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Maïmouna - la vie devant moiInternationales Programm Deutschland 2007
Eine junge Frau, 23 Jahre alt, fährt mit ihrem Mofa von Dorf zu Dorf durch den afrikanischen Busch. Ihre Aufgabe ist, Aufklärungsarbeit über die "Beschneidung" der Frauen zu leisten. Durch ihre engagierte und anschauliche Arbeitsweise versucht sie die Dorfbewohner, für die schwerwiegenden Folgeschäden die häufig zum Tod führen, zu sensibilisieren. Vor allem die jungen Frauen nehmen die Aufklärungskampagne dankbar an, denn sie teilen das gleiche Schicksal mit Maïmouna und wissen welche Schmerzen und welches Leid diese längst veraltete Tradition mit sich bringt. Allerdings stellen sich meist die Dorfältesten ignorant und verständnislos gegen die Abschaffung der weiblichen Genitalverstümmelung. Sie versuchen die patriarchalischen Strukturen aufrecht zu erhalten und begründen diese mit lächerlichen Argumenten und weigern sich die "Tradition" niederzulegen. Die Organisation Bangr Nooma hat sich zur Aufgabe gemacht, Frauenverstümmelung in Burkina Faso zu bekämpfen. Die Institution entwickelte ein Konzept welches in mehreren Schritten erfolgreich vorgeht. Aufgrund ihrer persönlichen Stärke schafft es die junge Protagonistin die traumatische Erfahrung für sich selbst gut zu verarbeiten. Mit ihrer Vorgehensweise gibt sie ein vorbildliches Beispiel für die neue Gesellschaft in Afrika. Ein sehr aufschlussreicher Film über noch immer praktizierten Rituale, die schon lange gesetzlich verboten sind. In kurzen Ausschnitten wird eindrucksvoll gezeigt, wie der Alltag im afrikanischen Busch gemeistert wird.
Gesehen von Elisabeth Wolf
Jesus CampWettbewerb USA 2006
Pastorin Becky Fischer veranstaltet für Kinder das Sommercamp "Kids on Fire" in North Dakota. Damit möchte sie die Kinder zu einem wahrhaftigen Glauben verhelfen und die Nation retten vor der Gefahr, die von Ungläubigen ausgeht. Sie predigt ihnen von dem heilsbringenden Glauben an Jesus Christus. Sie berichtet ihnen von der Gefahr, die von der Sünde ausgeht und der jeder ausgesetzt ist. Sie organisiert für die Kinder eine Demonstration gegen Abtreibung vor dem Capitol. Sie schwört sie mit martialischen Tänzen und Verkleidungen auf einen Heiligen Krieg ein, gegen jeden, der Jesus nicht liebt. Die Eindringlichkeit mit der sie auf die Kinder einredet kommt an. Es wird ein Junge gezeigt, der gesteht, nicht alles zu glauben, was in der Bibel steht und darüber verzweifelt. Ein neunjähriges Mädchen spricht Menschen an, die ihrer Meinung nach vom rechten Pfad abgekommen sind und gibt ihnen Broschüren in die Hand und ein weiterer zehnjähriger Junge hält vor allen Teilnehmern des „Bible Camp“ eine kämpferische Predigt. Heidi Ewing und Rachel Grady ist es gelungen ein eindrucksvolles Bild einer evangelikalen Gemeinde im Herzen der USA zu zeichnen. Die Dramaturgie steigert sich langsam, bildet immer wieder kleine Höhepunkte aus, die durch einen bemühten Versuch des Anwalts Mike Papantonio, die Anrufer in einer Radiosendung wachzurütteln, wiederholt kritische Zwischentöne erfährt. Langsam wird man in die Welt dieser Menschen eingeführt. Wird am Anfang noch über eine Bewegung gesprochen: „Wir müssen uns erheben und uns das Land zurückerobern“, steigern sich nach und nach auch die Heftigkeit der Aussagen. Zwei Kinder sprechen unbekümmert über ihre Mitgliedschaft in Gottes Armee und am Schluss rufen alle zusammen im Chor ein unmissverständliches: „This means war.“ Es entsteht nach und nach ein beklemmendes Bild einer parallelen Realität, die von einer Massenbewegung getragen wird. Es werden alle wesentlichen und der Bibel widersprechenden Erkenntnisse und Errungenschaften der modernen Zivilisation abgelehnt: der Klimawandel ist nicht existent, der Darwinismus eine Lüge und die Demokratie verhindert die Herrschaft Jesu, usw. Die Regisseurinnen zeigen eine Gesellschaft, die sich in einer schweren Identitätskrise befindet, die als Ausweg daraus auf tradierte Identitäten unreflektiert zurückgreift. Diesem Bedürfnis nach Identität wird alles geopfert. Die Kinder werden instrumentalisiert, um für die Ideale der Eltern zu kämpfen. Der vielbeschworene „Kampf der Kulturen“ ist hier zum Greifen nahe. Kinder, die auf einen Präsidenten Bush in Form eines Pappaufstellers als Heiligen eingeschworen werden. Ein Junge, der Ekel empfindet, wenn sich in seiner Umgebung nicht-christliche Menschen aufhalten. Die Stigmatisierung der islamischen Erziehungslager als Brutstätte des Bösen bekommt im Film bald einen christlichen Gegenpart, als alle Kinder Tassen mit dem „Hammer des Heiligen Geistes“ zertrümmern. Bedenken um dieses militante Gebaren beschwichtigt die Pastorin: „Mit Verlaub, wir besitzen die Wahrheit.“ Eine Dokumentation eines beklemmenden mentalen Zustand von Menschen in der heutigen Zeit in den USA, bei der einem bisweilen das Lachen im Halse stecken bleibt und einen die Sprachlosigkeit überfällt.
Gesehen von Johannes von Alten
El Ejido - la loi du profitWettbewerb Belgien 2006
Die andalusische Stadt El Ejido hat sich in den letzten 30 Jahren vom Armenhaus Spaniens zu einer der reichsten Regionen des Landes entwickelt. Unter Franco schon wurde mit dem Bau von Treibhäusern angefangen. Inzwischen werden europaweit Discountmärkte mit dem dort geernteten Gemüse beliefert. Dieser Aufschwung wird vor allem auf Kosten von Marokkanern und anderen Afrikanern gemacht. Sie kommen als illegale Flüchtlinge ins Land, werden von den Landwirten angestellt. Sie bekommen eine geringe Bezahlung, unzureichende Unterkünfte irgendwo zwischen den Treibhäusern. Sie haben kein Strom, teilweise kein Wasser und müssen pestizidverseuchtes Wasser trinken. Sie verbringen die Tage mit Arbeit oder mit dem Warten auf Arbeit. Ihre Familien haben sie zurückgelassen, um in Europa ihr Glück zu finden, welches sie aufgrund ihrer Illegalität nun auch nicht mehr verlassen können. Doch anstatt ihnen zu helfen, drückt die Stadt und die Polizei beide Augen zu, um die eigenen Interessen zu wahren. Die Landwirte sehen in diesen Umständen kein Grund zur Besorgnis, sie hätten ja früher genauso leben müssen. Außerdem seien es die Marokkaner gewohnt, so zu leben. Unbekümmert und offen wird hier Rassismus zugegeben, wobei sich die Landwirte nicht als Rassisten sehen. Eindrucksvoll wird das Leid der Arbeiter geschildert. Ihre Trennung von den Familien, ihr Warten an den Pick-up-Points auf Arbeitgeber, ihre Hoffnungslosigkeit, ihre Armut und schließlich ihre Lethargie, die sie daran hindert, sich zur Wehr zu setzen. In der Region Andalusien scheinen für den Profit alle Türen offen zu stehen. Es werden Gesetzte, zum Schutze der Umwelt und der Menschen, umgangen und moralische und ethische Grundsätze missachtet. Dabei liegt Andalusien in einem Staat der Teil der Europäischen Union ist. Die Bilder sind teilweise sehr kunstvoll gestaltet, wodurch der Film optisch eine Aufwertung erfährt. Was allerdings hängen bleibt, sind weniger die Bilder als die Ohnmacht gegenüber dieser durch alle Ebenen der Gesellschaft geschützten Sklaverei und der Beigeschmack, den das Gemüse aus Südspanien nun hat. Der Regisseur Jawad Rhalib drehte ausschließlich ohne Drehgenehmigungen. Um an die expliziten Stellungnahmen der Landwirte heranzukommen, schickte er eine belgische Kollegin vor, da er keine Antwort bekommen hätte.
