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27.DOK.fest 

02. - 9. Mai 2012

Gut besuchte Eröffnung des diesjährigen DOK.fest 

 

Im beinahe voll besetzten Münchner City/Atelier Kino an der Sonnenstraße fanden sich alle dem Dokumentarfilm Zugeneigten zur Eröffnungsveranstaltung ein.

Bereits vor dem Einlass hatten sich Mitglieder des Bundesverbandes Regie postiert, um per Handzettel für die Mitgliedschaft zu werben. Denn hinter den Kulissen brodelt es in der heilen Welt des deutschen Dokumentarfilms. Hatte bisher die AG DOK alleinig den Anspruch, Dokumentarfilmer berufsständig zu vertreten, so macht sich der BVR (Bundesverband Regie) seit geraumer Zeit daran, auch unter den Dokumentaristen auf Mitgliedersuche zu gehen. Ganz uneigennützig ist das sicherlich nicht, schließlich stärken zahlende Mitglieder jeden Verband, andererseits gibt es ja auch diverse Produzentenverbände ohne dass damit die Branche auseinander bricht.

Der gut besuchte Kinosaal im City/Atelier Kino in der Münchner Sonnenstraße

Vor den Start des eigentlichen Eröffnungsfilms hatte das Schicksal noch diverse Reden, Trailer, eine Preisverleihung an das DOKfest selber, samt Laudatio und  sogar Werbespots gestellt. Zur Einstimmung auf die folgenden Ansprachen wurde zunächst ein aufwändig produzierter Trailer mit Ausschnitten aus Filmen des Festivals gezeigt, der wohl ein wenig Berlinale Feeling erzeugen sollte. 

Danach prognostizierte der Moderator des Abends, Moritz Holfelder dem Festival neue Besucherrekorde, nicht etwa wegen des guten Programms, das sei eher Nebensache, sondern vor allem wegen des drohenden schlechteren Wetters in und um München. 

Mit seiner Wetterprognose lag er übrigens überraschend präzise, pünktlich gegen 24:30 begann es mit Blitz und Donnerschlag, zu regnen, ein gutes Zeichen für die diesjährige Zuschauerbilanz.

Die Reden bildeten den üblichen Mix aus geschriebenen und vorgetragenen, oder aber auch selbst erfühlten und launig und emotional vorgetragenen Gedanken zum Dokumentarischen. Das Eine oder Andere geriet gar unfreiwillig komisch, aber all das war eigentlich ganz im Sinne des Dokumentarischen ein Abbild der Realität, in diesem Fall auch ein wenig der Kulturpolitik.

Festivalleiter Daniel Sponsel hob in seiner kurzen Rede hervor, dass das Festival in diesem Jahr weitere Förderer hinzugewonnen habe und warnte zugleich davor, Budgets für die Zukunft zu kürzen. 

Eröffnungsfilm

Festivalleiter Daniel Sponsel

Nach so viel Theorie war man doch schon etwas erschöpfter, als mit dem israelisch deutschen Dokumentarfilm "DIE WOHNUNG (HA-DIRA)" dann das Festival auch filmisch eröffnet wurde. Der israelische Filmemacher Arnon Goldfinger hat das Entrümpeln der Wohnung seiner jüdischen Großeltern zum Aufhänger gemacht, zugleich der Vergangenheit seiner Großeltern nachzugehen. 

Das Konzept des Filmes scheint, wie so oft beim dokumentarischen Arbeiten, beim Drehen entstanden und gewachsen zu sein. Während man zunächst teilweise ironisch, schräge humorvolle Beobachtungen beim Entrümpeln der Wohnung mit beobachten kann, wendet sich der Film später mit der Entdeckung seltsamer Belege einer Freundschaft zu Deutschen, die regelmäßig besucht wurden formal und stilistisch einer recht anderen Erzählweise zu. Vermutlich wurde in recht kurzer Zeit erst einmal die Situation der Wohnungsauflösung gedreht, ohne zu ahnen, welche Dimension dann das später Recherchierte eröffnen würde, ein Bruch den man dem Film anmerkt aber nicht übel nimmt.

