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"Aschermittwoch"

Interview mit Regisseurin Ileana Cosmovici

Dreharbeiten zu Aschermittwoch  

Ileana Cosmovici präsentierte auf der Berlinale 
ihren Abschlussfilm "Aschermittwoch". Der Kurzfilm lief zusammen mit "Zirkus is nich" und "Memoryeffekt" in der Sektion PERSPEKTIVE DEUTSCHES KINO.

 

Du hast es geschafft gleich mit Deinem Diplomabschlussfilm in die Auswahl der Berlinale zu kommen.

 Ja, und das freut mich sehr. Es hat mich auch gefreut, dass mir in der HFF München gesagt wurde, dass in der Vergangenheit selten ein Film genommen wurde bzw. schon länger nicht mehr und sie stolz darauf sind. 
Dieses Jahr laufe ich hier zusammen mit Sonja Heiss, die einen langen Dokumentarfilm gemacht hat. Ausserdem habe ich nicht damit gerechnet, dass die Berliner Kommission etwas mit dem Fasching am Hut haben könnte, wie die Bayern oder die Kölner. 
Da habe ich mich zum Glück wohl getäuscht.

Welche Rolle spielt denn für Dich der Fasching?

Der Fasching hat mich von Klein auf schon 
immer sehr fasziniert. Ich habe ihn immer besonders ausleben

können, weil meine Mutter uns stets mit tollen Kostümvariationen vom Flohmarkt ausgestattet hat. Und ich fand dieses Verkleiden und in andere Rollen zu schlüpfen, wie es auch Schauspieler machen, sehr spannend. Zu sehen wie ich mich und auch andere sich durch das Verkleiden verändern konnten, das hat Spaß gemacht. Es hatte eine Magie.
Als ich diese Geschichte geschrieben habe, war der Fasching anfangs noch gar nicht mit dabei. Er kam erst später als zweite Ebene hinzu, in die ich die eigentliche Geschichte, die Kerngeschichte, eingebettet habe. 
Denn es geht um zwei Menschen, die
durch ihren Beruf eine große Verantwortung haben, weil es ihre Aufgabe ist Leben zu retten und Leute zu schützen. Sie als Polizistin, er als Arzt.
Und beide verlieren in dieser Faschingsnacht, wo alle maskiert sind und keiner weiß, wer der andere wirklich ist, die Kontrolle. Das war für mich besonders interessant, diesen tragischen Kontrollverlust mit der zweiten Ebene des tobenden Faschings zu verbinden und die Geschichte mit den Figuren darin einzubetten.

Und warum „Aschermittwoch“ und nicht „Faschingsdienstag“?

Standfoto - Aschermittwoch  

Der Titel „Aschermittwoch“ hat sich interessanter Weise seit der ersten Drehbuchfassung nicht mehr geändert. Schließlich geht es in der Geschichte ja um die Ernüchterung, das Masken fallen lassen, die Nacktheit, das Pure, das Erkennen. Und im Religiösen Verständnis ist der Aschermittwoch ja der Tag, nach dem die Dämonen ausgetrieben worden sind und die Fastenzeit beginnt. 
Und so geht es ja auch meinen beiden Figuren. Sie werden von ihren inneren Dämonen die ganze Nacht gejagt, und erst am Morgen des Aschermittwochs kommen sie an einem Punkt, an dem sie schließlich die Verantwortung für ihr Handeln übernehmen und aus ihrem Rausch ernüchtern.

Das erklärt vielleicht schon ein wenig den Schluss. Aber warum hast du die Schlussszene gerade in diesem Moment als Standbild eingefroren?

Ich wollte den Blick der beiden festhalten. Als würde ich ein Foto von dem Moment machen, in dem alles gesagt ist und sich das Schicksal, das Schicksalhafte in deren beider Begegnung zeigt. Durch dieses Stilmittel des Einfrierens brennt es sich noch mehr in das Gedächtnis des Zuschauers ein und löst eigene Fantasie aus, was nun weiter mit Beiden passieren wird. 
Mir ging es nicht darum es aus zu erzählen, sondern genau diesen Moment, an dem sich für mich die Ernüchterung, die Erkenntnis und die Liebe, die Zweisamkeit und die Tragik vereinen, festzuhalten.

Jetzt hast Du gerade von dem Schicksal gesprochen, dass den Arzt und die Polizistin zwar verbindet, dennoch eigentlich ein ganz anderes ist. Wie hast du die beiden Charaktere differenziert und auch zusammengeführt? Und wie hast du die Schauspieler eben an diese Charaktere heran geführt?  