Gesehen von Johannes von Alten
FatherlandWettbewerb Kanada 2006
Manfred Becker ist vor Jahrzehnten nach Kanada ausgewandert. Er ist vor der Geschichte seines Vaters und seines Landes geflohen. Nun wagt er einen Annäherungsversuch, um den durch ihn verursachten Bruch in der Familiengeschichte zu reparieren und seinem Vater wieder näherzukommen. Er möchte ebenso seinem Sohn, der von seinen Mitschülern als Nazi bezeichnet wird, die Angst vor dem Schreckgespenst des eigenen Erbes nehmen und ihm seine Wurzeln näher bringen. Er bringt ihm gegenüber jedoch keine Geduld auf. Er drängt ihn mit Fragen, sich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen, die ihm selber so sehr weit entfernt scheint. Jonas blockiert und verschließt sich. Manfred beschließt seinen Vater zu besuchen und seinen Sohn mitzunehmen, um eine Brücke zwischen den Generationen zu schlagen. Auf höfliche, aber dennoch distanzierte Weise kommen sich Manfred und sein Vater näher. Der Generationenkonflikt zwischen der Kriegs- und der 68er-Generation wird deutlich, da sie im Grunde nicht der gleichen Meinung sind. Dies lässt Manfred aber außen vor lassen und hört seinem Vater zu und bringt Verständnis auf. Auch die Begegnung zwischen Enkel und Großvater ist bemüht und herzlich. So scheint Manfreds Vorhaben zumindest für diesen Moment gelungen. Sie treten zusammen in einem Gottesdienst auf und berichten von ihren Empfindungen zu diesem Thema. Der Großvater spricht von der Angst, die er trotz allem Patriotismus empfunden hat, Manfred spricht von seiner Entfremdung und Jonas hält in einem Theater in der Heimat einen selbstverfassten Monolog, indem er sich am Ende befreit von den bedrängenden Fragen und Schuldzuweisungen. Er dreht den Spieß um und fragt, was wir auf zukünftige Fragen antworten werden, wenn man wissen wollen wird, was wir gemacht haben, wo wir waren. Er schlägt damit die Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart. Mit dem Film Fatherland macht sich der Regisseur auf die Suche nach seiner eigenen Vergangenheit, die eng mit der des Vaters verknüpft ist. Er zeigt deutlich, wie die Beziehung zwischen dem Regisseur Manfred Becker und seinem Vater von der politischen Geschichte dominiert und gestört wurde. Er, der sich befreien wollte vom Vater und politischen Erbe, erkennt seine Entfremdung und sucht Versöhnung. Der Film zeigt anschaulich, wie ein Entkommen vor der eigenen Vergangenheit nicht möglich ist. Der Großvater, der sich der Vergangenheit entzieht, in dem er sie verklärt oder leugnet. Der Vater, der sich der Vergangenheit entzieht, in dem er nach Kanada auswandert und den Kontakt zu den Eltern auf das Nötigste reduziert. Der Sohn, der von dem schweren, unangenehmen Erbe nichts wissen will und sich dem Gespräch darüber entzieht. Subtil wird der Prozess dargestellt, den alle Beteiligten durchlaufen. Ihr behutsamer Umgang miteinander zeugt vom Willen die Familie wieder zu einen und dem anderen zu vergeben und das Erbe anzunehmen. Sie hören geduldig zu, lassen den anderen Raum für Erläuterungen, zeigen Verständnis und erkennen gerade dadurch trotz der scheinbaren Gegensätzlichkeit Parallelen zwischen den Generationen. Stilistisch ist der Film so aufgebaut, dass immer wieder alte Familienaufnahmen und Filmausschnitte in den Film eingebaut werden, um die Verbindungen zwischen Vergangenheit und Realität herzustellen und um einen Eindruck der Zeit des zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit zu geben. Diese Sequenzen wirken allerdings etwas störend, das es sie nicht unbedingt gebraucht hätte, um diesem Eindruck zu erreichen. (Vermutlich eist der Film auf ein Publikum zugeschnitten, welches diese Bilder von Trümmerfrauen, oder Ruinenlandschaften nicht kennt.) Es ist ein mutiges Experiment, da der Regisseur seine eigene Familiengeschichte aufrollt und dabei alles vor der Kamera geschehen lässt. Er ist dabei niemals selbstdarstellerisch, selbstgerecht oder ohne Selbstzweifel und schafft es einen Weg aus seiner Situation aufzuzeigen.
Gesehen von Johannes von Alten
Ich bin doch keine Mörderin - Der Fall DennisWettbewerb Deutschland 2006
Der Film rekapituliert den Fall von Dennis Bittner, der im Juni 2004 in der Kühltruhe in der elterlichen Wohnung aufgefunden wurde. Dabei wird der Fall nicht nachgestellt, sondern anhand von Interviews mit der Mutter und dem Vater nachvollzogen. Die Mutter erzählt von der Geburt, wie ihr Verhältnis zu ihrem Sohn war, welcher einer von zehn Kindern war. Sie erzählt vom langsamen Entgleiten der „Kontrolle“ über ihren Sohn, von der „Entdeckung“ seines Todes und der Zeit des Vertuschens danach. Niemand außer ihr wusste, das Dennis tot war. Sie versteckte ihn in der eigenen Kühltruhe und verschwieg es. Aus Angst, dass ihr Mann sie verließe, aus Angst ihre Kinder zu verlieren Nach zwei Jahren wurde das Kind von der Polizei entdeckt. Beide Elternteile bekamen lebenslänglich, wurden später jedoch „nur“ für Totschlag verurteilt. Das Strafmass steht noch nicht fest. Der Film hat eine strenge formale Ebene. Es gibt keine zeitliche und räumliche Einordnung. Die Kamera ist die ganzen Film über sehr nah an den Gesichtern der Mutter und des Vaters.. Nur selten gibt es Halbtotalen. Die Interviewausschnitte sind unterbrochen durch medizinische Berichte oder Tatverläufe, die die Aussagen einordnen. Die Einstellungen haben nur wenige Schnitte. Fast ununterbrochen ist man sehr nah an den Gesichtern. Von der ersten Sekunde des Films wird somit eine extreme Nähe aufgebaut und ein Gefühl der Beklemmung aufgebaut. Während der Interviews kommt es immer wieder zu langen, schweigsamen Momenten. Mit viel Gespür für die Situation lässt die Regisseurin diese Phasen geschehen und erreicht so durch dem „Draufhalten“ eine Fortsetzung des Gesprächs durch das Minenspiel der Personen. Sie versteht es das Gespräch zu leiten, ohne die Personen in eine Sackgasse zu drängen. Sie wird dadurch ihrem Anspruch des Zeigens und nicht des Erklärenwollens gerecht. Und so erreicht der Film eine ungeheure Intensität. Die Sprachlosigkeit der Personen angesichts der eigenen Tat, zeugt von der Unkenntnis der Tragweite dieser Tat. Der Vater bezeugt durch sein unbewusstes aber konsequentes Desinteresse eindrucksvoll seine eigene Unzurechnungsfähigkeit. Sie versucht zu verstehen und stellt sich selber Fragen, die sie aber nicht im Stande ist zu beantworten. Ihr Kampf mit sich selber endet ergebnislos. Es bleibt Schweigen. Zu ihrem Mann, zu ihren Kindern, sich selbst gegenüber. Selbst als der Fall aufgedeckt war und der tote Junge gefunden wurde, reden sie nicht über diese Tat. In dieser Familie redet man nicht übereinander oder miteinander. Es wird verdrängt. Es wird vor der eigenen Verlustangst geflohen. Die Schuld angesichts der Überforderung wird abgewälzt, als hätte man sich korrekt verhalten und es nicht anders kommen können. Dieser Eskapismus wird durch ihre Sprachlosigkeit eindrucksvoll dokumentiert. Und doch bricht die Mutter für einen kurzen Moment diese Sprachlosigkeit. Mit nur einem einzigen Satz hat sie ihre Motivation durchblicken lassen: „Und wieder bin ich an allem Schuld“. Dieser Dokumentarfilm zeigt Menschen am Rande der Gesellschaft und außerhalb der „normalen“ Realität. Sie leben in einem eigenen Universum, in dem sie sich ihre eigenen Vorstellungen machen von Liebe und Umgang mit Kindern. Jenseits von krimineller Energie versuchen sie ihren Bedürfnissen nachzugehen, ohne zu ahnen, gegen den ethischen Kodex zu verstoßen. Die strenge Formalismus des Films unterstreicht die Geschlossenheit dieser Welt und zeigt die Auswegslosigkeit für ihre Bewohner. Die Frage nach dem Warum steht von Anfang an ihm Raum und bleibt den Zuschauern unbeantwortet. Erschüttert und doch fasziniert verlässt man den Saal. Was bleibt ist Sprachlosigkeit: angesichts der Intensität, der Personen, der Tat und der eigenen Sprachlosigkeit.
