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Interview mit Jérôme Bonnell
(„WAITING FOR SOMEONE“)

Jérôme Bonnell präsentierte auf dem Filmfest München 2007 seinen dritten Spielfilm "WAITING FOR SOMEONE", der über Menschen handelt, die auf der Suche nach jemand sind mit dem sie Leben und Liebe teilen können.

Kritik zum Film "WAITING FOR SOMEONE"

 

Was ist Thema des Films und was wollten Sie aussagen und zeigen?

Es ist mysteriös, vieles kommt aus dem Unterbewusstein. Am Anfang hatte ich Lust eine Geschichte zu erzählen. Danach an jeder Etappe der Herstellung des Films, von der Drehbuchentwicklung über das Drehen bis hin zum Schnitt entdeckt man Sachen, die man hinzufügen möchte. Es sind Sachen, die intim und tiefgründig sind, die einem aber sonst entfallen. Ich hatte Lust von der Einsamkeit der einzelnen zu erzählen. Es ist ein Thema, das in meinen anderen Filmen immer wiederkehrt und das ich hier weiter erforsche. Wie bei vielen Regisseuren der Fall, folgt man thematisch einen Weg um sich mit einem immer wiederkehrenden Thema auseinandersetzen, auch wenn die Geschichten verschieden sind. Der erste Gedanke, der mir gekommen ist, ist die Beziehung zwischen den beiden Protagonisten Louis und Sabine, gespielt von Jean-Pierre Darroussin und Florence Loiret. Am Anfang dachte ich nur einen Film über die beiden zu machen. Dann beim Schreiben sind die anderen Figuren schnell dazugekommen über eine Logik, die ich schwer beschreiben kann. Ich hatte eine wahre emotionale Resonanz und die Sachen sind einfach zu mir gekommen. Die Geschichte von Louis und Sabine war im Zentrum, aber die anderen Geschichten sind nach und nach dazu gekommen, und die Einsamkeit und Melancholie der verschieden Figuren haben sich gekreuzt.

War es Ihre Absicht, die Figur des Stephan als Gegenpol zum Ehemann der Agnes zu entwerfen?

Es ist eher so, dass, was mich in der Beziehung zwischen Stephan und Agnes berührt, gespielt von Sylvain Dieuaide und Emmanuelle Devos, ist ihrer gegenseitige verschiedene Melancholie, die beiden inne wohnt, und ihr Verlangen, als sie sich begegnen. Abgesehen davon ist Agnes jemand, die niemals ihren Mann betrügen würde und die von Anfang bis zum Ende in ihren Mann verliebt ist. Das berührt mich sehr.

Sie haben für alle Personen ein positives Ende gewählt? Was war der Beweggrund?

Es ist für alle Figuren eine Eröffnung am Ende des Films, weil die Sachen nicht abgeschlossen sind. Das lässt dem Zuschauer die Freiheit zu spekulieren oder anzunehmen, was passieren wird,  und lässt den Film in seinem Kopf weiterlaufen. Die Eröffnungen sind positiv und optimistisch.

Aus der Sicht des Autors, Sie haben ja auch das Buch zum Film geschrieben, gibt es einen persönlichen Bezug zu der Geschichte?

Zum einen ist die Geschichte Fiktion. Zum anderen ist es ein persönliches Thema ohne autobiographisch zu sein. Ich erzähle eine Geschichte, die auf meinen persönlichen Erfahrungen beruht ohne von mir zu handeln oder mich selbst einzubringen. Ich würde es sonst nie schaffen können. Ich glaube, bei jedem Regisseur ist es genauso. Nehmen Sie zum Beispiel den Film "Die Geschichte der Adele H." von François Truffaut". Truffaut hat einen Film über die Tochter von Victor Hugo gemacht. Ich nenne diesen Film als Beispiel, weil er für mich mehr ein Film über Francois Truffaut als über die Hauptfigur Adele H ist. Auch wenn es grundsätzlich ein Film über Adele H ist, verbergen oder verstecken sich hinter der Geschichte viele intime Sachen von ihm und werden ausgedrückt. Erzählerische Elemente nicht aus seinem Leben, aber bezogen aus seiner tiefen Obsession und seinen persönlichen Verletzungen. Alles sehr unbewusst. Und deshalb ist das Kino so großartig. Man erfindet Geschichten und Fiktion, und dahinter findet man Sachen von einem selbst, die darin enthalten sind und die man sonst nicht vermuten würde.

Wie war der Prozess der Figurenentwicklung und des Schreibens an diesem Projekt?