Ileana: Das Problem der Beiden Figuren ist äußerlich natürlich verschieden. Die Polizistin hat ein Abgrenzungsproblem mit Männern, weil sie selbst missbraucht worden ist. Das wollte ich aber absichtlich nicht offensichtlich in dem Kurzfilm thematisieren, nur benutzen, um unterschwellig eine Stimmung bei der Polizistin zu erzeugen. Ich wollte eine junge Frau zeigen, die von dem Sinn ihres Berufs überzeugt ist, jedoch mit dieser Männerwelt nicht wirklich entspannt klar kommen kann. Und somit ihre Berufswahl einerseits im Widerspruch mit dem zu stehen scheint, wie sie sich verhält und andererseits das spiegelt, was sie selbst braucht, nämlich Schutz und Respekt vor Grenzüberschreitungen. Sie identifiziert sich mit dem Opfer auf der Toilette und „missbraucht“ dabei ihre Rolle als Polizistin, durch den Gebrauch der Waffe, der ihre Angst und Wut symbolisiert.
Und diese Innenwelt und Doppeldeutigkeit der Figur SANDRA zu spielen war gerade die Herausforderung für Kathrin, meine Darstellerin. Wir haben uns die Rolle ganz genau erarbeiten müssen, da wir nicht viel Zeit hatten sie als Charakter einzuführen. Deswegen war auch da der Cast ganz wichtig. Wir haben viel geprobt und ausprobiert, bis wir die Figur immer mehr herauskristallisierten. Und wir haben auch festgestellt, dass sie auch etwas geheimnisvolles bekommen hat, weil sie etwas unnahbares hat.
Ich muss zugeben, ich hatte anfangs ein wenig Sorge, dass Sandra nicht klar oder nachvollziehbar werden würde, denn, wie gesagt, die Erzählzeit war ja nicht lang.
Ursprünglich war das Buch auch viel länger und wir mussten u.a. auch Kompromisse machen, weil wir zwei Sender, ARTE und den BR, mit an Bord hatten, was wirklich toll ist, aber eben auch Kompromisse einfordert, die manchmal auch schmerzlich sein können. Vor allem ARTE unterstützt bei dem Kurzfilmformat nur Längen von bis zu 25 Minuten.
Bei dem Arzt ist der Konflikt viel klarer: Er hängt (im wahrsten Sinne des Wortes!) an seiner abhängigen Zwillingsschwester VIOLA, die ein völlig anderes Leben führt, nicht geordnet und verantwortungsbewusst wie er, und besorgt ihr Opiate, um ihre Sucht zu kontrollieren.
Es war mir wichtig zu erzählen, dass ANDREAS als Arzt zwar einen verantwortungsvollen Job macht, aber eben auch diese andere verborgene dunklere Seite hat, die mit seiner Zwillingsschwester zusammenhängt und ihn durch sein Helfersyndrom unfrei macht für sein eigenes Leben.
Es geht bei beiden Charakteren darum, dass sie im Grunde keine bösen Menschen sind, sondern in ihrem Leben in Mustern gefangen sind, aus denen sie sich befreien wollen. Ihre Angst hindert sie aber daran und dann hilft das Schicksal nach.
Muster können im Leben so oft nur gesprengt werden, wenn etwas Unerwartetes, Schlimmes eintrifft, etwas außer Kontrolle gerät, wovon man dachte, es immer im Griff haben zu können.

Hattest Du Schwierigkeiten bei der Inszenierung? Oder haben Dinge nicht so funktioniert, wie Du sie Dir eigentlich vorgestellt hattest?

Das war unterschiedlich. Sehr schwierig war es, dass ich ein Team hatte, deren Leute ich fast alle nicht kannte. Viele meiner Bekannten und Freunde waren gerade zu meiner Vorbereitungszeit und dem Dreh in anderen Produktionen oder verreist.
Wir hatten auch sehr viele Komparsen, um den Fasching zu inszenieren. Das war auch eine ganz schöne
Herausforderung für das Regieteam, Maske und Kostüm.
Aber die Arbeit mit den Schauspielern war intensiv und schön. Oft ist uns natürlich auch die Zeit davon

Standfoto Aschermittwoch  

 gelaufen, oder ich musste mich mit organisatorischen Dingen beschäftigen und konnte auch manchmal nicht ganz bei meinen Darstellern sein. Und natürlich gab es Szenen, die flutschten und Szenen, bei denen es schwieriger war gleich in die emotionale Ebene zu kommen. Gerade wenn wir nachts Außendrehs hatten, und es doch noch sehr kalt wurde. Dann ist ein Faktor immer auch die Intensität und Färbung einer Szene, wie zum Beispiel die Szene der Vergewaltigung auf dem Klo oder die Szene mit den beiden im Auto und man kann auch nicht chronologisch drehen. Das macht alles natürlich noch ein wenig schwieriger.
Schließlich zeigt man in einem Kurzfilm ja auch so etwas wie Abrisse aus einer langen Geschichte. Das sind ja oft nur ganz kurze aber eben auch sehr dichte Momente gewesen, die sie zu spielen hatten und gerade die müssen dann gut sitzen, weil eine schwache Stelle viel mehr auffällt, als in einem Langfilm.
Ich bin natürlich zufrieden, gerade jetzt wo er fertig ist. Es gab immer wieder Momente im Schnitt, wo ich dachte, das wird jetzt doch nicht so wie ich mir das gewünscht habe, weil ich da falsch gedacht, ein Detail vergessen oder zu wenig reflektiert hatte. Aber man lernt ja mit jedem Film mehr.
Und klar gab es auch mal einen Moment, wo ich zum Beispiel auch einen Blackout hatte und Florian mein Hauptdarsteller mir einen neuen Vorschlag machte. Da musste ich als Regisseurin aufpassen, dass ich mich nicht gleich von meiner Vision wegbewege. Man macht immer diesen Spagat zwischen dem Versuch möglichst nahe am Buch zu bleiben und gleichzeitig die Offenheit zu haben, ein Angebot von einem Schauspieler anzunehmen und es abzuwägen. Gerade wenn Du so unter Druck stehst, weil ein ganzes Team für Dich arbeitet und das für so wenig Geld oder es klappt etwas wichtiges nicht, dann brauchst du selbstverständlich eine irrsinnige Konzentration, Ruhe, Gelassenheit und eine große Portion Humor. Und ich hatte natürlich auch ganz schön kritische Momente, wo z.B. Komparsen auf einmal gehen wollten, die die ganze Zeit neben den Hauptdarstellern zu sehen waren...
Im Ganzen war das Umsetzen von ASCHERMITTWOCH eine tolle und wertvolle Erfahrung für meine Regiearbeit und der Film auch eine absolute Bereicherung. Und das Resultat kann sich ja auch sehr gut sehen lassen.