Gesehen von Johannes von Alten
Im Juni 2004 wird die verweste Leiche eines bis auf die Knochen abgemagerten kleinen Jungen in einer Tiefkühltruhe der elterlichen Wohnung von Beamten der Cottbusser Polizei aufgefunden. Die Mutter des siebenjährigen Dennis hatte seinen toten Körper dort über zwei Jahre vor Familie und Öffentlichkeit versteckt. Die Entdeckung des Kindes macht bundesweit Schlagzeilen und sorgt für moralische Entrüstung in den Medien. Die Eltern, Angelika und Falk Bittner, werden wegen Mordes zu lebenslanger Haftstrafe verurteilt. Nach Revisionsverfahren wird das Tatmotiv des Urteils in Totschlag abgeändert, die Verlautbarung des Strafmaß im Sommer dieses Jahres erwartet. Die Fakten sprechen für sich und geben ein klares Bild der Schuldzuweisung. Sie lassen aber nicht erahnen, welche Umstände sich ereignet haben mögen, um ein solches menschliches Unglück zuzulassen - aus elterlicher wie aus behördlicher Sicht. So nähert sich die Regisseurin Caterina Woj in ihrem Film „Ich bin doch keine Mörderin - Der Fall Dennis“ denn auch mit gebotener Distanz und feinfühliger Annäherung der dokumentarischen Rekonstruktion des Falles. In chronologischer Weise versucht die Filmemacherin das kurze Leben des Jungen nachzuzeichnen und die Hintergründe dieser Tragödie zu beleuchten. Im gesamten Verlauf lässt Sie nur die Eltern zu den Geschehnissen zu Wort kommen, im überwiegendem Maße die Mutter, und dies ohne tendenzielle Forderung und Absicht des Kreuzverhörs. So erfährt man zu Beginn von der Unbegreiflichkeit der Mutter über ihr eigenes Verschulden und das Beteuern der Mutterliebe. So erfährt man weiter, dass Dennis Eines von 10 Kindern ist und in den Monaten vor seinem Tod kaum noch Nahrung zu sich genommen haben soll. Die Mutter lehnt jegliche Unterstützung von außen ab und geht nicht zum Arzt trotz der akuten Symptome ihre Sohnes. Wegen seinen Schlafstörungen wird der Junge nachts von der Mutter ans Bett gefesselt. Als der Junge stirbt, versteckt die Mutter ihn erst in einem Bettkasten später dann in der Kühltruhe. Ihr Mann Falk will über zwei Jahre lang nichts gemerkt haben und gibt sich mit der Erklärung zufrieden, dass Dennis im Krankenhaus sei. Die Aussagen, die Angelika und Falk Bittner vor laufender Kamera machen, werden mit ihren eigenen polizeilichen und den Zeugenberichten aus der behördlichen Untersuchung unterlegt und kontrastiert. Diese geben Hinweis auf den tatsächlichen Hergang der Geschehnisse. Woj überlässt es somit dem Zuschauer sich ein Urteil zu bilden über die Schuldigkeit der beiden Befragten, den Wahrheitsgehalt und die Widersprüchlichkeit ihrer Aussagen. Dabei gelingt es Woj, die gespaltene Persönlichkeit der Mutter zu offenbaren, die sich nicht bewusst ist über das Ausmaß ihrer Tat. In wenigen Momenten wechselt das Ich der Unschuld beteuernden Mutter in das Andere der bestrafenden Mutter. Ein Familiensystem wird skizziert, indem die Mutter als realitätsentfremdetes Oberhaupt herrscht und der Vater als Untergebener Komplizenschaft übernimmt. Die Nähe der Kamera zu den Protagonisten und die Sprachlosigkeit in ihren Aussagen und Gesichtern erzeugt eine bedrückende Atmosphäre, die an Intensität zunimmt als man sich in den Gesprächen dem unglaublichen Umstand des Todes des Jungen durch Verhungern nähert. Als Zuschauer wird man in dieser makabren Aufklärung einer Kindesvernachlässigung trotz der Gesprächsarmut unweigerlich in die Geschichte des kleinen Dennis hineingezogen.
Gesehen von Roderik Helms
Children of the ProphetWettbewerb Österreich 2006
In ihrem ersten langen Dokumentarfilm „Children of the Prophet“ begleitet die Regisseurin Sudabeh Mortezai vier Gruppen von Protagonisten durch das zehn Tage dauernde schiitische Trauerfest Moharram. Alljährlich wird bei diesem religiösen Zusammenkommen dem Märtyrertod vom Enkelsohn des Propheten Mohammed, dem Imam Hossein, gedacht. Dieser, so die persische Geschichtsschreibung, hatte dem herrschenden Kalifen Yazid den Treueid verweigert und war mitsamt Familie und treuen Gefolgschaft in der Wüste von Karbala von dessen tausendfach größeren Armee niedergemetzelt worden. Die Festlichkeiten finden ihren Höhepunkt am letzten Tag, dem Ashura, der den Jahrestag der Schlacht von Karbala darstellt und an dem der Imam den Erlösertod gestorben ist. Die Geschichten der einzelnen Protagonisten sind eingefasst in einer Rahmenhandlung, durch die ein Derwisch führt. Er bedient sich der volkstümlichen Kunstform des Pardekhani und „liest“ die tragischen Geschehnisse aus der Vergangenheit von einer Leinwand ab. So ist immer ein chronologischer Übergang gefunden zu den einzelnen Protagonisten, die Mortezai aus verschiedenen Gesellschaftsschichten und mit unterschiedlicher Religiosität auswählt. Sie spiegeln nicht die Stereotypen wieder, die hinlänglich aus der medialen Berichterstattung bekannt sind. Der Regisseurin wird von den Menschen eine Nähe zugestanden und Offenheit entgegengebracht, die dem Zuschauer so einen intensiven und direkten Blick aus verschiedenen Perspektiven hinter die Kulissen dieses Fests in die Gesellschaft ermöglicht. So sehen wir den Blumenhändler Milad aus einem kleinen Vorort Teherans. Er ist einer derjenigen, die das 200 Kilo schwere Metallkonstrukt, den Alam, wenige Schritte allein tragen werden. Eine ehrenvolle Aufgabe um die persönliche Stärke zu zeigen. Und zu Ehren des Imam Hossein, in der Hoffnung auf seine Hilfe im Leben. Da sind die Jugendlichen Bijan und Mani, die nicht aus religiösen Gründen am Fest teilnehmen, sondern wie alle jungen Leute sich vor allem treffen und Straßenfeste feiern wollen. Wegen der Geschlechtertrennung in der islamischen Welt bietet das Fest eine der wenigen Möglichkeiten im Jahr dazu. Mahnaz, eine selbstbewusste Frau in beruflicher Selbstständigkeit, kontrastiert das Image der moslemischen Frau im schwarzen Umhang. Wie viele hat sie ein Gelübde abgelegt und es sich zur Aufgabe gemacht, das geweihte Essen Nazri zu kochen und an Arme, Bekannte und Freunde zu verteilen. Sie hofft wie alle, dass es Segen bringt. Im Kreise ihrer Freundinnen wird mit viel Humor das Fest vorbereitet und über Religion, Tradition und Geschlechterrollen gesprochen. Und das ohne Kopftuch. Auch eine Gruppe junger Männer eines Trauervereins wird in dieser Zeit begleitet. Sie fühlen sich ihrem Glauben tief verpflichtet und wollen die Traditionen ihrer Vorväter weitertragen. Im Herzen Teherans trauern sie in einer kleinen Moschee und leben ihre Religiosität mit offener Gesinnung und Toleranz. Gegen Extremisten wehren sie sich und verurteilen einen übersteigerten Religionsanspruch, der letztendlich ein schlechtes Licht auf die eigene Religion wirft. Der Filmemacherin ist es gelungen, ein vielschichtiges und facettenreiches Bild der iranischen Gesellschaft einzufangen und widerspricht dem politisch und ideologisch aufgebauten Feindbild über die islamische Kultur in den Medien. Aus unverzerrtem Blickwinkel gewährt Mortezai durch ihre Protagonisten ungewohnt intime Einblicke in das Leben der Menschen im Iran und zeigt ein anderes, aufklärendes Bild von Menschen, die zwischen Tradition und Moderne wohlweislich zu unterscheiden wissen.
