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Samstag Vormittag war der georgische Regisseur, Drehbuchautor und Komponist Dito Tsintsadze ins Filmmuseum gekommen, um mit den Studenten und anderen Interessierten über seine Arbeit zu sprechen. Die beiden Nächte zuvor wurden seine Filme "Lost Killers"(2000) und "Gun-shy" ("Schussangst" 2003) in den Midnight-Specials vorgestellt. Allzu viele waren an diesem Vormittag nicht gekommen und als er vorschlug, ihm Frage zu stellen, anstatt ihn einfach reden zu lassen, hab ich den Saal schon in peinlicher Ruhe versinken sehen. Doch es kam ganz anders. Immer wieder wurden Fragen gestellt und meistens mit: "That's a good question." / "Oh, I love that question!" oder "Thank you for asking me that question!" und natürlich mit einer Antwort belohnt und es wurden zwei vergnügliche, interessante Stunden. Dito Tsintsadze
Geboren wurde er 1957 in Tiflis, damalige Sovietische Union, heute Georgien. Er studierte 1975 bis 1981 bei den georgischen Regisseuren Eldar Shengelaya und Otar Iosseliani am Institut für Theater und Film in Tiflis und arbeitete später für das georgische Fernsehen. Am Anfang machte er Kurzfilme, wie "Dakhatuli tsre" (1988), bis er 1993 mit "Zghwardze" ("An der Grenze") seinen ersten Spielfilm drehte, der in der Schweiz beim 'Locarno International Film Festival' den Silbernen Leoparden gewann. Die sechs Jahre darauf bezeichnet er als seinen größten Fehler, als verlorene Jahre. Unwissend, wie er sich nach dem plötzlichen Erfolg seines ersten Filmes, bezeichnet, unterschrieb er blind einen Vertrag bei einem italienischen Produzenten, der ihn für die Jahre nach Locarno verpflichtete. Danach kam er nach Deutschland, wo er nun seit Auslaufen des Vertrages arbeitet. Seitdem dreht er ohne deutsch zu sprechen sehr erfolgreich deutsche Filme. Seine Farce "Lost Killers", über die grotesken Schicksale von Emigranten in der Fremde, wurde auf den Festivals in Cottbus und Thessaloniki ausgezeichnet und Tsintsadzes letztes Werk, der eigenwillige Thriller "Schussangst", gewann, als erster deutscher Film überhaupt, den Hauptpreis beim A-Festival in San Sebastian. Sein nächstes Projekt möchte er aber als internationale Koproduktion in seinem Heimatland verwirklichen. Es soll ein Film über das Rote Kreuz werden. Jedoch betont er, dass die Geschichte nicht von Menschen, die in ein armes Land kommen um armen Menschen zu helfen, handeln wird, sondern viel mehr wird. Mehr wollte er noch nicht verraten. Aber auch wenn er in Georgien seinen nächsten Film machen wird, möchte er nicht die Möglichkeit verlieren, weiterhin in Deutschland Filme zu drehen. Das Drehbuch"Lost Killers" stammt aus seiner Feder. Auch wenn er die oben
angesprochenen sechs Jahre am liebsten aus seiner Biographie streichen
würde, so haben sie doch zu der Entstehung von "Lost Killers"
beigetragen. All die Ideen für seine Geschichten stammen von seinen
Beobachtungen. So gehen Charakterzüge der Figuren aus "Lost
Killers" auf 'komische Leuten', die er während der sechs Jahre kennen
lernte oder beobachtete, zurück. Casting und Arbeit mit SchauspielernDito Tsintsadze casted auf seine eigene Art und Weise. Er lässt nie
Szenen vorspielen, sondern verwickelt die Schauspieler viel lieber in
Gespräche. Lavina Wilson, die 'Isabella' in "Schussangst" spielt,
hat er engagiert, weil sie ihm beim Casting eine interessante, intelligente
Frage stellte. Schnitt
Dito Tsintsadzes Meinung nach entsteht ein Film beim Schnitt, denn da kann
man alles noch einmal ändern, so weit das Material das hergibt. Erst im
Schnittraum erhält ein Film sein entgültiges Aussehen. Da lassen sich Szenen nochmals umstellen, Momente vertauschen und man
kann von dem gesamten Material das passende heraussuchen. ProduzentenBei Produzenten sollte man aufpassen. Sie können in einem Mercedes
angefahren kommen, dich in ihre Villa einladen und du fällst auf die Tour
rein und bist für sechs Jahre an sie vertraglich gebunden und musst nur
Unsinn drehen. Oder aber einer kommt unrasiert, und durchnässt daher, was
daran liegt, dass er das Fahrrad trotz strömendem Regen genommen hat und
setzt sich für deinen Film richtig ein. Beide Erfahrungen hat Tsintsadze
gemacht. IndividualitätJede Person kann einen Film anders sehen, deswegen braucht man eine große
Breite an Filmen. "Hamlet" könnte von 40 Regisseuren auf 40
verschiedene Weisen umgesetzt werden, und gerade das macht die Schönheit des
Films, laut Tsintsadze, aus. Aber um seine Individualität zu finden muss man
Bücher lesen, sich über Kultur bilden, die Augen und Ohre offen halten und
so Ideen finden. Es gibt viele Ideen da draußen, die einem die Richtung
zeigen. Es geht nicht darum sie zu stehlen, sondern sich davon inspirieren zu
lassen, davon zu lernen. Es gibt noch viele Möglichkeiten, die noch nie
ausprobiert wurden. Man muss, dass was man perfekt kann hinter sich lassen
und neues ausprobieren, risikofreudig und experimentierfreudig vorgehen. Zu scheitern ist "brilliant", kein Versagen, da man schon
gewonnen hat, wenn man es nur versucht. Man darf nicht immer nach dem gleichen
Muster verfahren. Natürlich kann man in den Filmen von dem gleichen
Regisseur immer wieder Gemeinsamkeiten feststellen, weil man sich nicht total
ändern kann. Sein Vorbilder in diesen Aspekten sieht Tsintsadze u.a. in Stanley
Kubrick, Frederico Fellini, den Coen-Brüdern, in David Lynch, Jean-Luc
Godard und in manchen Punkten auch in Lars van Trier. Kathrin Metzner, 30.11.2003 |
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