Und wie hat sich deine Arbeit nach Drehende gestaltet? Gerade in der Postproduktion? Was war Dir bei der Montage besonders wichtig?

Markus Herm, mein Cutter, und ich, hatten anfangs einige Schwierigkeiten zu bewältigen. Das lag auch an der Auflösung. Für die Auflösung hätte ich doch noch mehr Zeit mit meinem Kameramann gebraucht. Dafür hatte ich sie aber zum Glück mit meinem Komponisten, denn es war nicht einfach eine Musik zu finden, die den Film nicht überschwemmt und aber trotzdem die emotionale Ebene der Handlung gekonnt unterstützt. Wir haben uns sehr viele Gedanken über die Musik gemacht, viel ausprobiert, den Mut gehabt auch wieder Dinge zu verwerfen. Es ist eine ganz eigene Arbeit mit einem Komponisten zu arbeiten, weil man erst eine gemeinsame Sprache entwickeln muss und einfach auch viel über Emotionen sprechen muss, über die emotionale Ebene des Films.
Wir wollten beiden Charakteren ein Thema geben. Und was man am Anfang in der Titelsequenz hört, das wird später noch mal aufgegriffen, wenn die beiden Figuren
aufeinander treffen.
Während der Montage, als wir schon sehr weit waren, haben wir ein Testscreening gemacht, weil wir keinen Abstand mehr hatten und uns an einigen Stellen nicht klar war, wie das die Zuschauer verstehen könnten. Das war in vielerlei Hinsicht sehr gut, weil wir durch die Reaktionen natürlich sehen konnten, an welche Stellen es Schwierigkeiten im Verständnis gab. Wir haben daraufhin einige Szenen umgestellt und dadurch noch einmal eine stärkere Wirkung erzielen können. Das hat dem Film gut getan. Das kann ich jedem raten, denn irgendwann sieht man bestimmte Dinge einfach nicht mehr mit genug Abstand. Man ist schon etwas blind und kann es nicht mehr beurteilen. Deshalb ist es gut sich andere Meinungen einzuholen. Nicht um es denen recht zu machen, sondern um zu sehen, ob man das erreicht, was man mit dem Film erreichen will und ob der Zuschauer mitgeht.

„Aschermittwoch“ hat hier auf der Berlinale seine Erstaufführung. Auf was für einem Format wird man denn den Film hier auf der Berlinale sehen?

Auf HD. Darauf bin ich selbst sehr gespannt, weil ich den Film bisher nur von einer DigiBeta Ausspiellung auf einer großen Leinwand gesehen habe. Da denke ich wird noch mal ein erheblicher Unterschied sein, denn HD hat ja eine viel höhere Auflösung.  Das war auch ein Experiment, dass wir auf HDV gedreht haben, mit einem 35mm - Adapter, mit dem man eine gewisse Tiefenschärfe erzeugen konnte, das dem Kinoerlebnis näher kommt. Mit dem Format hatte ich bisher noch keine Erfahrungen.

Bist Du nervös vor der Aufführung?

Ja doch, schon. Und wenn es heute noch mit dem Testscreening klappt, dann kann ich mit Sicherheit auch besser schlafen. Mein Kameramann hat gesagt, er kann dann gelassener in die Vorführung gehen. Er kennt den Film nur vom Rohschnitt, ohne Farbkorrektur. Ich wünsche mir sehr, dass ich mit ASCHERMITTWOCH das Publikum anspreche, berühre und vor allem auch zum Nachdenken und darüber sprechen anregen werde.

 

"Autopiloten"

Interview mit Regisseur Bastian Günther und Cutter Olaf Tischbier

Wir trafen den Regisseur und den Cutter von Autopiloten in Berlin und sprachen über den Film von der ersten Idee bis zur Premiere auf der Berlinale.
Bastian Günthers erster Langfilm wurde in der Sektion "Perspektive deutsches Kino" gezeigt. Er erzählt die Geschichte von vier Männern, die auf dem Autobahnnetz des Ruhrgebiets unterwegs zu sich selbst sind.

 

Das ist dein erster Langfilm. Und gleich auf der Berlinale, war das zu erwarten?