Gesehen von Roderik Helms
Carte Ghermez - The Red CardHorizonte Iran 2006
Die iranische Schauspielerin und Regisseurin Mahnaz Afzali behandelt in ihrem dritten Dokumentarfilm den Gerichtsprozess um Shahla Jahed, die Geliebte des iranischen Fußballstars Nasser Mohammed Khani. In 2002 hatte sich diese dazu bekannt, die Ehefrau Khanis aus Eifersucht mit mehreren Messerstichen umgebracht zu haben und war daraufhin angeklagt worden. Der Prozess löste im Iran großes Bestürzen aus und entwickelte sich zu einer medienwirksamen Kontroverse, da Jahed den Richter im Prozess davon überzeugen wollte ihr Geständnis unter Zwang gemacht zu haben. Auch wegen der großen Widersprüchlichkeiten im Fall, die im Anschluss eine Überführung der Verdächtigen erschwerten. Afzali versucht die Hintergründe dieses komplizierten Falles zu beleuchten und folgt der Angeklagten Jahed auf ihrem Weg vom ersten bis zum letzten Gerichtstag. Dabei zeigt sie immer wieder private Videoaufnahmen von Jahed mit Khani, die sie als Liebespaar zeigen. Auch sind Aufnahmen von Khani aus Fernsehinterviews zu sehen, und dieser stellt sich zur Verfügung für Gespräche mit der Filmemacherin in seinem Haus. Nach einer privaten Aufnahme der Jahed im Auto beginnt der Film mit dem ersten Tag im Gerichtssaal, wo man eine Jahed wahrnimmt, die vor dem Richter ihre Verteidigung selbst übernimmt und eloquent ihre Unschuld beteuert. Es wird klar, dass sie Khani mit Opium versorgte, der seit Jahren abhängig von der Droge war. Im Verlauf der weiteren Prozesstage verändert sich ihr Verhalten und sie erscheint zunehmend gelähmt und lethargisch. Diese Wandlung von der laut gestikulierenden in eine gebrochene, eingeschüchterte Frau zeigt die Verzweiflung dieser Frau. Immer wieder ist zu beobachten, wie sie dem anwesenden Khani zuflüstert, dass sie ihn noch immer liebt. Diese Liebe wendet sich am Ende des Prozesses, als sie Ihn verdammt. Sie gibt den lange vorenthaltenen Hinweis darauf, dass sie zum Ort des Verbrechens hingelockt worden sei. Auch gibt der Film Aufschluss darüber, das Spuren im Badezimmer der Wohnung gefunden wurden, die auf andere Personen hinweisen. Es wird weiter im Film darauf hingewiesen, dass der Richter im Verlauf des Prozesses ausgewechselt worden und der Fall letztendlich noch nicht abgeschlossen ist. Am Ende als Epilog zum Fall ist ein persönlicher Brief von Jahed zu sehen, indem sie sich hilfesuchend an die Regisseurin wendet. Die Angeklagte wartet nun seit mehr als vier Jahren auf ihr Urteil. Afzali behandelt ein hochbrisantes Thema in ihrem Film und verfolgt in beklemmenden und zugleich bewegenden Bildern eine Gerichtsverhandlung, die so widersprüchlich erscheint wie die Protagonistin selbst, die im Vorfeld klar gemachte Aussagen gegen sich im Prozess versucht zu widerrufen. Das Ende des gezeigten Prozesses ist sinnbildlich. Shahla Jaheds Kampf endet im Gerichtsaal, als sie in einen hysterischen Schreikrampf des Protests verfällt. Dieser verhallt allmählich und ihre Redekraft versiegt. Die Verzweifelung gewinnt letztendlich doch die Oberhand.
Gesehen von Roderik Helms
Tenrikyo, une tradition en toge noireHorizonte Kongo 2006
Der zweite Dokumentarfilm von Mesmer Rufin Mbou Mikima erzählt über das seit Generationen praktizierte Gewohnheitsrecht in Tenrikyo, einem Viertel in Kongos Hauptstadt Brazzaville. Von Privatpersonen ausgeübt, die ohne juristische Ausbildung das Amt des Richters bekleiden. Von der staatlichen Gerichtsbarkeit als Form der Rechtssprechung offiziell nicht anerkannt aber inoffiziell toleriert. So wird durch ein Bürgertribunal nach der Verhandlung der Schuldige nicht zu einer Haftstrafe verurteilt, sondern der jahrhundertealten Tradition folgend zu spirituellen Riten und Zeremonien für Buße und Läuterung verpflichtet. Die im Verlauf des Films vorgestellten Gerichtsfälle repräsentieren die Mehrzahl der in Tenrikyo vorgelegten Beschwerden. Aus einem gesammelten Filmmaterial von 60 Stunden hat der Regisseur für seinen Film besondere Gerichtsfälle heraussondiert und zu einer interessanten sechzigminütigen Zeitreise in eine vergangene Gerichtstradition aufbereitet. So muss sich eine junge Frau, die obwohl verheiratet mit einem anderen Mann zusammenlebt, sich nach Entdeckung vor dem Tribunal gegen die Klage ihres älteren Mannes verantworten. Anstelle einer trockenen nüchternen Verhandlung entpuppt sich hier der Gerichtsaal als eine Theaterbühne, auf der die eloquenten beredeten Gerichtsmänner in schwarzer Robe mit Witz und Rhetorik das Urteil nach Beratschlagen verkünden. Da gibt es das junge Ehepaar, das sich scheiden lassen will und der Scheidungsrichter dieses Ritual mit lautstarker Gestik zu einem besonderen spirituellen Ereignis anheizt. Und schließlich die elegante aber lautstarke Anwältin im Dienst der Vereinten Nationen mit ihrer alten Mutter als Prozessbeteiligte. Sie zeigt sich nicht einverstanden mit den alten Ritualen. In hitziger Diskussion versucht sie mit dem Dienstältesten die Gruppe von Gerichtsmännern über die Rückständigkeit ihrer Tradition aufzuklären und einen Skandal heraufbeschwört durch ihre Weigerung der Teilnahme am Ritual. Der Regisseur behandelt in seinem Film eine sehr widersprüchliche Gerichtspraxis, die dem Betrachter in der heutigen modernen Zeit als unzeitgemäß und ungewöhnlich erscheint. In authentischer Weise beleuchtet er eine Tradition von Menschen, die nicht der Gegenwart zugewandt scheinen wollen und Sinn und Verständnis in den Methoden ihrer Vorväter aus der Vergangenheit zu finden scheinen. Ein Film, der zum Nachdenken anregt über eine Welt, deren modernes und weitgereistes Gerichtssystem doch den Status Quo darzustellen gedenkt.
