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Sonntag, 10. FebruarIn diesem Jahr wird alles neu und anders und doch wieder gleich,- viel Musik soll im Kino ankommen, der Eröffnungsfilm von Scorsese über die Stones gibt schon mal die Richtung vor. Gleich zu Beginn überrascht Berlin mit Frühlingswetter, ein Umstand, den erfahrene Berlinale Besucher schlicht und einfach nicht erwartet haben. Eine Novität für die Eis- und Windgeplagten früherer Jahre, vielleicht ist doch etwas dran am Klimawandel. Nicht gewandelt hat sich hingegen das Klima rund um den Potsdammer Platz,- das sieht es einmal mehr aus wie auf einem Zirkusplatz, überall Zelte, Menschen und Attraktionen. Der rote Teppich ist das zentrale PR-Instrument, nur der Schauer der Vorjahre, bei welcher Eiseskälte sich die Promi-Damen im Abendkleid über das rote Gewebe schieben, fiel wegen Frühlingswärme diesmal aus. Schauer erregte dafür dieses Jahr die Polizeipräsenz. Da waren neben den normalen Polizeifahrzeugen auch immer wieder ganze Mannschaftswagen mit kampferprobten Sondereinheiten unterwegs. Nicht dass es mich irritieren würde wenn neben mir plötzlich 10 schwerbewaffnete Männer stehen, die sich nach allen Seiten gegenseitig sichern, aber besonders beruhigen tut es mich auch nicht. Abends ein Empfang im Tucher von A-Company. Montag, 11. Februar
Der Montag dann beginnt mit dem Cinepostpro-Empfang im Tipi-Zelt einer Dauereinrichtung gegenüber dem Reichstagsgebäude. Die Damenband spielt Jazzmusik, die Stimmung ist heiter und entspannt, Nachwuchs trifft auf alte Hasen,- Dienstleister auf Klein- und Großkunden. Einige Filmstudenten der Macromedia FH sind mitgekommen, manche treffen bereits auf Bekannte, die sie von Übungsfilmen her kennen. Es gehört inzwischen zur Tradition der Berlinale, dass der Potsdammer Platz kräftig mit Weihnachtsdeko geschmückt ist. Und mindestens genauso auffällig sind die zahllosen Werbebanner, mit denen auf die größeren und mittleren Berlinale-Filme und auf die Berlinale selbst hingewiesen wird. Denn das Fest selbst ist zu Marketing-Objekt geworden. Souvenirs aller Art bis hin zu den Berlinale-Taschen können erworben werden und die Besucher machen rege Gebrauch davon. Selbst Plüschfigur Knut, das weiße Eisbärbaby, für dass sich real kaum mehr jemand interessiert, weil es kein Baby mehr ist, kann mit rotem Berlinale-Schal erworben werden. Bei etwa 18 Millionen Euro Kosten einer Berlinale, eine nicht unbedeutende Finanzierungsquelle, den Stadt, Staat und Sponsoren nicht alleine aufbringen können. Glamour kostet nun mal etwas und nur durch Exklusivität macht es Sinn, Andere davon auszuschließen, die eben keine Akkreditierung, kein Ticket oder auch keine Prominenz vorzuweisen haben. Neu, dass in diesem Jahr im europäischen Filmmarkt alle Ausweise gescannt werden, das macht neugierig, welche Art von Auswertung sich damit erzielen lässt. Und natürlich ist die Begrenzung auch wichtig, um für die Filme eine Wichtigkeit zu erzeugen. Schließlich steht man hier auch für solche Filme in Schlange an und drängt sich in volle Säle, die unter normalen Umständen wenn sie sonst im Kino laufen würden, selbst in einer Abendveranstaltung vielleicht nur eine Handvoll Zuschauer hätten. Und dann gibt es aber auch immer wieder beglückende Überraschungen, Filme die es Wert waren, nach Berlin zu kommen und gar nicht selten, sind dies Dokumentarfilme. Nachmittags zum zweiten Mal in der Home Base ein HFF-Empfang . Eine freundschaftliche, gastliche und nicht unillustre Runde, die sich da zu Kaffee und Kuchen einfand. Selbst ein paar Professoren waren zu sehen. Dienstag, 12. Februar
Gleich morgens, vielleicht etwas sehr früh ein Koproduktionstreffen auf Einladung und in Anwesenheit des schweizerischen Bundespräsidenten und Kulturministers Pascal Couchepin. Eine entspannte, lockere Atmosphäre im Gropius-Spiegel-Restaurant, das Who is Who des schweizerischen Filmschaffens, auf der deutschen Seite eher wenige Produzenten und Förderer. Vielleicht liegt der Termin einfach zu früh oder die Veranstaltung wurde dann doch etwas zu geheim gehalten. Dabei macht es durchaus Sinn, dass die Nachbarländer miteinander Filmprojekte verwirklichen. Auf beiden Seiten existieren Talent und Fördermöglichkeiten. Um 11 Uhr dann der traditionelle Kodak-Empfang in der Landesvertretung Baden-Würtembergs. Erfreulich viele Newcomer, Filmstudenten, Nachwuchskameraleute, die sich zumeist untereinander unterhalten, den Kontakt zu den Profis noch nicht immer so ganz herstellen können. Auf Flatscreens präsentiert Kodak das neue Vision 3 und beweist einmal mehr, dass Film noch extrem lebendig ist. Abends dann der arte-Empfang in der Akademie der Künste. Viele Kollegen, viele Schauspieler, Redakteure, Produzenten. Auch hier erkennt man, wie bei so vielen anderen Empfängen auch, die Schauspieler zumeist an ihren Blicken:
Der arte-Chef hält eine launige Rede, betont die Lust aufs Ungewöhnliche, fordert interessante, innovative Stoffe ein, während hier und da die Redakteure des Senders ein wenig mit den Augen rollen,- auch bei den Straßburgern wird das goldene Kalb "Einschaltquote" gerne mal als Entscheidungshilfe herangezogen und auf Massentauglichkeit geschielt. Wie sonst sind Monate wie der November 07 erklärbar, wo eine Frau Wiener sich und uns kochend etwa 60 Male in einem einzigen Monat durch das sonst so anspruchsvolle Programm quälen durfte? Ein, zwei Male mögen ja ganz lustig sein, aber gleich so viele Programmplätze eines Kulturkanals zu verstopfen ist schwer rekordverdächtig. Mittwoch, 13. Februar
Im Filmmarkt manifestiert sich das Wachstum am deutlichsten- nun sind auch auf den Rundgängen im ersten Stock, ja sogar unten im Keller neben der Garderobe Stände hineingezwängt. Überall bemühen Sich Vertriebsleute, ihre Filme und sonstigen Produkte zu verkaufen. Und wie steht es um die Filme? Nun der Mix ist wie jedes Jahr geeignet, zwischen großer Zufriedenheit und schierem Unverständnis, wie "so etwas" überhaupt den Weg in ein A-Festival finden kann, alle Zwischengefühle hervorzurufen. Da gibt es Reihen, von denen man seit Jahren traditionell nicht viel mehr als Trash erwartet und andere, bei denen man sich des Gefühls nicht erwehren kann, dass es einfach politische Gründe haben muss, aus bestimmten Ländern zwingend Filme aufzunehmen, um irgendeine Tradition, Verbundenheit oder was auch immer zu manifestieren. Trotzdem fragt sich der aufmerksame Zuschauer, weshalb es Reihen gibt, bei denen allein die schwul-lesbische Thematik als Qualitätsmerkmal genügt, um im Berlinale-Programm zu laufen. Natürlich gibt es auch deutsche Filme, die enorm polarisieren. Asiatisch esoterisch bewegte Seelen können dem Wettbewerbsbeitrag von Doris Dörrie etwas abgewinnen, andere sind schlichtweg entsetzt. Die Wahrheit wird wie so oft irgendwo dazwischen liegen. Irgendwann am frühen Nachmittag werden die Wege rund um das Hyat Hotel großräumig abgesperrt. Eine Diva hat ihr Kommen angekündigt, Madonna stellt sich den Journalisten im Pressezentrum. Dass ihr Film nicht wirklich sehenswert sein soll, wird berichtet, doch der Umstand, dass der Star ein wenig Glanz über die Hauptstadt bringen könnte hat den Film selbstverständlich als Festivaltauglich ausgewiesen. Donnerstag, 14. Februar
Donnerstage sind Abreisetage,- das spürt man einmal mehr an den vielen Gästen, die bereits mit Rollkoffer und Flugticket zu den letzten Empfängen eilen. Plötzlich sind auch die Kontrollen an den Kinoeingängen, ob Kinokarte und Akkreditierung vorhanden sind nicht mehr so intensiv. Hat da Jemand Angst, die Kinosäle könnten verweisen? Traditionell liegt auch der FFF Empfang in der bayerischen Vertretung eher gegen Ende der Berlinale. Während sich draußen vor dem Eingang zahlreiche Menschen ohne Einladung drängen und auf Einlass hoffen, feiert die bayerische Filmszene die Erfolge der letzten Monate bei zünftigen bayerischen Speisen wie Weißwurst, Leberkäs etc. (in Bayern gibt es keine Vegetarier...) und hervorragenden (auch vegetariertauglichen) Desserts. Erfolgsmeldungen werden verlesen, Schecks übergeben, und überall treffen Filmleute zusammen, stellen neue Vorhaben vor oder hecken neue filmpolitische Schachzüge aus. Abends ist dann mein Aufenthalt in der Festivalstadt zu Ende. Nach ein paar Stunden Wartezeit auf dem Flughafen, weil Nebel über München großzügige Verspätungen verursacht, treffe ich dann wieder in München ein und erlebe endlich das eisige Wetter und den Eisregen, den ich eigentlich von Berlin gewohnt war. Filmkritiken 2008 finden Sie hier |
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