Es ist schwierig, das zu messen. Ich habe das Drehbuch zu diesem Film vor meinem zweiten Spielfilm "Les Yeux clairs" geschrieben. Als ich mit dem Schreiben fertig war, habe ich einen anderen Film gedreht, was mir erlaubt hat über die Geschichte nachzudenken. Es sind einige Jahre vergangen. "Waiting for Someone" war sehr fortgeschritten in der Entwicklung, doch während der Dreharbeiten würden dann weitere Änderungen vorgenommen. Ich denke, dass jeder Film eine Entwicklung hat und sich verändert in dem jeweiligen Schritt der Herstellung. Die Sachen verändern sich. Szenen müssen neu geschrieben werden. Durch die Mitwirkung der Schauspieler werden Szenen anders als sie vorgesehen werden. Man verändert die Chronologie der Szenen im Verlauf des Schnitts. Ich glaube nicht an die absolute Kontrolle über ein Projekt. Ich denke an eine bestimmte Disziplin und Bedingungen, die eingehalten werden müssen, die einem auf der anderen Seite wiederum Freiheit geben.

Sabine und Louis

Wie hat sich der Film im Bezug zum Drehbuch verändert? Wurden neue Szenen hinzugefügt, die ursprünglich nicht vorgesehen waren?

Nicht so sehr von der Struktur her. Ich habe einige Dialoge neu geschrieben. Augrund der Rushes habe ich das manchmal getan für den nächsten Tag. Es hat sich alles entwickelt. Szenen musste ich umschreiben und haben sich angeglichen zu dem, was wir gedreht hatten. Für die Schauspieler war das sehr stimulierend, weil sich jeden Tag von neu etwas verändert hat und sie sich darauf einstellen mussten. Es gab viel Schnittmaterial und ich habe die Szenenfolge des Drehbuchs im Schnittprozess sehr verändert. Es ist eine Art der Narrration, die das einem erlaubt. Es ist ein Film mit weniger Ereignissen als Entwicklungen, die nicht präzise aufeinandergelegt und nacheinander bestimmt sind. Der Film erzählt vielmehr die Verbindungen, die die einzelnen Figuren zueinander haben. Die Aktion oder die Handlung in Anführungsstrichen entwickelt sich wenig. So kann man schon die Szenefolge verändern und bestmöglich aufeinander abpassen, als an eine rigide Folge gebunden zu sein. Es ist keine konstruierte Handlung, die voneinander abhängig ist. Durch die verschiedenen Handlungsstränge der drei Protagonistenpärchen war es möglich, verschieden Szeneabfolgen zu erstellen und im Schnitt auszuprobieren zwischen Anfang und Ende. Ich habe viel am Schnitt gearbeitet. Ich habe mir gesagt, die Szenenfolge des Drehbuchs lege ich beiseite. Ich habe versucht eine kohärente Weise zu finden um die Geschichte zusammenzusetzen und zu erzählen. Das gab also Platz für verschiedene mögliche Versionen. Vor einer großen Wand mit Post-Its habe ich das gemacht. Ich habe viele Szenen geschnitten. Wären alle Szenen enthalten, wäre der Film über zwei Stunden lang. Spontan habe ich Szenen rausgenommen. Ich habe mich vom intuitiven Moment, von meiner emotionalen Resonanz leiten lassen. Von der Resonanz zwischen den Szenen, was sie hergegeben und produziert haben zueinander. Ich habe meinen Film nicht vorausgedacht. Ich habe die Idee und Auffassung, den Film am gegebenen Augenblick zu entwickeln und zu hinterfragen und nicht in einem vorgefassten Muster zu machen. Der Film soll mich überraschen, als ob ich Zuschauer bin.

Haben Sie die Meinung andere hinzugenommen um eine andere Perspektive zu bekommen und sich selbst zu hinterfragen?

Ich habe mit einer Cutterin zusammengearbeitet an dem Film. Ich war sehr bestimmend in dem, was ich wollte. Der Schnitt ist immer schwer für mich. Es ist nicht die Etappe der Filmherstellung, die ich bevorzuge, auch wenn sie spannend ist. Ich habe mehr Spaß am Drehen, wenn die Schauspieler da sind, wo alles möglich ist. Ich habe den Eindruck, im Schnitt muss ich den Film finden, die Sachen sind da, alles ist beendet, man muss sie nur finden. Auch wenn es viele Möglichkeiten gibt, man muss die Szenen so finden und zusammensetzen. Es gibt nur einen Film, den man finden muss.