Gesehen von Roderik Helms
Manufacturing Dissent - Uncovering Micheal MooreInternationales Programm Kanada/Australien 2007
Debbie Melnyk und Rick Caine begleiten Micheal Moore bei der Promotion Tour für „Fahrenhait 9/11“ und der "Slacker Uprising Tour" zu den Präsidentschaftswahlen 2004. Sie stellen fest, dass er auf ähnliche Methoden zurückgreift wie die Politiker und Ökonomen, die er angreift. Sie prüfen die Aussagen in seinen Filmen auf Wahrheitsgehalt und beweisen, dass Micheal Moore manche Tatsachen ignoriert und Aussage so verfälscht, dass sie ihm ins Konzept passen. Sie formulieren am Ende den Vorwurf, er dokumentiere nicht, sondern konstruiere sich seine Weltsicht zusammen, kleide sie in ein messianisches Gewand, um den Menschen die „Wahrheit“ zu verkaufen. Micheal Moore ist eine Reizfigur. Er hat es geschafft seinem Filmen eine Form zu geben, die nicht so einfach zuzuordnen sind, aber vordergründig den Anschein einer Dokumentation haben. Er ist vielleicht daher in der Position eines Journalisten gesehen worden, einer der jetzt endlich mal die Wahrheit sagt, unverblümt und mit klaren Schuldzuweisungen. Es zeigt sich nun, dass genau diese Verklärung zu einem Robin Hood ein Trugschluss war. Michael Moore ist ein Politiker, der keiner Partei angehört, sich nicht zu Wahlen stellt und in der Form eines Entertainers daherkommt. Er verfolgt nicht das Ziel, politische Macht zu erlangen, wodurch er als Messias erscheint, der selbstlose Retter. Er ist auf Meinungsbildung bei der breiten Bevölkerung aus. Durch seinen Status als Messias gibt er den Menschen das Gefühl, er verkünde die Wahrheit, wobei sich diese im gesehen Film als bisweilen selbsternannte Wahrheit herausstellt. Schnell wird deutlich, wie schmal der Grat ist, auf dem sich Michael Moore bewegt, wie fragil seine durchaus lobenswerte Mission durch ihn selber ist. Aber die Vorwürfe sind berechtigt und werfen Fragen auf. Wie weit ist die Realität dehnbar, um ein Anliegen zu erreichen? Darf man sie überhaupt dehnen? Gibt es überhaupt die eine Wahrheit? Oder ist sie nur Diener der „guten Sache“? Wird sie also missbraucht? In welchem Namen geschieht diese „gute Sache“? In welchem Namen geschieht Michael Moores Mission? Die Regisseure behaupten, er tue dies, um seiner Selbstbehauptung als Journalist wegen. Aber es ist kein schockierender, offenbarender Film, der den Mythos Michael Moores vollkommen zerlegt und ihn vernichtet. Er zeigt wieder einmal, wie wir alle auf einen Scharlatan hineingefallen sind und kollektiv ins Kino gerannt sind. Wir wollen es glauben, was er uns erzählt. Seine Filme sind nicht die Wahrheit, sondern ein persönliches Statement. Er fokussiert Daten, Fakten, während er andere vernachlässigt oder sogar ausblendet. Aber dann stellt sich eher die Frage, nicht ob er ein Manipulator ist, sondern warum wir ihm alle glauben wollen? Jetzt aber aufgrund dieses Film in die entgegengesetzte Position zu fallen und ihn als Lügner hinzustellen, wäre genauso blind, wie ihm alles zu glauben. Denn trotz aller Vorwürfe, ist ihm viel zu verdanken. Die Oscar-Rede z. B. und das Erstarken des Dokumentarsektors. Seit „Bowling for Columbine“ ist der Dokumentarfilm und damit der politische Diskurs ins Kino zurückgekehrt.
Gesehen von Johannes von Alten
„Manufacturing Dissent“ vom Regisseurteam Debbie Melnyk und Rick Caine ist eine bissige Auseinandersetzung und Abrechnung mit Michael Moore, der durch Dokumentarfilme wie Roger & Me, Bowling for Columbine und Fahrenheit 9/11 großen Ruhm und Bekanntheit erlangte. Der zynische Titel ist eine Anspielung auf den Dokumentarfilm „Manufacturing Consent“ und zielt auf die Verwischung und Manipulation von journalistischen Tatsachen in den Filmen von Michael Moore. Es ist zugleich eine kritische Bestandsaufnahme der Methoden der Berichterstattung dieses Filmemachers, der in seinen Filmen korrupte politische und journalistische Machenschaften anprangert, sich dieser letztlich aber selbst bedient. So erklärt der Film zu Anfang die Motivation der Regisseurin Melnyck, diesen Film zu machen. Sie empfand anfänglich große Bewunderung für Moore und begann, durch Widersprüchlichkeiten in den Nachrichten genährt, Nachforschungen über die wahren, unerwähnt gebliebenen Tatsachen hinter seinen Filmen anzustellen. Der Werdegang Moores wird zuerst recherchiert und beleuchtet. Im Verlauf des Films werden dann anhand der Filme die Methoden nachgestellt, die zu einer Verzerrung des Tatsächlichen führten. So wird aufgezeigt, dass Informationen von Moore entweder unterlassen oder aus seinem Kontext herausgerissen präsentiert wurden um ein dem Film dienliches Bild zu konstruieren. Die Filmemacherin selbst bemüht sich um ein Interview mit Moore, wozu es ironischerweise nie kommt. Genauso wie Moore es scheinbar nicht gelungen war, ein Interview mit Roger Smith in Roger & Me zu bekommen. Ein Versuch Moores, gegen ihn gerichtete Vorwürfe nicht Stellung nehmen zu müssen und diesem Film möglichst keine Aufmerksamkeit zu schenken. Der große Fehler Moores ist es, die selben unlauteren Mittel anzuwenden, die er selbst in seinen Filmen anklagt. Somit ist der journalistische Wert seiner Filme und zukünftigen Arbeit in Frage gestellt. Trotz dieser Widersprüchlichkeit im Schaffen des Michael Moore bleibt sein unbestreitbarer Verdienst, die Wahrnehmung der Menschen in Bezug auf Krieg in der heutigen Zeit verändert zu haben. Ob inhaltlich oder finanziell motiviert, sein Bestreben bleibt, ein politisches Bewusstsein zu schaffen und die Massen immerfort gegen korrupte Machenschaften von politischen und wirtschaftlichen Interessensgruppen zu mobilisieren. Mit dem Ziel, diese öffentlich aufzudecken und somit zu verhindern. Ein wichtiger Film, der informiert, aufklärt und dessen großer Verdienst darin liegt, den Zuschauer aufzufordern, in der heutigen Zeit der Massenmedialisierung Fakten und Meldungen nicht als gegeben hinzunehmen, sondern kritisch zu hinterfragen.
