne Special Effects, 3D-Brille oder Crossmedia Apps. Kino eben. 

 

Exit Marrakech

  Caroline Link mit ihrem "Exit Marrakech"-Team

Der neue Film von Oscar-Gewinnerin Caroline Link eröffnete das diesjährige Münchner Filmfest mit einer Vater-Sohn-Geschichte, die in Marokko angesiedelt ist. Der 17jährige Ben (Samuel Schneider) wird in den Schulferien eingeladen, seinen Vater (Ulrich Tukur), der als Regisseur mit einer Theatergruppe in Marokko deutsche Kultur verbreiten soll, zu besuchen. Den Vater, der von Mutter und Sohn getrennt lebt, hat der Sohn wenig zu sehen bekommen, so ist die Reise auch eine Entdeckungsreise hinein in die eigene Familie.

 

Allen im fremden orientalischen Land angemessenen Sicherheitsbestrebungen des Vaters zum Trotze haut der Sohn eines Tages ab und begleitet eine junge Prostituierte Karima (Hafsia Herzi) bei deren Familienbesuch in die Provinz. Der Traum vom Orient trifft auf Armut, spartanische Lehmhütten und uralte Moralregeln der Familie, die nicht weiß, womit die Tochter das Geld verdient, mit dem sie diese unterstützt. Nach einem Streit macht der Sohn sich allein auf den Weg, wird parallel aber vom inzwischen nicht mehr so entspannten Vater gesucht. Als sie sich endlich finden, kommt es zu einer Annäherung.

 

Der Nachwuchsschauspieler Samuel Schneider spielt die Rolle des Ben bündig, weil weniger routiniert als etwa Josef Bierbichler oder Ulrich Tukur.

Schön, dass der Film einer in München lebenden Regisseurin, noch dazu einer Oscar-prämierten, das Filmfest eröffnet hat. Der Film ist professionell gemacht, ein wenig Familiendrama, ein wenig Road-Movie. Das Buch folgt mustergültig allen wesentlichen Drehbuchregeln, es gibt keine Ecken, keine Kanten, die in den ersten Minuten etablierte Zuckerkrankheit des Hauptdarstellers wird irgendwann wichtig werden - um dann aber doch am Höhepunkt nur recht kurz auserzählt zu werden. Fast alle angelegten Bögen schließen sich, alles fließt glatt - eben ganz so, wie die Kulturexportreise des Vaters durch die Luxushotels Marokkos im Idealfall verlaufen wäre.

 

Der Film ist aufwändig gedreht und nutzt so ziemlich alles, was an Filmtechnik gut und teuer ist: Kräne, Schienen, Steadicam, Luftaufnahmen, kurzum: ein richtiges Großprojekt, von allem viel, vielleicht manchmal zu viel. Einerseits kritisiert das Drehbuch zwar den Kulturexport des selbstgefälligen Theaterregisseurs (Ulrich Tukur) vom Luxushotel aus, zugleich aber strahlt die Machart des Films selbst stellenweise diese Haltung aus. Alles ist fein getuned, auch die Armut ist schön und mit durchkomponiertem Soundtrack ins Bild gesetzt.

 

Teure Kinofilme dürfen in der Regel keine Kanten haben, sie müssen vielen Redakteuren, Geldgebern und später natürlich Zuschauern gefallen. Vielleicht gab es vom Buch bis zur Postproduktion viele Optimierungsschleifen, wurde zu viel immer perfekter gemacht, sind von der Idee her starke Ansätze zu größerer emotionaler Tiefe in Unterhaltungskino-Notwendigkeiten teilweise verloren gegangen. Wer das unterhaltende Road-Movie, die Marokko-Reise-Begegnung sucht, wird seine Freude haben, wer die tiefgreifende psychologische Wiederfindungs-Studie einer verkorksten Vater-Sohn Beziehung erwartet, wird möglicherweise nicht durchgängig überzeugt.

 

Aber es ist auch nicht einfach, einerseits das Publikum flüssig unterhalten zu wollen und andererseits genügend Leerstellen und Momente des Innehaltens zu lassen, dass der Zuschauer mitfühlen und mitdenken kann. Dass Ben nach tagelanger Odyssee in Wüste und Lehmdörfern immer noch blitzsaubere Turnschuhe trägt, ist sicher ein Kostüm-Fauxpas, aber vielleicht auch ein wenig symptomatisch für den ganzen Film. Seine stärksten Momente hat "Exit Marrakech" vor allem dort, wo er auch mal etwas leiser wird.