Kurze Diskussion nach dem Eröffnungsfilm- Moritz Holfelder im Gespräch mit Regissieur Arnon Goldfinger und dem deutschen Koproduzenten Thomas Kufus (rechts nach links) 

Wie es scheint, waren die Großeltern des Regisseurs über Jahrzehnte mit der Familie eines SS-Offiziers befreundet. Dieser Ungeheuerlichkeit und vor allem der Frage nach dem Warum geht dann der Regisseur nach und bewegt sich zeitweise etwas unentschlossen in der Welt des Verschweigens, des Unausgesprochenen. 

Mehrfach zieht der Film seine Spannung aus dem "Mehrwissen des Zuschauers", etwa klaren Beweisen für die Verstrickung der deutschen Freunde der Großeltern mit dem NS Geheimdienst, in freundlicher Konfrontation mit deren scheinbar Unwissenden oder das Schreckliche nicht wahrhaben wollenden Kindern.

Was der Film vor allem leistet ist, deutlich zu machen, wie wenig in vielen jüdischen Familien über die Schrecken der NS Verfolgung gesprochen wurde und wie wenig sich deutsche Familien konkret mit den Haltungen und Taten der eigenen Großeltern oder Eltern auseinandergesetzt haben. Sehenswert.

Prognosen und so

Das angekündigte schlechte Wetter blieb übrigens bis Freitag einschließlich aus, Sonne und Wärme lockte die Münchner hinaus in die Natur oder die Straßencafés und Biergärten. Samstag endlich kam die von Festivalleiter Daniel Sponsel so heiß ersehnte Abkühlung,- man darf auf höhere Besucherzahlen hoffen.

DOKFiction und "Silberwald"

Regisseurin Christine Repond und Filmfest Chefin Diana Iljine 

In der Reihe DOKFiction hatte "Silberwald", der mehrfach ausgezeichnete Spielfilm von Christine Repond seine Münchner Premiere. Im gut gefüllten Atelier-Kino an der Sonnenstraße wurde der Film als eines der spannenden Beispiele für dokumentarische Elemente und Arbeitsweisen im szenischen Film aufgeführt. 

Den Film stellte Diana Iljine, Festivalchefin des Münchner Filmfests vor, die bei dieser Reihe mit Daniel Sponsel, dem Leiter des DOKFestes zusammenarbeitet.

In der anschließenden Diskussion mit der Regisseurin wiesen diverse Zuschauer einmal mehr darauf hin, dass dieser Film einen Kinostart verdient habe, um ihn einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.

Weitere Filme der DokFiction Reihe: August; Deserteur; Die Zone; Hongkong; Italy: Love It, or Leave It; La Vierge, les Coptes et moi; Pyongyang Robogirl; The Centrifuge Brain Project; The Herd; Wagah; Wie ich ein freier Reisebegleiter wurde; Zwischen vier und sechs. 

Auch wenn dem Vernehmen nach, ein paar Hardliner-Dokumentaristen ihre Probleme mit dieser neuen Reihe des DOKFestes hatten,- vom Publikum jedenfalls wurde sie mit größter Aufmerksamkeit bedacht.

 

Hundsbuam

Regisseur Alexander Riedel stellt seinen Film vor 

Hundsbuam heißt ein Dokumentarfilm von Alexander Riedel, mit dem er an den Erfolg seines "Draußen Bleiben" anknüpfen möchte. Vor fünf Jahren hat er darin das Schicksal zweier Mädchen mit Migrationshintergrund auf spannende Weise beleuchtet. Dabei kam er den frechen, sich selbst erziehenden, kämpferischen Mädchen erstaunlich nahe.

In Hundsbuam nun geht es um eine kleine Gruppe von Jungs zwischen 14 und 16, welche vor allem verbindet, dass sie, an normalen Schulen gescheitert, in einer besonderen Schulumgebung in Ganztagsintensivunterricht in Wartenberg, im Erdinger Moos eine Art "letzte Chance" bekommen, einen Schulabschluss zu machen.

