Das Spektrum der Filme aus dem Programm 2 war breit gefächert. Von
Filmen mit hervorragender Dramaturgie, die den Zuschauer in die Handlung
zogen und nicht mehr loszulassen schienen, bis hin zu Filmen die man nur
einmal gesehen haben möchte, am besten im vorherigen Leben, war alles dabei.
Insgesamt ein ausgewogenes Programm, bei dem man schon mit Vorfreude auf
weitere Programme giert.
Der Film von Idit Gan Zvi, ist einer der beiden Beiträge aus Israel. Er
beleuchtet die Veränderungen im Leben einer 75 jährigen Dame, die damit zu
kämpfen hat, dass ihr Ehemann gerade verstorben ist. Seit fünfzig Jahren
in Wien lebend, hatte das Ehepaar keinen häufigen Kontakt zu den Kindern
und Enkeln, die allesamt in Israel wohnen. Jetzt wo sie nur noch mit dem
Bild ihres Mannes sprechen kann, der so plötzlich in seinem Sessel sitzend
verstorben ist, will sie die anstrengende Reise in das Zweistromland doch
noch wagen. Die Wohnung ist fast leer geräumt und alles was sich in einem
Menschenleben ansammelte nahezu vollständig weg gegeben. Einer ihrer Söhne
ist aus Israel angereist, um beim Umzug zu helfen, so nutzt der Film die
Gelegenheit und hinterfragt die Familienverhältnisse. Die Beziehung
zwischen Mutter und Sohn rückt in den Vordergrund, die Abreise und die
Auflösung des Lebens der alten Dame scheinen nur noch nebensächlich. Die
Regisseurin, lässt es sich nicht nehmen, der Frau bezüglich ihrer
vergangenen Haltung der Familie gegenüber, Vorwürfe zu machen. Eigentlich
eine spannende Geschichte, die dort erzählt wird; wie man in diesem hohen
Alter noch einmal einen Neuanfang, in einem fremden Land, mit einer fremden
Sprache beginnt und sich von allen noch lebenden Freunden und Bekannten
trennen muss. Leider ist der Film etwas zu langatmig geraten und letzte
Zweifel bleiben beharrlich darüber erhaben, ob der Kameramann wirklich
"a professional one" war.
Kulturelle Vielfalt war im Programm 2 zweifellos geboten. Die folgende,
zweiminütige Animation, eine willkommene Abwechslung. "My Love",
ein Film von Ivana Sebestova, von der Hochschule aus Bratislava, erzählt
die Geschichte sich liebender Figuren. Den Lyrics südamerikanischer Musik
folgend, bewegen und schlängeln sich die Gestalten, auf expressionistische
Weise, durch ihre eigenen Körper, lösen sich dabei in unwirkliche Kreise
auf, um sich erneut zu formen. Männergestalten mit roten, hutartigen
Haarknoten auf den Köpfen, wie man sie vom Nabel der Welt; der Osterinsel
her kennt, tauchen neben Frauenkörpern auf, bei denen die Gedanken
schattengleich im Dunst des Gedächtnisses verschwinden, um mit Bildern von
Modigliani wieder aufzutauchen. Bescheiden erklärt sie dem Publikum ihre
Intentionen mit den Worten: "I just tried to put Images to the
Song".
Ebenso künstlerisch, stellt sich der Film "What?" vor, in
dessen Verlauf Roberto Roque einen Graffiti- Sprayer aus Portugal begleitet.
Stilecht mit Beats diverser Künstler, wie den "Beastie Boys"
unterlegt, verfolgt der Zuschauer Lebensinhalt und Alltag des gewählten
Sprayer- Daseins. Im Underground bekannt als "Qué", erklärt er
die Vorgänge seiner Welt. Seiner Art verpflichtet, sich der Gesellschaft
gegenüber auszudrücken, setzt er sich der allgegenwärtigen Gefahr aus,
von der Polizei aufgegriffen zu werden. Nachts streift er mit einer kleinen
Tüte in der Hand, kilometerweit durch Portugals Vororte, um nach geeigneten
Wänden zu suchen, die ihm Genugtuung geben. Alles Geld was er aufbringt,
fließt in Dosen und Caps, die in Fachgeschäften auf ihren nächtlichen
Einsatz wartend, durchaus legal erworben werden. Von den Polícias als
"kleiner Picasso" verhöhnt, muss er sich auch außerhalb der
eigenen Crew, gegen andere Sprayer durchsetzen. Geachtet, wird man von
wenigen und genauso wie er selbst die Graffitis Anderer mit seinen Eigenen
überzieht, um nicht in Vergessenheit zu geraten, geschieht es mit seinen
Bombs auf gleiche Weise. Besonders herausragend, ist die Umsetzung des
Themas allerdings nicht gelungen. Man wird das Gefühl nicht los, alles
irgendwie schon mal gesehen zu haben. Je mehr man sich mit dem Erzählten
identifizieren kann, umso bewußter wird die Erkenntnis darüber, mit seiner
Aufmerksamkeit, einer, bloß im Standard gezeigten Jugend- Szene gefolgt zu
sein.