Gabe es verschiedene Schnittversionen?

Es gab sehr viele, aber keine davon war gut. Außer der letzten. Das hat 12 Wochen gedauert. Das ist nicht lang.

Als Regisseur haben Sie ein visuelles und ästhetisches Konzept mit dem Sie an diesen Film herangehen wollten? Oder entwickelt sich das durch die projektbezogenen Einflüsse am Set während des Drehs?

Grundsätzlich versuche ich nicht zu theoriesieren und lasse mich vielmehr leiten von dem Augenblick des Drehs, um nicht voreingenommen an einen Film heranzugehen. Wenn ich schreibe, habe ich alle Bilder gedanklich im Kopf. Kurzentschlossen kommen mir die Ideen für die einzelnen Bilder und wie die Kamera entsprechend aus der jeweiligen Entfernung alles einfangen soll. Während der Dreharbeiten stelle ich alle Ideen und Szenen um und adaptiere entsprechend der Freiheiten, die ich habe und den Schauspielern zur Verfügung stelle. Es ist auch abhängig von den Räumlichkeiten, den natürlichen Dekorationen. Ich passe mich den Gegebenheiten an. Was mich sehr leitet ist der Raum und die Freiheit, die sich die Akteure nehmen. Das ist sehr wertvoll für mich. Ich möchte, dass sie sich frei fühlen. Beim Einrichten der Szene sage ich im ersten Augenblick gar nichts, beobachte die Schauspieler und adaptiere die Kamera entsprechen ihren Bewegungen. Ich versuche immer eine natürliche Distanz zu den Agierenden zu wahren. Mich in eine Position zu versetzen, die begründet und richtig ist. Es ist immer die Kamera, die sich den Schauspielern anpasst und nicht umgekehrt. Eine Kamera, die neutral und objektiv einfängt und niemals mit zu durchdachten Einstellungen agiert. Ich will damit sagen, eine Kamera, die nicht angeberisch und effektheischend die Bilder einfängt. Man soll die Existenz der Kamera vergessen. Bei mir kommt es zum Beispiel vor, dass ich eine Szene in einer Einstellung drehe, wo sich die Kamera sehr wenig bewegt. Das erzeugt eine andere Beziehung zwischen Schauspieler und Kamera. Das erzeugt auch eine andere Beziehung zwischen dem Zuschauer und der Szene selbst. Die Sachen scheinen nicht im Vorhinein vorbereitet und gestellt zu sein. Die Sachen produzieren sich ohne eine Mise en Scène. Ich mag die Illusion, obwohl es eine Mise en Scène gibt, dass keine solche vom Zuschauer wahrgenommen wird. Es gibt Regeln, die man beachten muss, die Mise en Scène etc. Aber ich versuche, die Illusion aufrechtzuerhalten und mich glauben zu machen, dass ich Zuschauer und durch Zufall mit meiner Kamera am Ort des Geschehens, also der Szene, bin. Und sich die Sachen ereignen, als ob ich es nicht intendiert und gewollt habe. Ganz natürlich ohne mein Zutun. Ich suche ein Gleichgewicht zwischen der einem gestellten Bedingung und der kreativen Freiheit.

Arbeiten Sie mit Master Shots?

Ich mag nicht so sehr mit Master Shots zu arbeiten und zu überschneiden. Ich finde das sehr schulisch. Ich mag Einstellungen zu machen, wo ich Sachen entdecke. Ich mache nicht viele Shots, um mich zu schützen und viel Material zu haben, mit denen ich dann die Szene sicher schneiden kann. Eine einzelne Einstellung, wie zum Beispiel zwischen Agnes und Stephan in der Küche, ist so ein Beispiel. Es ist ein wahres Vergnügen für die Schauspieler, über eine solche Distanz zu gehen in der Szene. Für mich auch, wie die Schauspieler sich in einer solchen Szene entwickeln. Ohne zu schneiden. Noch mal, das gibt die Illusion, dass sich die Sachen vor meinen Sachen produzieren ohne mein Zutun. Ich bin da mit meiner Kamera und filme es. Das macht mich die Mise en Scène vergessen. Das ist sehr angenehm.

Jérôme Bonnell im Gespräch

Welches Verhältnis hatten Sie mit dem Beleuchter und Kameramann? Hatten Sie eine klare Vorstellung und Richtung oder haben Sie sich Sachen vorschlagen lassen?