Bastian: Zu Erwarten war es nicht, dass wäre etwas zu vermessen gewesen. Wir hatten schon ein bisschen Hoffnung, dass wir Chancen haben dort zu laufen. Ende November haben wir einen Rohschnitt eingeschickt und Ende Dezember kam dann eine Zusage. Aber das war jetzt nicht zu Erwarten.

Der Film ist ein Episodenfilm und teils auch ein Roadmovie…

Bastian: Ein Episodenfilm ist es, aber ich würde nicht sagen dass es ein Roadmovie ist.
Zumindest kein typisches Roadmovie, wie man es aus amerikanischen Filmen kennt. Ich nenne das eher einen Transit Film. Weil die Leute sind zwar physisch, aber auch innerlich unterwegs. Diese Figuren sind haltlos, docken nirgends an, sie sind im Raum und schweben ein bisschen vor sich hin. Deshalb sage ich es ist ein Transit Film.

Du hast gerade deine Charaktere angesprochen. Was verbindet diese in der Geschichte?

Bastian: Alle verbindet diese innere Unruhe. Die Figuren sind einfach unstet, rastlos, haben sich selbst über die Jahre hinweg einen Erwartungsdruck aufgebaut und laufen einem Wunschbild hinterher. Das ist eigentlich bei allen vier Figuren so.

Bei der Premiere hast du gesagt, dass du zuerst die einzelnen Geschichten, die Charaktere, entwickelt und dann erst die Geschichte zusammengefügt hast. Das heißt die Handlung selbst hast du erst später entwickelt?

Bastian: Ich glaube anders ist das auch gar nicht möglich. Wenn man ein Drehbuch für einen Episodenfilm schreibt und dann direkt mit den Verschränkungen, den Verzahnungen der einzelnen Episoden anfängt, dann verzettelt man sich und verliert irgendwann den Überblick. Wichtig war es erst mal die Figuren und deren Geschichten richtig zu entwickeln, bis das gestimmt hat. Erst wenn die Episoden fertig geschrieben waren, habe ich angefangen sie zu verschachteln. Die Versuchung pfiffige Übergänge und Begegnungen bei einem Episodenfilm aufzubauen ist natürlich immer groß, aber darüber hinaus vergisst man leicht seine Figuren zu entwickeln. Deshalb habe ich jede Figur und jede Episode einzeln entwickelt und erst im Nachhinein verschränkt.

Inwiefern hast du beim Schreiben schon über den Schnitt nachgedacht?

Bastian: Wir hatten meistens wenige Einstellungen für eine Szene. Und gerade beim Episodenfilm sollte man sich nie darauf verlassen im Schnitt Sachen lösen zu können oder zu sehen wann ein Sprung in eine andere Szene möglich ist. Das muss schon alles vorher im Drehbuch klar sein. Bis auf zwei Szenen, sind alle Szenen im Schnitt mit dem Drehbuch identisch. Anders wäre das auch verantwortungslos.

Olaf: In diesem Fall liegt es auch daran, dass der Film innerhalb von 24 Stunden spielt. Und dadurch hat man gar nicht so große Möglichkeiten, weil sonst der Ablauf durcheinander geraten könnte.

Mit langen Einstellungen zu drehen ist für Schauspieler oft schwieriger, dabei müssen sie mehr auf Timing und andere Faktoren achten. Empfandest du es selbst auch als problematischer?

Bastian: Ich würde nicht sagen, dass es für Schauspieler schwieriger ist. Ich glaube für Schauspieler ist es besser, denen macht es mehr Spaß in langen Einstellungen zu arbeiten. Und selbst wenn wir Pick Ups drehen, was selten vorkommt, lass ich trotzdem fast die gesamte Szene spielen. Ich finde es wichtig, dass Schauspieler immer die Szene durchspielen und man nicht kurze Stücke einfach herausnimmt. Die meisten Schauspieler sind dankbar wenn man so arbeitet.

Olaf: Als Schauspieler ist man auch ein wenig freier. Wenn man eine Szene hoch auflöst heißt das für den Schauspieler, dass er immer gleich spielen muss, sonst kann man die Szene nicht schneiden. Wenn ich eine Plansequenz habe, kann der Schauspieler diese ganz unterschiedlich spielen. Da muss ich nur am Ende entscheiden welche Einstellung ich verwende.

Habt ihr vorher viel geprobt oder waren die ersten Takes die Probe?

Bastian: Wir machen normalerweise relativ wenig Takes. In diesem Film haben wir auch Szenen gehabt die mussten neun oder zehnmal gedreht werden. In der Regel ist es so, dass wir zwischen drei und fünf Takes nehmen. Wobei die ersten beiden meistens die Besten sind. Die nächsten Guten würden wahrscheinlich erst ab Take 40 kommen, wenn der Schauspieler so erschöpft ist dass er irgendwie alles fallen lässt. Aber…..Was hattest du noch mal gefragt?

Olaf:  Die Probe.

