Schon beim Betreten des Raums 3 im EG fällt etwas auf: In diesem Panel
sind ausnahmsweise auch viele Frauen vertreten. In die sonst eher graue
Masse kommen Farbtupfer. Ich würde sagen 60 Prozent Frauen werden es
sein. Das Thema Filmmusik scheint zumindest von Seiten der Hauptbesucher
dieser Messe nicht von sonderlich großem Interesse zu sein denn der Raum
ist auch relativ leer. Die meisten Fachbesucher informieren sich
wahrscheinlich weiter über die interaktiven Medien und das ist ja auf den
Medientagen nicht erstaunlich. Aber ich freue mich über diesen kleinen
Mikrokosmos und habe das Gefühl dass es vielen Filmfreunden ebenso geht,
denn endlich dürfen wir wieder von Kunst reden und zugeben, dass wir
unseren Job nicht des Geldes wegen machen. Eine Einzelerscheinung.
Ein Blick in Richtung der Referenten bestätigt schnell meine
Vermutungen, dass dieses Panel anders werden wird, denn diese sitzen in
einer Ecke des Raums und unterhalten sich schon angeregt miteinander. Die
Einleitung übernimmt Jörg Gerle, ein Filmjournalist aus Köln der gerne
auch Filmmusikkritik in seine Filmkritiken einfließen lässt und wie er
später erzählt dafür von den Kollegen des Öfteren kritisiert wird. Er
führt uns zugleich vor, was Filmmusik bewirken kann indem er einen
Filmmausschnitt aus "Titus" von Julian Taymor zeigt. Und auch
mir, die ich behaupten würde, dass ich Filmmusik durchaus wahrnehme wird
noch einmal deutlich was Filmmusik sein kann und was Filmmusik für
Emotionen auslösen kann. Denn die vorgeführte Filmmusik hält sich nicht
im Hintergrund wie es vielleicht häufig gewünscht wird, sondern
überwältigt.
Filmmusik kann aber auch die narrative Ebene bedienen. Dies wird uns an
einem Ausschnitt aus "Zodiac" von "David Fincher"
demonstriert der der Schere zum Opfer fiel. Es handelt sich um ein
Schwarzbild das mit Radioauschnitten unterlegt ist. Die unterschiedlichen
Musikstile und die Nachrichten können so einen Zeitraum von vier Jahren
überstrecken. Quasi Filmmusik als Zeitraffer.
Dass Filmmusik wichtig ist, ist wohl jedem klar. Doch Matthias
Hornschuh stimmt mit Jörg Gerle nicht überein als dieser sagt, Filmmusik
sei die wichtigste Teildisziplin. Denn er ist der Meinung, dass jeder Film
eine eigene Musik benötige und der Anteil an Musik auch vom Film
abhänge. Als Beispiel führt er "Das Fest" von Thomas
Vinterberg an. Hier gebe es keine eingespielte Musik. Doch in diesem Film
sei das fehlende musikalische "Einlullen" stilistisch gewollt
und erfordere Kompetenz auf allen anderen Ebenen. Grundsätzlich gelte
für Filmmusik, dass Ihre Rolle maßgebend für die Nutzung ihres
Potentials sei. Noch wichtiger sei aber das Bewusstsein, dass beim Film
die Art wie die Dinge verschmelzen bedeutsamer sei als die Einzelteile.
Aber wie sieht die Arbeit eines Filmkomponisten aus? Hier gibt es
große Unterschiede. Annette Focks (u.a. Filmmusik zu "Krabat")
versucht immer so früh wie möglich in die Produktion eingebunden zu
werden. Am besten sie bekommt das Drehbuch, sobald dies fertig ist. So
kann sie früh an der Musik arbeiten und mit dem Regisseur über dessen
Vorstellungen reden. Häufig arbeitet Annette parallel zum Schnitt. Der
Cutter schicke ihr die neue Schnittversion und anders herum aber beim
Feinschnitt gehe die Arbeit noch einmal richtig los. Hier könne sich dann
noch einiges verändern. Annette Focks unterstreicht hierbei, dass
Filmmusik dramaturgische Arbeit sei und vor allem Teamarbeit. Matthias
Hornschuh kennt da eine ganz andere Seite. Häufig würden auf den Schnitt
"Temporaries" gelegt. Hierfür werde häufig der Soundtrack von
"American Beauty" benutzt. Diese Version habe den Regisseuren
und Produzenten schon gut gefallen und oft wollten diese dann nur, dass
diese Musik "nachkomponiert" wird. Dies ist natürlich nicht
gerade erfreulich für die Komponisten. Annette Focks sagt dazu, dass sie
sich den Schnitt in einem solchen Fall noch einmal aber dieses Mal ohne
"Temporaries" schicken ließe denn sie wolle ja Musik für einen
Film machen und Künstlerin sein. Man müsse dann über die jeweiligen
Vorstellungen sprechen und wenn diese zu unterschiedlich seien, sei sie
auch die Falsche für den Job. Leider haben aber viele Komponisten nicht
die Stellung die Annette Focks hat und können daher solche Forderungen
nicht stellen.
Ein weiteres Problem der Filmmusik sei laut Matthias Hornschuh, dass
die Kosten für die Arbeit des Komponisten nicht bestimmt seien. Filmmusik
werde häufig als letzter Aspekt, wenn noch Geld übrig ist, in Auftrag
gegeben. Hierbei entstehe dann großer Druck und die wenigsten Komponisten
dürften mit einem Chor oder Orchester zusammenarbeiten. Selbst für
"Krabat" habe Annette Focks nur 12 Amateursänger zur Verfügung
gehabt, die dann verdoppelt wurden um die Illusion eines großen Chors zu
erzeugen, damit die Musik zu den "großen" Bilder passe. Bei der
Filmförderung sei dann auch häufig das Problem, dass der Regisseur schon
sein Team habe und nur der Ton und Musik übrig blieben für die jeweilige
Förderung aus dem Ausland. Matthias Hornschuh fügt hinzu, dass es
durchaus einige gute Komponisten in Deutschland gebe welche z.B. in den
USA arbeiten könnten aber das Problem hierbei sei, dass man als Komponist
vor Ort sein müsse.
Finanziell muss gesagt werden, dass die Komponisten nicht von ihrem
Gehalt leben können. Sie sind auf die Verwertung der Musik angewiesen.
Belastend kommt hinzu, dass ein Komponist ein Subunternehmer ist, der das
Risiko und die Verantwortung z.B. für die Musiker übernehmen muss.
Annette Focks sagt hierzu, dass die GEMA deshalb so wichtig sei. Die
Verlagsrechte behält sie wenn möglich oder verkauft sie. Auch wenn viele
Firmen ihr dann nicht den Job geben, bestehe sie darauf. Die Verleger
stünden einem oft wegen des Verwaltungsaufwandes im Weg, deshalb versuche
sie vertraglich festzuhalten, dass sie den Soundtrack selbst herausbringt
wenn dieses binnen drei Monaten nicht passiert.
Und nun an alle Regisseure und Prozenten: Wünschenswert für die
Filmmusik sei laut Matthias Hornschuh weniger Angst vor Musik - "mehr
dürfen dürfen". Annette Focks gibt noch einmal zu bedenken, dass
die Zeit für die Entwicklung ganz entscheidend für Qualität und
Andersartigkeit der Filmmusik sei. Außerdem hofft sie, dass mehr
Produktionen einsehen, dass Musik nur dann wirkt wenn sie eingespielt wird
und dass gute Filmmusik auch Geld kostet.