Lehrer Walter Mooser und sein Team versuchen in dem Film mit stoischer Geduld und schlichten, aber klugen Argumentationsketten, die Schüler an Dinge wie Vermeidung von Schimpfwörtern, Klärung von Meinungsverschiedenheiten ohne Gewaltanwendung, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit heranzuführen. Und natürlich an Lehrstoff, um endlich doch noch zu einem schulischen Abschluss zu gelangen.

Diese Bemühungen zu beobachten, ist spannend und sicherlich eine Leistung des Filmes, der über weite Strecken in festen, tableauartigen Einstellungen gedreht wurde. Diese Erzählweise hat systemimmanent häufig etwas bühnenhaftes, ein Raum ist angerichtet, dem Handeln und Sprechen der Darsteller kommt dadurch größtmögliche Aufmerksamkeit zu. Schon Jacques Tati hat häufig so gearbeitet, und wie bei Tati wirken manche derart gedrehten Situationen in Hundsbuam unfreiwillig komisch.

Filmteam von Hundsbuam mit Hündin Zenzi, dem Maskottchen der Schule. 

Damit sind wir schon bei einer der schwierigsten Herausforderungen bei der Behandlung eines solchen Themas. Kinder am unteren Ende des Bildungsniveaus geben durch ihr Verhalten, ihre Sprache und Haltung dem Zuschauer leicht Anlass zum Lachen. Auch wenn er genau weiß, dass in der Regel Probleme im Elternhaus die Kinder in solch eine Schieflage gebracht haben. Deshalb besteht für die Protagonisten eines solchen Film stets auch die Gefahr des Vorgeführtwerdens, zumal es sich um Minderjährige handelt.

Zu Beginn des Films ließen denn auch ein paar Situationen mit "Ey Oalda…" Dialogen genau diese Gefahr spüren, möglicherweise war hier das dramaturgische Interesse, den Zuschauer erst einmal für den Film und seine Figuren zu begeistern, mehr im Vordergrund. Im Verlauf des Films, vielleicht auch mit längerer Beschäftigung mit den Protagonisten und den respektvollen Erziehungsbemühungen durch die Pädagogen der Heimvolksschule des Josefsheims, wird bei dem Zuschauern das Lachen an entsprechenden Stellen eher zu einem Schmunzeln und manchmal muss man auch schlucken.

So sprechen auch die Auftraggeber des Films, die Redakteure von BR Alpha von einer Gratwanderung, die Voyeurismus vermeiden will. Und man kann davon ausgehen, dass Regisseur und Cutterin gewiss viel Material nicht verwendet haben, auch um die Protagonisten vor sich selber zu schützen, eine Selbstverständlichkeit für jeden verantwortungsvollen Dokumentarfilmer.

Der Film bewahrt eine erzählerische Distanz zu den Jugendlichen, Nähe stellen vor allem die Pädagogen, allen voran Lehrer Mooser her. Ab und an wünscht man sich auch vom Film selbst mehr Nähe, in wenigen Ausnahmemomenten, etwa wenn einer der Protagonisten in seinem Zimmer sitzt und die ihn streifenden Lichtflecken einer Diskokugel Traumwelten und Sehnsüchte erahnen lassen. Diese Dimensionen der Jugendlichen bleiben einem weitgehend verwehrt.

In der dem Film folgenden Diskussion fiel dann noch eine wichtige Anmerkung des Lehrers Moser, die man dem Film nicht so einfach entnehmen konnte,- nämlich ein Hinweis auf den Schmerz, auf den Leidensweg der Eltern, die hilflos mit ansehen müssen, wie ihre Kinder alle Bahnen eines funktionierenden Lebens in der Gesellschaft mehr und mehr verlassen. Die Schule, so Moser in der Diskussion, nimmt den Eltern möglichst viel Ärger ab, damit in der Kommunikation mit den Jugendlichen nicht mehr "Hast Du Deine Hausaufgaben, dein Zimmer aufgeräumt etc." im Mittelpunkt stehen. Eine tolle Schule, welche so manchem Jugendlichen dann doch noch einen Weg ins Leben möglicht macht.

Sehenswert

 

Mathias Allary

 
© 1999-2012
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Titel:   DOKNotes 2012
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Quelle: Movie-College (www.movie-college.de)

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