Gesehen von Roderik Helms
EisenfresserInternationales Programm Deutschland 2007
Am Strand von Chittagong im Süden Bangladeshs werden alte Supertanker verschrottet. Menschen, die auf der Suche nach Arbeit sind, werden hier skrupellos ausgebeutet. Sie arbeiten unter unmenschlichen Bedingungen, werden nicht ausbezahlt, bekommen keine entsprechende Arbeitskleidung (sie laufen zudem barfuss), werden medizinisch unzureichend versorgt und müssen sich aufgrund des Nichtausbezahlens bei Lebensmittelhändlern verschulden. Die Region ist durch Zufall auf das Geschäft mit der Verschrottung gestoßen. Vor über vierzig Jahren strandete ein großer Kahn an ihrem Strand. Die Menschen dort haben sofort das Potenzial erkannt und daraus eine Industrie gemacht. Sie stellen arme Menschen aus dem Norden an, die gegen die eingeschworenen „Contractors“ keine Chance haben. So protestieren sie erfolglos in einer kleinen Gruppe gegen ihre Vorarbeiter gegen ausbleibende Lohnzahlungen. Selbst Arbeiter, die vorzeitig die Werft verlassen, werden nicht ausbezahlt. Der Eigentümer der Werft taucht plötzlich auf und sieht sich auf der Werft mal wieder um. Sein Erscheinen und seine Aussagen („Ich liebe meine Arbeiter und meine Arbeiter lieben mich.“) stehen im krassen Kontrast zum alltäglichen Leid und der latenten Ausbeutung. Voller Zorn verlassen sie die Werft zu Saisonende, schimpfen auf die Ausbeuter und kehren doch verzweifelt angesichts ihrer Armut und Hoffnungslosigkeit zurück. Es ist dem Regisseur gelungen, eines an Menschen verübtes Unrecht eindrucksvoll zu schildern. Nach und nach vertieft sich der Blick in die Probleme, die es auf der Werft gibt. Sieht man am Anfang noch hoffnungsvoll lächelnde Männer, die froh sind, endlich Arbeit gefunden zu haben, kehren am Schluss des Films doch alle Arbeiter frustriert und enttäuscht zu ihren Familien zurück. Ein Höhepunkt des bildgewaltigen Films ist das Erscheinen des Werft-Eigentümers. Dramaturgisch geschickt in das letzte Viertel gelegt, verstärkt sich der Kontrast eines weltfremden Menschen zum bisher entstandenen Bild der dortigen Arbeitsbedingungen. Der Regisseur hat ein finsteres Bild der bangladeshschen Gesellschaft gezeichnet. Es ist eine Gesellschaft die sich selber ausbeutet. In der Menschen aus Verzweifelung unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten und in der jeder Widerstand ins Leere läuft. Schlimmer noch: ein Entkommen durch fehlende Alternativen scheint unmöglich.
Gesehen von Johannes von Alten
„Eisenfresser“ erzählt die Geschichte vom Leben der Arbeiter in der großen Schiffabwrackwerft von Chittagong am weißen Strand von Bangladesh. Ein magischer Ort, der die Menschen aus dem Land und den umliegenden Dörfern anlockt um das große Geld zu verdienen. Der Monsoon als wirtschaftliche Bedrohung bringt viele um ihren ackerbaulichen Ertrag. So kommen sie in der Hoffnung, genügend Geld zu verdienen um ihre Familien damit über das Jahr zu ernähren. In einem sehr beindruckenden Bild eröffnet der Sprecher und Regisseur Shaheen Dill-Riaz seine sehenswerte Dokumentation über menschliche Ausbeutung in einer modernen Welt. Es zeigt einen Riesentanker, der vor der untergehenden Sonne am menschenleeren Strand angekommen ist. In der Vergangenheit, so Dill-Riaz, hat das Meer den Einwohnern Reichtum gebracht. In einer modernen Überlieferung bringt es den Menschen nun ausgediente Schiffe, die von internationalen Reedereien an die PHP Werft verkauft werden. Deren Initialen stehen ironischerweise für Peace, Happiness und Prosperity. Zu Deutsch: Friede, Glück und Wohlstand. Von diesen hehren Zielen profitieren nicht die Hafenarbeiter, wie man im Verlauf des Films in erschreckender Deutlichkeit sehen wird, sondern einzig und allein ein wohlgenährter Werftbesitzer und seine Leiter, die sogenannten Contractors. Der Film schildert eindrucksvoll und in bewegenden Bildern die Missstände und Ungerechtigkeiten in dieser größten Abwrack-Zone der Welt. Einmal mehr werden Menschen ihrer Körper und Arbeitskräfte für einen Hungerlohn beraubt. Jeder Tag kann den Tod bedeuten. Die mit großen Gefahren behaftete Arbeit in der Werft, aus nächster Nähe beobachtet und dokumentiert, wird von den Arbeitern im Überlebenskampf gleichgültig hingenommen. Auf direkte und erschütternde Weise wird die Ausbeutung der bis auf die Knochen geschundenen Arbeiter durch einen Werftbesitzer klar, der die Not der Menschen ausnutzt. Der sich durch ein wohldurchdachtes Arbeitsverhältnis bereichert, indem die erarbeiteten Gelder durch fadenscheinige Ausreden nicht ausgezahlt und mit der Verpflegung der Arbeiter verrechnet werden. So wird der jeweilige auf Lohn hoffende Arbeiter unter freiwilligen Zwang letztendlich zum Leibeigenen degradiert. Der Film ermöglicht einen authentischen und differenzierten Blick in einen Ort der modernen Sklavenhaltung. Es ist ein Schrottplatz der westlichen Welt, die ihn mit ihrem Müll füttert und die menschliche Unterdrückung somit billigt und fördert. Sinnbildlich dafür ist auch die Tatsche, dass die Reedereien es unterlassen, die sanitären Systeme der Schiffe zu reinigen, bevor diese der Werft übergeben werden.
Gesehen von Roderik Helms
PrinzessinnenbadInternationales Programm Deutschland 2007 Interview mit der Regisseurin und der Produzentin
Porträtiert werden drei pubertierende Mädchen aus Kreuzberg. Mina, Klara, Tanutscha sind Freundinnen und erleben zusammen das Erwachsenwerden. Sie alle sind vaterlos in den letzten Jahren aufgewachsen und leben mit ihren zusammen mit ihren Müttern zusammen. Das zwingt sie schon früh aus ihrer Kindheit heraus. Sie finden zu hause nicht den richtigen Halt und erkunden die Welt somit zusammen auf eigene Faust. Sie machen Pläne, rätseln über ihre Berufung, verlieben sich und erobern das Berliner Nachtleben. Die Regisseurin Bettina Blümner inszeniert diesen Dokumentarfilm im Kinoformat, so dass manchmal der Eindruck entsteht, man sähe einen Spielfilm. Die Protagonisten agieren sehr frei vor der Kamera, nur selten entsteht der Eindruck eine Frage sei die Ursache ihrer Aussagen. Gespräche werden im Schuss-Gegenschussverfahren dargestellt und das Geschehen scheint einer Dramaturgie zu folgen. Es scheint alles genau so geschehen zu sein, tatsächlich aber wurden hundert Stunden Filmmaterial geschickt zusammen geschnitten. Aber der Anteil der Regie ist als umso höher einzuschätzen, je weniger er wahrgenommen wird. Bettina Blümner hatte genaue Vorstellungen, welche Themen sie ansprechen wollte und wie sie die Protagonisten zu Aussagen bewegen konnte. Die Leichtigkeit, die dieser Film vermittelt und die Kontinuität, mit der die Spannung aufrechterhalten wird, ist beeindruckend. Dieser Film erklärt nicht die ganze Komplexität des Erwachsenwerdens, sondern bietet einen Ausschnitt einer emotionalen und überschwänglichen Phase des Lebens.