Bastian: Ach, die Probe! Vor dem Filmdreh an sich wird das Drehbuch nicht geprobt. Das machen wir immer am Drehtag selbst, da proben wir wirklich nur die Szene die gedreht wird. Ich sage auch nicht den Leuten was sie machen sollen, es gibt zwar dieses Drehbuch, und es gibt die Dialogzeilen, aber die funktionieren mehr als eine art Halt. Wie eine Liane im Dschungel von der man sich von einer zur nächsten schwingt, aber im Grunde ist es eine Zusammenarbeit und man probiert solange daran herum durch Improvisation bis die Szene so homogen funktioniert, dass sie uns gefällt. Dann gibt es eine Stellprobe mit dem Kameramann und es wird sofort gedreht. Dadurch bekommt es so was Frisches.

Bereitest Du Dich auch mit den Schauspielern Auf den Dreh vor?

Bastian: Klar, vorher haben wir viele Gespräche über die Rolle, das Thema, auch einzelne Szenen, Sinn der Szene, Wirkung auf die Figur. Es wird alles sehr viel besprochen. Zum Teil entwickeln auch die Schauspieler etwas.
Charly Hübner zum Beispiel hat die Figur von dem Badewannenliftvertreter mitentwickelt.
Charly und ich haben uns in der Zeit, in der ich das Drehbuch geschrieben habe immer mal wieder zusammengesetzt und haben über die Figur gesprochen. Ein zweimal gab es Probeaufnahmen bei denen man so eine Art Interview mit der Figur macht. Also, wo Charly sich hinsetzt und ich interviewe ihn als die Figur Jörg Türmer. So kann man ein wenig herausfinden wie der Typ drauf ist. Was funktioniert, was funktioniert nicht für die Geschichte die man vorhat. Das sind in dem Sinne keine Proben, sondern mehr eine Stoffentwicklung.
Nur die eigentlichen Szenen die im Drehbuch sind, werden am Tag selbst geprobt. Wenn man es tot probt, ist einfach die Frische weg.

Wie lange habt ihr insgesamt für den Film gebraucht?

Vom ersten Treatment bis zur Berlinale sind es jetzt genau zwei Jahre. Also ging relativ schnell.

Und allein der Schnitt? Wie lange habt ihr dafür zusammengesessen?

Olaf: Ich hab schon bei den Drehzeiten angefangen, allerdings mit Assistententätigkeiten und dann haben wir beide zwei Monate daran geschnitten.

Was heißt Assistententätigkeit?

Olaf: Den Ton angeben und so weiter. Ich hatte keinen Assistenten und habe das selber gemacht.

Bastian: Aber es war schon so, dass Olaf parallel zum Dreh das Material vom Vortag bekommt und die Szenen auch schon mal schneidet. Auch um zu sehen, ob alles funktioniert und schneidbar ist. Während dem Dreh hat er mir immer DVD’s mit den geschnittenen Szenen geschickt, manchmal roh manchmal schon feiner, damit ich sehen konnte ob alles funktioniert, so wie wir uns das vorstellen. Als ich nach dem Dreh in den Schneideraum kam, gab es eigentlich schon einen Rohschnitt.

Drei Filme habt ihr schon zusammen gemacht. Ist ein weiterer Film in Planung?

Bastian: Ich schreib gerade an einem anderen Stoff. Aber das ist noch ganz am Anfang in der Treatmentphase. Bis da Olaf ins Spiel kommt wird das noch dauern. Das geht nicht so schnell.

Wenn man als Regisseur und als Cutter gut miteinander zusammenarbeitet, bleibt man dann bei den nächsten Projekten zusammen oder entscheidet sich das von Projekt zu Projekt?

Olaf: (lacht) Da bin ich aber auch mal neugierig!

Bastian: (lacht) Olaf, geh doch mal raus. Grundsätzlich ist es so, dass ich gerne mit Leuten weiter zusammenarbeite. Mit Olaf war es jetzt der dritte Film. Mit Michael Kotschi, dem Kameramann, der vierte Film den wir zusammen machen. Martin, Producer und Produktionsleiter, hat in der DFFB all meine Filme betreut. Almut Stier, Verantwortliche für die Kostüme, war jetzt schon zum zweiten Mal dabei. Charly und Harald Koch, die beiden Schauspieler sind auch schon öfter dabei gewesen. Ich finde es gut einen festen Kern von Leuten zu haben, die miteinander arbeiten, weil man sich so zusammen weiter entwickelt. Als Olaf den ersten Film von mir geschnitten hat, war er ein bisschen darüber erstaunt als ich gesagt habe, er soll die Einstellungen länger stehen lassen und noch länger stehen lassen. Es hat erst einmal Zeit gebraucht bis er sich daran gewöhnt hat, wie der Rhythmus in meinem Film ist. Warum sollte man dann nach drei Filmen sagen, jetzt wo es funktioniert hole ich mir einen neuen Cutter.

Olaf, du hast nicht an der DFFB studiert. Wie bist du zum Cutten gekommen?

Olaf: Ich war auf einer Kameraassistentenschule und wir mussten auch selbst schneiden. Da habe ich festgestellt, dass mir das ganz gut liegt. Also habe ich mich damit weiter beschäftigt.

Hast du dann eine Ausbildung gemacht?