Der Kameramann Pascal Lagriffoul, war auch zugleich der Verantwortliche für das Licht. Das hat eine große Komplizität zwischen mir und ihm ermöglicht. Es ist immer eine Mischung aus, was man will und den Vorschlägen, die man gemacht bekommt. Ich wollte ein natürliches und neutrales Licht, das die Geschichte entsprechend einfängt und sich den Charakteren anpasst. Es ist immer auch ein Austausch zwischen mir, Kameramann und den Schauspielern. Es ist immer eine Balance zwischen kreativer Freiheit und produktionsbedingter Notwendigkeit, die man finden muss. Lagriffou ist jemand, der wie ich den Schauspielern große Freiheiten gewährt. Somit gab es große Übereinkünfte zwischen uns. Es ist der dritte Film, den wir zusammen machen. Ich bin sehr direkt und bestimmt, aber ich brauche gar nicht viel zu sagen. Er weiß, wie ich funktioniere. Er sieht voraus, was ich anstrebe und umsetzen will, und es entsteht eine unbewusste Übereinstimmung, die ein schnelles Arbeiten ermöglicht. Er schlägt was vor, und ich habe es bereits im Kopf oder umgekehrt. Es ist eine symbiotische Beziehung.

Wie hat das Casting funktioniert?

Ich mag nicht mit Castingagenten zu arbeiten. Ich mache das lieber alleine, treffe die Schauspieler lieber unvoreingenommen. Ob es für die Hauptrolle oder kleine Nebenrollen, wo der Schauspieler einen Satz zu sagen hat. Ich treffe sie alleine und wähle. Ich bevorzuge das.

Gabe es auf Produktionsebene Herausforderungen und Probleme technischer Natur?

Nein. Ich war sehr glücklich mit dem Dreh. Es war der beste Dreh, den ich bisher hatte. Ich hatte große Freiheit drehtechnisch gesehen, großes Vertrauen in alle, immer genügend Zeit für meine Einstellungen. Der Film war nicht sonderlich teuer. Mit den Schauspielern hat es wunderbar geklappt. Sie waren sehr großzügig zu mir.

Wo waren die Drehorte?

Es war in der Pariser Vorstadtregion. Wir haben in verschieden Orten gedreht, die dann im Film nur einen kleinen Vorort darstellen.

Welche Finanzierungspartner waren am Projekt beteiligt?

Es gab mehrere Beteiligungspartner an der Finanzierung. Es hat alles sehr gut und schnell geklappt. Die Finanzierung wurde sehr zügig geschlossen. Ich hatte eine sehr direkte und energische Produzentin. Ich kannte die Probleme finanzieller Natur aus den Erfahrungen, die ich durch meinen vorherigen Film gemacht habe. Es war nicht immer leicht, aber im Großen und Ganzen hat es gut geklappt. Es gab zwei Fernsehsender, France 2 und Canal Plus, es gab die Länderförderung der Region Ile de France, die Sofica und das Centre National de la Cinématographie (CNC). Der Film hat etwa zweieinhalb Millionen Euro gekostet. Die Produzentin war Anne-Dominique Toussaint. Sie ist sehr präsent, sie hat einen guten Blick für alles. Sie hat die die richtige Distanz und übernimmt Entscheidungen an meinem Platz, um mich zu entlasten. Es ist sehr selten eine Produzentin zu finden, die diese Qualitäten in sich vereint. Sie hat mir immer viel Vertrauen gegeben von Anfang bis Ende, was unheimlich wichtig war. Wir hatten nicht viel Geld, aber es war genügend um den Film zu machen. Man sieht auf der Leinwand nicht, dass der Film so wenig gekostet hat. Es gibt keine Special Effects, keine großen Dekors, nicht viele Statisten. Bei zweihundert Filmen im Jahr, die in Frankreich pro Jahr gedreht werden, ist es auf der einen Seite eine große Chance seinen Film realisieren zu können. Auf der anderen Seite ist man mit seinem Film einer großen Konkurrenz, einem starken Wettbewerbsdruck ausgesetzt. Bei so vielen Filmen ist es schwer eine eigene Identität sich mit seinem Film zu erhalten. Der Verdrängungsprozess ist einfach sehr stark.

Wie sieht die weitere Reise des Films aus?

Der Film ist in Frankreich am 21. März gestartet und ist gut gelaufen. Mich würde es freuen einen Verleiher für meinen Film in Deutschland zu finden.

 

Herr Bonnell, wir danken Ihnen für das Gespräch!

 

Interview geführt von Roderik Helms

 

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