Gesehen von Johannes von Alten
„Prinzessinnenbad“ erzählt die bewegende Geschichte über das Erwachsenwerden von drei fünfzehnjährigen Mädchen aus Berlin Kreuzberg und dokumentiert eindringlich ihre Probleme während der Pubertät. Die drei Protagonistinnen des Films, Klara, Mina und Tanutscha, werden über mehrere Monate von der Regisseurin Bettina Blümner auf ihrem Weg begleitet. Dieser ist, wie zu erwarten, von glücklichen und zugleich traurigen Momenten gekennzeichnet. In dieser entscheidenden Phase der Selbstfindung sucht jedes Mädchen ihren Platz in der Welt und versucht Antworten zu finden auf offene Fragen im Leben. Freundschaft, Liebe, Geschlechterverschiedenheit und Elternrolle sind Themen, mit denen sich die Mädchen neugierig auseinandersetzen und die sie tief bewegen. Auf der Schwelle zur Erwachsenen zeigt der Film exemplarisch, wie jedes Mädchen auf unterschiedliche Weise mit den Anforderungen, die dieses Alter an sie stellt, konfrontiert und fertig wird. Da ist die blonde Klara, deren Vater die Familie früh verlassen hat und jetzt in Panama lebt. Sie ist diejenige, die von früh an die Schule vernachlässigt und nun auf eine sogenannte „Schwänzerschule“ geht. Den ausländischen Jungens ist sie zugeneigt. Ihr Wunsch, der sich im Laufe des Films entwickelt, ist ein eigenes Cafe zu führen. Klaras engere Freundin, Tanutscha, will ihren Realabschluss machen und Krankenpflegerin werden. Mit den Jungen auf Kriegsfuss, macht sie diese im Chatroom verbal mit großem Redetalent nieder. Und die verantwortungsbewusste Mina, die im Gegensatz zu ihren Freundinnen schon eine fester geformte Vorstellung vom Leben hat. Sie hat eine Beziehung zu einem älteren Jungen und wird von Liebeschmerz geplagt, als dieser ein Jahr nach Südamerika geht. Die drei Mädchen haben eine eigene, kraftvolle Sprache gefunden, mit der sie sich ausdrücken und in der neuen Welt behaupten wollen. So drücken Sprüche wie „Ich komm’ aus Kreuzberg, du Muschi“ ihr „streetwises“ und rebellisches Verhalten aus. Hinter der scheinbar abgeklärten Fassade verbirgt sich jedoch nur eine natürliche Verletzlichkeit und kindliche Unwissenheit, die der Film sehr schön zu Tage fördert. Besonders, wenn Themen wie Liebe und Partnerschaft angesprochen werden, die über den jungen Erfahrungshorizont der Mädchen hinausgehen. Hinter der Maske der harten Frau offenbart sich aber auch dieses Gefühl des Missverstandenseins von Freunden und Eltern, deren Liebe und Zuneigung sie doch nur suchen und wünschen. Durch das Eintauchen in die Familienverhältnisse der Mädchen ermöglicht der Film dem Zuschauer auch einen Eindruck über die Eltern selbst und liefert eine Erklärung für das früh angeeignete Erwachsenenverhalten der Mädchen. Die Eltern scheinen mit ihren eigenen Problemen so sehr überfordert, dass sie nicht versuchen, auf die Probleme der Mädchen einzugehen. So scheinen die Mädchen in ihrer eigenen Welt sich selbst überlassen und haben zum Teil die Rolle der Erwachsenen für die Eltern zu spielen. Aus einem nahezu hundertstündigen Filmmaterial entstand ein liebevolles Portrait über das Erwachsenwerden dreier Mädchen mit großer Persönlichkeit. So verwundert es nicht, dass der Film auch in die Kinoauswertung kommt. Blümner versteht es, die Geschichte der Mädchen atmosphärisch und in lebhaften Bildern zu erzählen. Der dramaturgisch und visuell sehr fiktional angelehnte Dokumentarfilm hat sehr schöne Erzählbogen, die die unterschiedlichen Handlungsstränge der ausdrucksstarken Protagonistinnen immer wieder gekonnt verknüpft und miteinander verwebt bis zur Auflösung am Ende.
Gesehen von Roderik Helms
PloschtschaHorizonte Estonia, Belarus 2007
Nach der manipulierten Wiederwahl von Präsident Lukaschenko protestieren einige wenige Menschen auf dem Kalinowskij-Platz in Minsk. Sie errichten Zelte und harren drei Tage in Kälte und Schnee aus. Sie werden dabei von engagierten Provokateuren sowohl verbal als auch körperlich drangsaliert. Als diese Maßmahmen aber erfolglos bleiben, rücken bewaffnete Polizisten an und räumen den Platz gewaltsam. Sie werden in Busse verladen und in ein kleines Gefänfgnis gebracht, in dem sie in der Kälte stundenlang stehen gelassen werden. Se bleiben tagelang inhaftiert. Derweil erklärt Lukaschenko im Fernsehen, dass sie in Hotels untergebracht wurden. Der Regisseur Jurij Chaschtschewatskij ist ein politischer Filmemacher, der gegen das Regime von Lukaschenko kämpft. Allein dadurch verdient er Anerkennung, denn er agiert oft unter Einsatz seiner Gesundheit und Freiheit. So wurde er nach Veröffentlichung eines regimekritischen Films zusammengeschlagen und ihm beide Beine gebrochen. Auch im Gefängnis saß er schon. Seine zunehmende internationale Bekanntheit hilft ihm, wie er sagte, vor solch gewaltätigen Eingriffen in sein Leben verschont zu bleiben, obwohl so etwas niemals auszuschließen sei. Nun hat er seinen neuen Film auf dem Dokfest gezeigt. Er nähert sich der oben beschriebenen Thematik mit Ironie, obwohl die Bilder von beunruhigenden Vorgängen erzählen. Teilweise mit versteckter Kamera gefilmt, gelingen ihm „verbotene“ Aufnahmen der Ereignisse. Sein Dokument offenbart den weißrussischen Unrechtstaat.
Gesehen von Johannes von Alten
Exile Family MovieInternationales Programm Österreich 2006
Exile Family Movie erzählt die Geschichte einer iranischen Exilantenfamilie, die vor über zwei Jahrezehnten nach der Revolution aus dem Iran floh und über die Türkei ein neues Zuhause in Österreich fand. Zusammen mit seinen Eltern, seiner jüngeren Schwester und dem kleinen Bruder unternahm der damals neun Jahre alte Arash die Flucht in die Freiheit. Er ist zugleich auch Regisseur dieses sehenswerten und eindrucksvollen Filmdokuments und ermöglicht dem Zuschauer einen intimen und ungeschminkten Blick in die Freuden und Probleme seiner Familie im Asyl. Seit seiner Ankunft im neuen Zuhause hat der Filmemacher die Entwicklung der Familie per Videokamera dokumentiert. Er montiert aus verschiedenen Filmen, die unterschiedliche Phasen der Familienentwicklung zeigen, diese wunderbar authentische Geschichte einer sehr humorvollen und stolzen Familie. Im Film wird das feste Zusammengehörigkeitsgefühl dieser Familie deutlich, die mit festen Grundätzen lebt und mit großem Respekt und Toleranz miteinander umgeht. Jedes Mitglied der Familie wird als eine starke Persönlichkeit dargestellt mit eigener Meinung und großer Unabhängigkeit. Da ist der intellektuelle Vater, der unter der Schahregierung als politisch gefährlich eingestuft und zu mehreren Jahren Haft verurteilt wurde. Er hat nie sein Weltbild einer freien Meinungsäußerung aufgegeben, auch nicht unter Strafandrohung, und bringt seinem Sohn großes Verständnis in diesem Film entgegen. Die Mutter, die als Lehrerin jetzt arbeitet und mit ihren modernen Ansichten den Gegenpool zum Vater bildet. Die Schwester, die im Laufe des Films promoviert und die dem Klischee der untergebenen, Kopftuch tragenden islamischen Frau widerspricht. Und schließlich der kleine Bruder, der wie die gesamte Familie mit Redewitz und Humor den bevorstehenden Ereignissen entgegen sieht. Die Familie lässt sich nicht den steinernen Weg anmerken, den sie in der Vergangenheit zu gehen hatte. Man wird stattdessen von dem Humor und der Weisheit der einzelnen im Herzen berührt. Die Trennung von der Familie scheint der einzige Grund, der sie belastet. Der Gedanke, von der Familie für immer getrennt und ohne Aussicht auf eine Rückkehr in die Heimat, macht alle in der Familie traurig. So ist der lang gehegte Wunsch, von dem maßgeblich auch dieser Film erzählt, die Zusammenführung der Familie aus allen Teilen dieser Erde. Es kommt schließlich zu einem Happyend in Mekka, wo versteckt und unter großer Vorsicht sich alle treffen und losgelöst und glücklich das Wieder sehn feiern. Ein herzerwärmender Film und Zeitzeugnis über eine Familie, die trotz der erlebten Schicksale nie ihre Prinzipien verleugnet, sich den politischen Zwängen nie gebeugt und sie mit Humor und Erfindungsgeist überwunden hat.
