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Die Berlinale verlangt den Cineasten so einiges ab. Das Programm ist prall gefüllt mit mehr oder weniger wichtigen Fundstücken der Filmkunst aus der ganzen Welt. Leider gab die Berlinale Organisation dem Movie-College in diesem Jahr nur eine einzige Presse-Akkreditierung, ein Umstand, der uns in der Berichterstattung, die ja nicht nur die Filme umfasst, sehr einschränkte. Sie anzuschauen ist eine Sache, ihr Wesen, ihre Stärken und Schwächen zu diskutieren, ein andere. Hier nun unsere diesjährigen Gedanken zum Gesehenen, subjektiv, aber ehrlich. Versprochen! Heavy Metal In Baghdad
Heavy Metal in Baghdad von Eddy Moretti und Suroosh Alvi zeigt den dramatischen Weg der irakischen Band Acrassicauda vom Sturz Sadam Husseins bis heute. Acrassicauda ist die einzige Heavy Metal Band in Baghdad. Sie tragen weder lange Haare, noch Tattoos und Piercings, weil es die Regierung verbietet. Sie "scheißen auf Politik", so der Frontmann und doch machen sie die auf ihre ganz eigene Art und Weise. Denn während links und rechts die Bomben einschlagen, hauen die fünf ins Schlagzeug, lassen die Stromgitarren krachen und schreien ihre Wut aus dem Bauch. Ein Versuch, die brutale alltags Realität für eine kurze Zeit akustisch zu überblenden und ihrer Wut gegen das Regime und die Unterdrückung von Menschenrechten Ausdruck zu verleihen. Der Film begleitet die Band während drei Jahren. Im ersten Drittel zeigt er ein Konzert, bei dem immer wieder der Strom ausfällt, weil ein Bombenanschlag das Nachbarhaus getroffen hat. Eine Tatsache die zugleich Surreal und höchst dramatisch daher kommt. Nach dem Truppeneinmarsch der U.S.A. in den Irak kann sich die Band kaum noch treffen. Der Schlagzeuger erzählt, dass er seinen besten Freund, den Sänger, obwohl sie Nachbarn sind, seit über einem halben Jahr nicht mehr gesehen habe. Die Gefahr ein paar Meter auf der Straße zu ihm rüber zu gehen sei ihm einfach zu groß. Der Film schließt trotzdem Hoffnungsvoll ab. In einem Konzert, das die Band wiedervereint im Jahre 2006 im benachbarten Land Syrien gibt, erzählen die Mitglieder von ihren Zukunftsplänen, von den Wünschen, frei von Todesängsten und Unterdrückung leben und rocken zu können. Der Film ist stark durch den Autor und Regisseur Eddy Moretti geprägt und erzählt. Er beginnt mit einer Einstellung, in der man den Regisseur beim Anziehen einer Schusssicheren Westen sieht. Während er die Weste zuschnürt, erzählt er den Zuschauern, dass ihre Filmaktion sehr gefährlich sei, sie müssen jederzeit damit rechnen angeschossen oder gar Opfer eines Bombenanschlags zu werden. Diese Information ist gut. Jedoch wird sie durch den ganzen Film immer wiederholt und entpuppt den Filmemacher zunehmend als sensationshungrigen Journalisten, der einem Selbstdarstellungszwang unterliegt und sich selbst fälschlicherweise als Retter und Held dieses Kriegsortes und der dort lebenden Menschen sieht. Stellenweise drängt diese Selbstdarstellung sogar die Ängste und Sorgen der eigentlichen Protagonisten in den Hintergrund und man fragt sich, was dieser Film eigentlich erzählen will. Dazu kommt die verwackelte, unprofessionelle Bildsprache, die an Ferienfilme von langweiligen Verwandten erinnert. Es liegt auf der Hand, dass man den lebensbedrohlichen Umständen entsprechend weder mit Stativ, noch mit Licht gedreht hat. Jedoch zieht sich diese Form durch den gesamten Film durch, ungeachtet, ob man jetzt ein Interview in einem "ruhigen, sicheren" Zimmer gedreht hat, oder gerade auf der Straße vor Anschlägen flüchtet. Eine Bildgestaltung, die für Großleinwände in Kinos gänzlich ungeeignet ist. Alles in allem ist es trotzdem ein sehenswerter Film, eine Entführung in eine grausame Welt, in der Freiheit und Menschenrechte nicht mehr vorhanden sind und in der Heavy Metal als eine Art Befreiungsschrei funktioniert, und für wenige Minuten die Protagonisten aus der Realität entführt. gesehen von Jeanne Seydoux
"Sag mir, wo die Schönen sind..."von Gunther Scholz 1989 fand in Leipzig die letzte Miss DDR Wahl statt. Ein Fotograf porträtierte damals die jungen Schönheiten und nahm Interviews mit ihnen auf Tonband auf. 18 Jahre später sucht der Filmemacher Gunther Scholz die Anwärterinnen von damals auf. Er konfrontiert sie mit den Tonbandaufnahmen und Fotos von damals. Die Reaktionen der Frauen auf die Bilder aus dem Jahre 89, in der sie in schlecht sitzenden Hüftjeans und zerknitterten T-Shirts abgelichtet sind, führt den Zuschauer sofort sehr nah an die Protagonistinnen heran. Ab der ersten Filmminute kriegt man einen authentischen, ungeschminkten Einblick auf ihre Persönlichkeiten. Denn während sie die Tonbandaufnahmen von damals hören, auf denen ihre sächselnden Stimmen von Träumen und Zukunftswünschen erzählen, sind auf ihren Gesichtern von Scham, Amusement bis hin zu leiser Traurigkeit alles zu lesen. Der Film porträtiert ein Dutzend Frauen, die heute um die 40 Jahre alt sind. Sie arbeiten als Innenarchitektinnen, PR Agentinnen, Putzfrauen und Hausfrauen. Die meisten haben nach der Wende Leipzig verlassen und wohnen in Zürich, Westdeutschland oder gar den Emiraten. Doch eines haben sie alle gemeinsam, sie alle sind ihrem Herzen gefolgt und leben heute glücklich im Hier und Jetzt. Der Film bildet das wahre, ungeschminkte Leben ab. Die Kamera beobachtet ruhig und geduldig und erwischt so die kleinen, schönen Alltagsmomente, die mal zum Lachen auffordern, und ein anderes Mal traurig und nachdenklich stimmen. Obwohl die Anzahl der Protagonistinnen hoch ist, verliert der Film keineswegs an Tiefgang. Im Gegenteil, gerade die Kontraste und unterschiedlichen Individuen beleben das äußerst gelungene Porträt. gesehen von Jeanne Seydoux |
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