Thematisch davon entfernt, eine Geschichte in Bezug auf die Kunst oder
mit besonderem Blick auf die Kultur zu erzählen, ist "Pulse". Der
Film von der Regisseurin Anna Kazejak aus Polen, zeigt eine Familie die mit
Problemen konfrontiert wird, die nicht absurder und realer zugleich hätten
sein können. Während die Tochter gerade ein Baby bekommen hat, über das
sich ihr Vater am fröhlichsten zeigt, beherrscht die trübe Gewissheit
über den todkranken Ernährer die Familie. Nur noch kurze Zeit zu leben,
erzählt der Film nachdenklich über eine Geschichte vom Leben und vom
Sterben. Sind es zwei oder doch gar drei Monate die noch bleiben? -
"Pulse" erzählt in seinen schwarzweißen Bildern so authentisch,
dass man einfach nicht zu sagen weiß, ob es Film oder Dokumentation war,
wenn der Abspann mit dem monotonen Piepen der Herzfrequenz, in einem finalen
Ton mündet. Sicherlich einer der gelungeneren Filme aus diesem Programm.
And my spirit is crying for leaving...Obwohl der Beitrag von Shih
Chun-Han aus Taiwan, etwas Zeit abverlangt, bis man sich in ihn eingefunden
hat, besticht er durch eine schön erzählte Konfliktsituation. Eine nette
Geschichte zweier pessimistischer vielleicht sogar depressiver Menschen die
zusammen in einem Fahrstuhl festsitzen und sich gezwungenermaßen auf eine
Unterhaltung einlassen. Zur Konversation genötigt, die ohne diesen Vorfall
nie stattgefunden hätte, tauschen die sich fremden Personen, An - und
Einsichten aus und erzählen aus ihrem Leben. In Rückblicken sichtbar
werdend, erschließen sich dem Zuschauer Erlebnisse und Denkweisen der
Protagonisten. Unterlegt mit der Musik von "Stairway to Heaven"
driften sie so langsam in eine Vertrautheit, die der Problematik des
kaputten Fahrstuhls entgegenwirkt und sie regelrecht in den Schatten stellt.
Eine äußerst interessante Konfrontation die ihre Wirkung bestimmt noch
weiter steigern könnte, wenn die Personen nicht so verflucht schnell
sprechen würden, wodurch die Untertitel mit rasender Geschwindigkeit aus
dem Bild verschwin...
Der letzte und mit Abstand beste Beitrag, des zweiten Programms, ist wohl
der Film von Yuval Shafferman. In "Routine" gewährt er Einblick,
in die tragischen Ereignisse, die sich im Leben israelischer Familien
alltäglich abspielen. Ein Leben in Angst und Gewalt, mit Sorge um Kinder
und Familie. Als sich die 10 jährige Tochter nicht aus ihrem Zimmer meldet,
bekommt ihre Mutter einen Schreck. Hektisch im Stundenplan blätternd wird
gewiss, dass sie längst zu Hause sein müsste. Im Radio die Meldung eines
erneuten Attentats, bei dem es viele Verletzte und Tote gegeben hat. Zwar
liegt der Ort auf ihrem Schulweg, aber selbst kann es einen doch kaum
treffen! Im Fernsehen werden Telefonnummern von Krankenhäusern
veröffentlicht, die Besorgte wählen können um bei einer Hotline nach dem
Namen der Angehörigen zu fragen. Doch die Nummer zu wählen, wäre wie das
Eingeständnis, dass es der eigenen Tochter passiert sein könnte. Spannung
baut sich auf. Der Vater bleibt gelassen, die Mutter putzt den Staub von
staubfreien Regalbrettern. Schließlich schaukelt sich die Nervosität
beider Eltern in dem Maße auf, dass sie sich anschreiend in einer Art
Ohnmacht und Wut, dazu bringen die verfluchte Nummer zu wählen. Mit
gekonnten dramaturgischen Stilmitteln, steigert sich der Zuschauer selbst in
die Geschichte hinein, dass es unerträglich wird. Die Stimme am Telefon
fragt, wie alt die Person sei: "9...- 10". "Und ihr
Name?", "Ihr Name!" - In der angespannten, aufgeregten
Situation, fällt es dem Vater schwer sich an Dinge wie ihr Alter,
geschweige denn ihren Namen zu erinnern. Beide schauen sich erwartungsvoll
an, bis der Blick der Mutter zur Seite wandert, als sie im Augenwinkel die
Bewegungen eines 10 jährigen Mädchens erhascht, dass nun im Zimmer steht.
Routine. Wie Yuval Shafferman erzählt, ist es eine Art russisches Roulette.
"Anstatt einer Waffe, hast du ein Telefon".