Olaf: Nein. Aber meine persönliche Meinung ist auch, die reine Technik zu begreifen ist nicht so schwierig für einen Cutter. Mittlerweile hat man auf jedem neugekauften Computer ein Schnittprogramm. Man muss sich dann eher damit beschäftigen wie man den Film schneidet.

Bastian, Du hast nicht sofort angefangen an der DFFB zu studieren, sondern Lehramt. Wie bist du von da auf Regie gekommen?

Bastian: Lehramt war eher eine Notlösung, ich wollte schon nach dem ABI gerne auf eine Filmhochschule. Mir war aber klar dass dies keinen Sinn macht. Wenn du mit 21 oder 20 Jahren nach dem Zivildienst auf die Filmhochschule gehst, was willst du da erzählen. Da kannst du einen Film über deinen Zivildienst machen oder über deine Schulzeit. Ich finde es sehr wichtig, dass du nicht mit 22 an eine Filmhochschule gehst, sondern erst einmal ein paar Jahre irgendwas machst, ein bisschen was erlebst oder sonst was. Ich dachte auch, ich habe überhaupt keine Chance wenn ich mich jetzt direkt nach der Schule da bewerbe. Ich wusste nicht wie Film funktioniert, wie man eine Szene dreht, wie man das schneidet! Wie macht man einen Film! Das wusste ich ja nicht! Man muss erst einmal Filme sehen, Bücher lesen, ausprobieren. Das braucht auch Zeit, sich das selbst beizubringen. Zumindest soweit beizubringen, dass man einen Bewerbungsfilm drehen kann der Chancen hat. Irgendwann hab ich das Lehramtsstudium abgebrochen, weil es öde war. Und dann hab ich mich beworben.

Du hast während deinem Studium an der DFFB Regieassistenz bei Christian Petzold gemacht. Hast du dort Erfahrungen für dich selbst mitnehmen können ?

Bastian: Ich konnte mir da einiges abschauen. Und es war eine sehr gute Erfahrung die Assistenz beim Christian zu machen, weil er im Grunde sehr ruhig arbeitet und die Arbeit am Set nicht hektisch ist. Genauso ist es bei uns auch. Es geht auch so, dass man ruhig und konzentriert arbeitet, ohne dass man als Regisseur immer die Riesenansagen machen muss, oder man ständig Hektik verbreitet.
Das Konzept mit Schauspielern zusammenzuarbeiten und morgens zu proben, habe ich mir abgeschaut. Bei Hans Fromm, die beiden arbeiten auch schon lange zusammen, konnten Kotschi und ich auch über die Schulter schauen. Christian war für „Ende einer Strecke“ auch mal im Schneideraum und hat das Drehbuch für den Film gelesen. Es war auf jeden Fall eine sehr gute Sache für mich, dass ich immer dabei sein konnte.

Wie bist du auf die Idee zu deinem Film gekommen?

Bastian: Das Thema interessiert mich. Einsamkeit, Wunschbilder, innere Unruhe. Das sind Themen die seit ein paar Jahren sehr präsent bei uns sind. Gerade im Mittelstand wo die materiellen Sicherheiten eigentlich vorhanden sind und man im Grunde einigermaßen entspannt sein könnte. Aber diese Reize die von außen kommen und die Wunschbilder denen man nachjagt, das sind schon fast Luxusprobleme. Das finde ich sehr interessant.

Wo sind deine Stärken oder Vorlieben? Beim Schreiben oder am Set?

Bastian: Das Schöne ist, dass jede Arbeit anders ist. Drehbuchschreiben ist: man steht morgens auf, irgendwann fängt man an zu schreiben, irgendwann hört man wieder auf. Es ist alles relativ frei. Dann kommt die Arbeit am Set, dort ist man manchmal Extremsituationen ausgesetzt oder muss auch mal länger arbeiten. Wobei wir jetzt nie 14 Stunden drehen, wir versuchen immer 10 Stunden und danach ist Schluss. Alles was länger ist bringt dann auch nicht mehr viel. Und zum Schnitt gehst du wie ins Büro, morgens um zehn hin und abends um sechs gehst du wieder.
Am meisten Spaß macht aber die Arbeit am Set. Das ist einfach die schönste Arbeit.

Wisst ihr schon wie es weitergehen wird mit dem Film?

Bastian: Die Vorstellungen auf der Berlinale sind jetzt vorbei. Am 11. März läuft er auf der lit.Cologne, eine Literaturmesse die zum ersten Mal ein kleines Filmprogramm mit einem Werkstattgespräch machen, vom Drehbuch zum fertigen Film nennt sich das.
Durch die Berlinale hoffen wir jetzt, dass wir einen Verleih bekommen, die Chancen darauf kann ich aber im Moment nicht einschätzen.

 

"OSDORF"

Interview mit Maja Classen 

Wir unterhielten uns mit Maja Classen über ihren Abschlussfilm "Osdorf", der auf der Berlinale in der Sektion PERSPEKTIVE DEUTSCHES KINO seine Premiere feierte.

Wie bist Du zu diesem Thema gekommen?