Gesehen von Roderik Helms
Someone Beside YouInternationales Programm Schweiz 2006
Psychosen und speziell die Schizophrenie sind ein beliebtes Thema im Spielfilm, da sie ein Drama in sich selbst bergen, schon durch ihre Andersartigkeit Spannung erzeugen. Viele dieser Darstellungen sind in Dekaden der Wiederholung zu Klischees erstarrt und haben mit ihrem ursprünglichen Gegenstand nichts mehr gemein, wenn das überhaupt je der Fall war. Im Dokumentarfilm gestaltet sich die Thematisierung gesellschaftlicher Randfiguren noch schwieriger, da hier tatsächliche Individuen, Bewohner unserer Lebenswelt dargestellt werden. Zu diesen steht der Film und seine Schöpfer in einer konkreten Beziehung, die eine Vielzahl von Verantwortlichkeiten und moralischen Erwägungen mit sich bringt, an welchen schon so mancher Film auf inhaltlicher und ästhetischer Ebene gescheitert ist. Um so erstaunlicher ist es, dass Edgar Hagen mit seinem neuen Film "Someone Beside You" einen Film abliefert, der, was seine strenge Bildästhetik, seine ins Inszenatorische hinreichenden Arrangements und seine spannungsreiche Erzählweise betrifft, zum Besten gehört, was dieses Jahr auf dem Dokfest zu sehen war. Hagen, der seine Karriere als Philosoph begann, näherte sich dem Thema Psychosen filmisch bereits mit "Dorothea Buck - Vom Wahn zum Sinn", einem Porträt der Begründerin von sogenannten Psychose-Seminaren, welche helfen sollten, die Sprachlosigkeit von Menschen mit psychotischen Erfahrungen zu überwinden. Überwindung von Sprachlosigkeit ist auch eines der Motive in "Someone Beside You". Menschen berichten über ihre Psychosen, die Ansätze damit umzugehen und die Versuche sie zu überwinden. Aber nicht nur Psychosepatienten sind die Protagonisten dieses Films. Jakob Litschig wäre Psychater, hätte ihn nicht sein eigenes psychologisches Gutachten daran gehindert eine Praxis zu eröffnen. So fährt er mit seiner mobilen Praxis durch die Schweiz und in die Welt, zusammen mit Menschen die vom psychiatrischen System als unheilbar aufgegeben, beziehungsweise vereinnahmt wurden, auf der Suche nach neuen Wegen des Verstehens und des Handelns. Herzstück dieser Odyssee und eine weitere zentrale Figur des Films ist ein amerikanischer Psychiater namens Edward Podvoll, der in seinem 1981 gegründeten Windriver Projekt alternative, stark von buddhistischen Erkenntnispraktiken geprägte, Behandlungs- und Heilungsverfahren entwickelt. Der Film erzählt von Außeneitern, von "extremen Geisteszuständen", vom Denken und Verstehen wollen, aber auch ganz entschieden vom Handeln, vom Helfen. Er erzählt vom Menschsein mit großer Intensität. Dazu bedient sich Hagen großzügig und gekonnt auch der Stilmittel fiktionalen Erzählens, ohne inhaltlich seine dokumentarische Position aufzugeben. Der Film als Situation und seine Auswirkung auf die Beteiligten schwingt als Thema unterschwellig stets mit. Wie auch Fragen zu moralischen und erkenntnistheoretischen Grenzen des zu Zeigenden. Zusammen mit der bereits erwähnten anspruchsvollen Ästhetik in Bild und Ton, so wie seiner Klarheit und Offenheit ist der Film sowohl ein cineastisches, als auch ein intellektuelles Erlebnis.Gesehen von Georg Göttlich
Manufactured LandscapesWettbewerb Kanada 2006
Thema und Herzstück dieser Dokumentation der kanadischen Filmemacherin Jennifer Baichwal sind die Arbeiten ihres Landsmannes und Fotografen Edward Burtynsky. Dessen äußerst beeindrucke Bilder menschlichen Konstruierens und Dekonstruierens und die durch diese Handlungen hinterlassenen Spuren machen einen Großteil des Filmes aus. Das Filmteam begleitet ihn nach China, seinem Aktuellen Themenschwerpunkt, um dort sein Schaffen sowohl zu dokumentieren als auch zu kommentieren. Genau dieser doppelte Ansatz ist jedoch auch eines der größten Problemen des Films. In dem Versuch Burtynkys umfangreiches und vielfältiges Werk zu erfassen, stützt sich der Film sehr stark auf dessen Bilder zu verschiedenen Themen und auf einiges Archivmaterial. Einen eigenen Standpunkt, von dem aus Burtynsky kommentiert wird, kann der Film lediglich mit dem in China gedrehten Material entwickeln, welches dann auch bestimmt zwei Drittel des Films ausmacht. Durch diese beiden grundsätzlich verschiedenen Aspekte zusammen mit einer Erzählhaltung, die erheblich von der Burtynskys abweicht, fehlt dem Film oftmals eine klare Linie, was dem Zuschauer die Orientierung und damit das Aufrechterhalten der inneren Spannung erschwert. Hinzu kommt, dass die hohe Erwartung, welche sowohl die gezeigten Fotos selbst, als auch andere Dokumentationen mit verwandten Themen und Ansätzen, wie z. B. die Filme des Österreichers Geyrhalter, an die stilistische Qualität des Films stellen, leider nicht ganz erfüllt werden. Trotz der aufgezählten Mängel bleibt "Manufactured Landscapes" ein eindrucksvoller und lehrreicher Dokumentarfilm, der einem auf unterhaltsame Weise Ideen und Bilder zu einem wichtigen Thema vermittelt. Die wichtigsten Inhalte des Films, so wie viele der im Film gezeigten Fotos, finden sich auch in einem Vortrag, den Burtynsky im Rahmen der TED Vortragsreihe gehalten hat und der auf der TED Website frei verfügbar ist. (Link: http://www.ted.com/index.php/talks/view/id/56) Gesehen von Georg Göttlich
The Great Happiness SpaceInternationales Programm USA, United Kingdom 2006
Schon der Titel "The Great Happiness Space" trägt viel von der enormen Vielschichtigkeit des Films in sich, dem er als Namen dient. Er bezeichnet topografisch zum einen den Großraum Osaka, die wirtschaftlich erfolgreichste Region Japans, in welcher die Menschen aus dem ganzen Land zusammenkommen um ihr Glück zu suchen. Konkreter ist damit Raykos Café gemeint, ein Ort an dem sich alles ums Glück dreht, das Glück der zahlenden Kundschaft und das Glück jener, deren Beruf es ist glücklich zu machen, zumindest für eine Nacht. Raykos Café ist ein Host Club, also ein Etablissement, in dem junge Damen dafür bezahlen von einem attraktiven Host unterhalten zu werden. Sie zahlen für ein paar Stunden Glück. Womit eine weitere, eher metaphysische Deutung des Titel zutage tritt, "The Great Happiness Space" ist nämlich auch eine Ware, ein Traumreich, das zu verkaufen der eigentlich Beruf eins Host ist. Oder wie Issei , der Besitzer von Raykos Café und nach all den Jahren immer noch Nummer 1 unter den Hosts, es ausdrückt: er ist wie Peter Pan der seine Kunden ins Nimmerland führt. Doch in einer Welt, die sich auf Schein gründet, ist eben nichts so wie es Scheint. Und so macht sich der Film mit beeindruckender Konsequenz und erzählerischem Können daran, Schicht um Schicht abzutragen von der Inszenierung der smarten Jungs und feschen Mädels, die zusammen ein tolle Zeit haben. Und mit jeder Stufe, die er hinabsteigt, verfinstert sich das Bild, gerät der Zuschauer tiefer in ein Netz von Abhängigkeiten, Lügen und Einsamkeit, dass ihm manchmal der Atem stockt. Trotz allem geht dabei nie der Bezug zu den Menschen verloren, die Menschlichkeit als solche zu zeigen. Und wenn am Ende einer langen, harten Nacht das Grüppchen bildhübscher, junger Männer völlig erschöpft, müde und betrunken ins Licht des längst begonnenen neuen Tages wankt, sich gegenseitig stützend, Taxi, Moped oder gar Fahrrad besteigt, bleibt immer noch ein wenig Hoffnung, dass alle im Raykos Café irgendwann ihre Ecke im großen Glück finden werden. Gesehen von Georg Göttlich |
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