Ausgangspunkt war das Präventionsprojekt "Gefangene helfen Jugendlichen". Als ich davon gehört habe, fand ich das super interessant. Gerade den Ansatz: ´Es sind nicht Sozialarbeiter oder Lehrer, die Jugendlichen etwas erzählen, sondern Gefangene die selbst dort waren, wo die Jugendlichen jetzt sind. Sie laden die Jugendlichen ins Gefängnis ein und reden mit ihnen. Daraus entstand auch die ursprüngliche Idee dieses Projekt voll und ganz zu begleiten. Das ist aber leider nicht zu hundert Prozent aufgegangen. Wie das bei Dokumentarfilmen eben oft so ist. Man legt mit einem Konzept los, aber verschiedene Dinge funktionieren dann einfach nicht. Dann findet man aber neue Geschichten und die sind dann wie Geschenke. So habe ich auch die beiden Protagonisten gefunden, die dann die eigentlichen Hauptpersonen geworden sind.

Der Bruder von Alican, der im Gefängnis sitzt und bei dem Projekt mitgemacht hat, wollte nicht mehr gefilmt werden. Ist deswegen die ursprüngliche Idee gescheitert?

Nein, das geschah alles erst im Nachhinein. Es war so, dass wir die Gruppe selbst in ihrem Gruppenprozess begleiten wollten. Mitten im Drehen aber sagten die beiden Anführer plötzlich, sie seien gegen den Film. Worauf sie auch schlechte Stimmung in der Gruppe und auch gegen mich persönlich gemacht haben. Ich wollte und konnte aber nicht mit Leuten drehen, die keine Lust dazu hatten. Das funktionierte einfach nicht. Also konnten wir die Gruppe, so wie den Besuch im Gefängnis als sehr wichtige Episode erzählen, aber es hätte nicht mehr funktioniert, dass das allein den ganzen Film trägt. Mit Siar und Alician war das dann schnell klar. Die beiden überzeugten schon beim Drehen und auch am Ende im Schnitt. Ich glaube, es ist ganz wichtig, dass Protagonisten sympathisch sind, sonst funktioniert ein Film nicht. Und bei den Beiden waren sich einfach alle einig, auch der Cutter, dass sie den Film tragen.

Es gab letztes Jahr die Geschichte mit der Rütli Schule, die auch in den Medien sehr aufgebauscht wurde. Das war ja auch ein sehr wichtiger Aspekt für Dich, die Rolle und Präsenz der Medien. Kannst Du darüber noch etwas erzählen?

Der Vorfall an der Rütli Schule war letztes Jahr im Frühling, da hatten wir schon 3 Monate abgedreht. Es gab zum einen die Geschichte mit der Rütli Schule hier in Berlin und während wir in Osdorf drehten kam es zu den Unruhen in den Pariser Banlieus. Kurz bevor wir zum Drehen nach Osdorf kamen, waren ziemlich viele Reporter der Boulevardpresse dort gewesen, mit denen die Jugendlichen sehr negative Erfahrungen gemacht haben. Sie sind zum Beispiel bezahlt worden, um Gewaltposen einzunehmen. Dementsprechend war auch die Haltung mit der man uns zunächst begegnet ist. Viele waren misstrauisch und haben gesagt, sie wollen nicht immer auf diese Art und Weise dargestellt werden. Andere wiederum haben genau dieses Klischee vor der Kamera repräsentiert. Auf der Straße sind uns sogar kleine Kinder vor die Kamera gesprungen, die in die Kamera geboxt haben und dazu schrieen: "Wir sind die heftigsten". Außerdem haben uns die Jugendlichen immer wieder angeboten Schlägereien zu initiieren und meinten, "das ist es doch, was ihr sehen wollt. Darum geht es hier doch!" Es hat eine Zeit gedauert, bis sie gemerkt haben, dass das nicht ist, was uns interessiert, sondern dass wir wissen wollen, wie sie als Menschen sind, woher sie kommen, wieso sie in diesen kriminellen Strukturen sind usw. Irgendwann ist dann der Groschen gefallen und die Jungs wurden offener.

Das Vertrauen spielt in diesem Fall ja eine große Rolle. Hat es lange gedauert, bis Du eine gewisse Vertrauensbasis aufgebaut hattest, so dass sie ihr Macho-Gehabe ablegten und auch ehrliche Antworten gaben?

Bei den zwei Hauptprotagonisten, Siar und Alican, hat das gar nicht lange gedauert. Als ich die ersten Gespräche mit Ihnen geführt habe, war schon klar, die haben Lust. Interessant an Ihnen war, dass sie zwei Seiten von sich zeigten. In der Gruppe legten sie schon so eine gewisse Attitüde an den Tag, die aber im Einzelgespräch verschwunden ist. Und sie hatten dann auch kein Problem mehr nett zu sein. Das formulieren sie dann ja auch vor der Kamera ganz offen. Siar sagt: "Wenn ich hier so nett bin wie zu euch, dann bin ich auf der untersten Stufe. Dann bin ich ein Knecht. Das geht nicht! Ich muss mich hier hocharbeiten." Oder Alician, der sagt: "Ich habe das alles gemacht um meinen Namen hoch zu bringen. Ich wollte Anerkennung." Und dass sie das selber auch so erkennen, das fand ich erstaunlich und toll.

Kannst Du etwas über deine Arbeitsweise erzählen. Hast Du Dich vor dem eigentlichen Drehbeginn viel vorbereitet, recherchiert, ein bestimmtes Drehkonzept entwickelt? Oder seid Ihr einfach losgegangen und habt euch vor Ort informiert? War das Drehen strukturiert oder spontan?

Am Anfang habe ich sehr viel vorbereitet und es verlief alles sehr strukturiert. Allerdings musste ich den ursprünglichen Plan ja über den Haufen werfen, weil das mit dem Gefängnis nicht geklappt hat. Daraufhin bin ich sehr offen losgegangen und die Struktur hat sich erst wieder im Schnitt gefunden. Deswegen hat die Arbeit im Schneideraum auch sehr lange gedauert. Ich denke aber, das ist typisch für Dokumentarfilme.

Im Film zeigst Du Videoeinspielungen, die u.a. zeigen, wie ein einzelner Junge von einer Gruppe verprügelt wird. Sind das Originale, die die Jugendlichen selbst gedreht haben? Warum hast Du sie in den Film mit eingeflochten?

Das sind Handyfilme von den Jugendlichen. Ich habe ja schon erzählt, dass wir abgelehnt haben bei Prügeleien dabei zu sein und dass Prügeleien für die Kamera initiiert werden. Denn die Jungs haben zwar von ihren Gewalttaten erzählt, aber das war filmisch nie spürbar. Irgendwann meinten die Jungs zu mir, sie könnten auch Filme machen und hielten mir diese Videos unter die Nase. Wir haben dann im Schnitt beschlossen sie zu nehmen, obwohl auch das ein moralischer Konflikt gewesen ist. Denn die Jungs könnten es so verstehen, dass man sie dafür belohnt. Wenn man aber einen Film über ein solches Thema macht, dann kann man einfach nicht die Gewalt ganz außen vor lassen, man muss sie auch filmisch spürbar machen.

Die Jungen erzählen, dass sie ab und an auch mit Mädchen abhängen. Warum hast Du sie nicht gezeigt? War das beabsichtigt?

Überhaupt nicht. Es war tatsächlich so, dass Mädchen nie dabei waren, wenn sich unsere Jungs getroffen haben. Ich hatte den Eindruck, dass sie das sehr getrennt behandeln: sie haben zwar Freundinnen und flirten, aber sie treffen sich nur mit ihnen alleine. Zu den Treffen mit den Jungs werden die Mädchen nicht mitgenommen. Das was sich da abspielt sollen sie nicht mitbekommen. Das ist eine ganz komische Doppelmoral. Einerseits sind Mädchen nicht Leute mit denen man sich befreundet, andererseits muss man sie aber auch schützen. Und die, die dann genauso hart drauf sind, wie die Jungs selbst, werden dann als "Junkie Bitches" bezeichnet und vor ihnen hat man dann auch keinen Respekt. Ich habe schon darüber nachgedacht als nächstes einen Film über die Mädchen zu machen. Als zweiten Teil.

Glaubst Du, dass dieser Film vielleicht auch eine pädagogische Hilfe für die Jungs sein kann? Dass sie von ihrem Lebensstil wegkommen, sich selbst reflektieren und dadurch ein "legaleres" Leben führen werden?

Ich glaube nicht durch den Film. Das wäre schön, wenn ein Film das leisten könnte. Die beiden (Hauptprotagonisten, Anm. d. Red.) sind auf einem guten Weg, aber das ist noch lange nicht stabil. Wir haben vor ein Folgeprojekt mit ihnen zu machen. Etwas Semidokumentarisches. Ihre Geschichten von ihnen selber gespielt, in ihrer Umgebung, aber mit fiktiven Elementen gemischt, sodass die Fiktion wie ein Schutzmantel ist. So können wir mehr erzählen, denn es gab einiges, was wir in diesem Film nicht erzählen konnten. Wenn man sich im kriminellen Milieu bewegt, gibt es Sachen, die man nicht zeigen kann, weil man sonst Protagonisten gefährdet. Ich glaube, wenn das klappt, und wir dieses Projekt finanziert bekommen, dann könnte das tatsächlich eine Motivation sein, da raus zu kommen. Dann wären sie in einem kreativen Prozess eingebunden, der auch als soziales Projekt funktionieren kann. Aber ich würde vorsichtig damit sein, wie viel Wirkungskraft ein Film wirklich hat. Ich glaube viel wichtiger sind Förderprogramme. Und ich glaube, das Hauptproblem ist, dass es eine Gettoisierung gibt, Viertel in denen nur arme Menschen leben. Dort herrschen gewisse Straßencodes, bei denen man als Jugendlicher gezwungen ist mitzumachen, wenn man nicht der Außenseiter sein will. Ich finde da müsste man ansetzen.

Wie ist es, wenn man gleich mit seinem Abschlussfilm auf der Berlinale landet?

Es ist schon toll, weil es so ein kleiner Film ist, mit einem Mini-Budget. Wir waren auch immer nur zu viert unterwegs. Da ist es natürlich besonders, wenn man auf die Berlinale eingeladen wird. Das ist eine Auszeichnung. Ich glaube, dass es ein gutes Sprungbrett ist. Leben kann ich davon leider noch nicht.

 
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